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Hamburger Gängeviertel Künstler retten Stadt

17.12.2009 ·  Hamburg hat eine großzügige Entscheidung getroffen und das Gängeviertel vor dem schonungslosen Zugriff von Investoren bewahrt. Das ist nicht nur ein Triumph der Denkmalpflege, sondern auch Zeichen eines gewachsenen Bewusstseins für die Gefahr von Monopolisierungstendenzen in der Stadtplanung.

Von Peter Richter
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In Hamburg war diese Woche schon Bescherung. Das Geschenk hat sich die Stadt selbst gemacht, es hat 2,8 Millionen Euro gekostet, was zwar eine ganz schöne Menge Geld ist, wenn man bedenkt, dass Hamburg dafür noch nicht einmal etwas bekommt, sondern nur etwas behalten darf, was es schon hat – aber dafür können wirklich ausnahmslos alle nur laut und von Herzen Danke sagen: die Künstlerinitiative, die im sogenannten Gängeviertel alte Hamburger Handwerkerhäuser vor dem Abriss bewahren wollte, die Hamburger aller Generationen, auch erst noch kommender oder schon vergangener, und sogar die niederländische Investitionsfirma Hanzevast, die froh sein wird, dass sie ihr Geld und ihre Ruhe wiederhat. Denn eigentlich haben die Holländer ja nur getan, was eben ihr Geschäft ist: Sie haben ein Stück Stadt gekauft, wollten abreißen, neu bauen und Gewinn machen mit der üblichen Mischung aus Büros, Gastronomie und „hochwertigem Wohnen“ in einer Architektur, die, wie das üblicherweise dann heißt, „keine Schönheitspreise gewinnen“, sondern „wirtschaftlich“ sein soll.

Man fragt sich eher, welche Art von Küstennebel durch das Rathaus einer Stadt gewabert sein muss, die sich einerseits so viel auf ihre Schönheiten zugute hält, dann aber allen Ernstes die letzten kümmerlichen Reste an historischer Bausubstanz solchen Leuten verkauft, mit der ausdrücklichen Erlaubnis, denkmalgeschützte Häuser ruhig abzureißen. Wenn Touristen in Hamburg nach so etwas wie einer Altstadt fragen, kann man ihnen über weite Strecken eigentlich nur Anhäufungen von leidenschaftsloser Nachmoderne zeigen. Über Gesichtsausdrücke, die dem Satz „Da hätten wir auch nach Ludwigshafen oder sonst wohin fahren können“ gleichkommen, muss man sich dann nicht wundern. Und alles kann Hamburg den Engländern auch nicht in die Schuhe schieben: Der größere Teil der Vorkriegsbauten ist erst lange nach dem Feuersturm und auf eigene Initiative verschwunden.

Dass eine Stadt mit solchen Traditionen unter dem Druck ihrer Bürger ein Geschäft rückgängig macht und sich ihrer selbst besinnt, ist aber nicht nur ein seltener Triumph der Denkmalpflege; der ganze Vorgang ist paradigmatisch.

Stimmungsumschwung

Am Anfang stand in diesem August eine Hausbesetzung, und dass das bürgerliche Hamburg darauf so ganz anders reagierte als in den achtziger Jahren auf die Besetzung der Hafenstraße, das lag vielleicht auch daran, dass es eher eine Wiederaneignung des zuvor systematisch entmieteten Quartiers durch junge Künstler war, und der Kunst, gerade der jungen, ist man grundsätzlich etwas schuldig, wenn man nicht riskieren will, wieder als banausenhafte Krämerseele dazustehen. Es hat sicher auch geholfen, dass der Künstler Daniel Richter die „Schirmherrschaft“ für die Besetzung übernommen hat, um so, durch Prominenz und bundespräsidiale Gesten, den Resonanzraum der Aktion bedeutend zu erweitern.

Und es kommt offensichtlich noch ein Stimmungsumschwung hinzu, ein wachsendes Bewusstsein dafür, was auf dem Spiel steht, wenn die Stadtentwicklung ganz den Wirtschaftlichkeitsinteressen von Investoren überlassen wird. Auch Leute, die schon bei dem Wort „Hausbesetzung“ die Telefonnummer des Verfassungsschutzes heraussuchen würden, kann es nicht freuen, wenn die letzten Reste eines kleinteiligen, gewachsenen, möglicherweise etwas unordentlichen innerstädtischen Lebens Platz machen müssen für noch eine weitere Anhäufung von H&M und Wolford und Wempe und Glasfassaden und maschinell gereinigter Todesstarre nach Ladenschluss.

Vermischung der Schmerzpunkte

Es ist eine interessante Mischung aus linken, liberalen und konservativen Schmerzpunkten, die da im Hamburger Gängeviertel zustande kam. Die Überzeugung, dass die Stadt auch den Ärmeren gehören sollte, den Ausländern, den Durchwurstlern und den Nichtsoeffizienten, trifft auf einen Unwillen über Monopolisierungstendenzen. Und die Angst vor dem Verlust einer ganzen Welt und der darin gespeicherten Erinnerung vermählt sich mit dem Glauben an die utopischen Potentiale des Alten, die Erfahrung, dass gerade in bröckelnden Mauern Energien für radikal Neues stecken, dass da, wo schon etwas war, die Chancen gut stehen, dass etwas wird.

Ob das dann wirklich Kunst sein muss, gute gar, ist eine ganz andere Frage. Diejenigen unter den Künstlern, die ihren Richard Florida gelesen haben, werden schon wissen, dass ihre Rolle am Ende die des Düngers ist, um den Boden für andere zu bereiten. Vielleicht wird eine Weile lang sogenannte Soziokultur im Gängeviertel betrieben werden, mit all der Folklore, die so etwas mit sich bringt. Vielleicht werden irgendwann Rechtsanwälte die Ateliers beziehen und ein H&M die Galerieräume. Vielleicht wird von ganz alleine passieren, was Hanzevast am Reißbrett geplant hatte. Vielleicht. Oder sogar ziemlich sicher. Aber so ist es in jeder Hinsicht ökologischer. Und es sieht besser aus.

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