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Hamburger Elbphilharmonie Imposante Welle auf Tiefgang

31.05.2010 ·  Sie soll in den Olymp der bedeutendsten Kulturstätten der Welt: Die Hamburger Elbphilharmonie feierte Richtfest, und Hamburg berauschte sich an der Architektur. Aber die Fragen und Probleme rund um den Prestigebau bleiben.

Von Christian Wildhagen
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Es ist eine der wirkungsmächtigsten Geschichten der Bibel: die Erzählung von jenem eigentümlichen Gebäude, dessen Spitze bis in den Himmel ragen sollte - als steingewordenes Symbol menschlicher Allmacht, die nicht einmal mehr vor dem Sitz der Götter oder gar des einen, noch allmächtigeren Gottes haltmacht. Bekanntlich ging die Sache, damals in Babylon, böse aus. Die Hybris, mehr sein zu wollen, als dem Menschen nun einmal zugedacht ist, schlug auf die kühnen Turmbauer zurück, verdrehte ihnen Zungen und Köpfe und verwirrte alle so nachhaltig, dass man das himmelstürmende Bauwerk unvollendet lassen musste. Dass das so herrlich vieldeutige Thema seit den Tagen Pieter Breughels immer wieder Künstler zu ähnlich hochfliegenden Bildphantasien inspiriert hat - wen wundert es.

Seit einiger Zeit mehren sich böse, noch nicht wieder pfingstlich besänftigte Zungen, die behaupten, Babylon liege heute an der Elbe. Mitten im schönen Hamburg, an der repräsentativsten Stelle der schicken neuen Hafencity, erfülle ein Unding von Turm, was die sprichwörtliche Gestalt verspreche: draußen eckig, drinnen ein Fass ohne Boden. Vieles hängt in diesem Fall von der Betrachtungsweise ab. Der Turm ist kein Turm, sondern eine imposante Welle, die dereinst in Richtung Innenstadt schwappen wird.

Großartige architektonische Qualität

Das böte natürlich Anlass für weitere biblische Vergleiche, aber im Reich der kühlen Hanseaten hält man sich besser an die Fakten: Ersonnen hat das Wunderwerk das Schweizer Architektenduo Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die zuvor durch Bauten wie das Pekinger Olympiastadion oder die Münchener Allianz-Arena von sich reden gemacht haben. Bezahlen sollte das Ganze ursprünglich nicht die Stadt, sondern ein Verbund aus spendierwilligen, dem hanseatischen Gemeinsinn verpflichteten Bürgern (die mittlerweile schon rund sechzig Millionen Euro zusammengetragen haben) und privaten Investoren, die sich dafür in Form von exklusiven Wohnungen und einem Fünf-Sterne-Hotel einen Teil vom Wunderkuchen abschneiden dürfen. Gedacht aber war und ist der Wunderturm, um unter dem Namen „Elbphilharmonie“ künstlerischen Glanz über die schnöde Kaufmannsstadt zu bringen, auf dass sie nun endlich in den Olymp der bedeutendsten Kulturstätten dieser Welt vordringe.

Bei dem großen Richtfest, das man am Wochenende in Hamburg mit rund achttausend Gästen beging, gab dieser hehre Vorsatz - wenig überraschend - den Ton an. Kaum einer wagte daran zu erinnern, dass man eigentlich zu diesem Zeitpunkt bereits die Eröffnung des vom Volksmund liebevoll „Elphi“ getauften Gebäudes feiern wollte. Stattdessen wurde immer wieder die großartige architektonische Qualität beschworen, an der es - ein Unikum bei einem derart zentralen und repräsentativen Bau - tatsächlich wenig öffentliche Kritik gibt. Das Herzstück des Hauses, der Große Konzertsaal, sei eine Weiterentwicklung vergleichbarer Bauten wie der Berliner Philharmonie, gab Pierre de Meuron stolz zu Protokoll. Er ließ die Hanseaten einmal mehr davon träumen, dass sie mit der Elbphilharmonie „einen der zehn besten Konzertsäle der Welt“ erhalten werden.

Kaufmännischer Geist und finanzielles Desaster

Niemand wollte die Feierstimmung ernsthaft mit dem Einwand trüben, dass dieser Wundersaal mit geplanten 2150 Sitzplätzen nebst zwei weiteren kleineren Sälen dereinst Abend für Abend gefüllt werden muss, wobei dann auch noch die alte Musikhalle, neuerdings „Laeiszhalle“ genannt, mit ihren rund 2300 Plätzen auf Besucher wartet. Woher alle diese Musikbegeisterten kommen sollen, vor allem dann, wenn „Elphi“ ihren Neuheitswert nach einigen Spielzeiten eingebüßt hat, steht derzeit in den Sternen. Ebensowenig wollte man an diesem Festtag jenen Unkenrufen Gehör geben, die das Hamburger Musikleben trotz illustrer Chefdirigentennamen wie Christoph von Dohnányi, Simone Young oder Jeffrey Tate längst noch nicht auf dem angestrebten Weltklasseniveau sehen. Ob die Stadt der berüchtigten Pfeffersäcke, die einst Johann Sebastian Bach wie auch ihren größten Sohn Johannes Brahms ziehen ließ, wirklich das Zeug zu einer Musikstadt hat, die sich ohne Anmaßung in einem Atemzug mit Wien nennen darf, ist weniger eine Frage des Geldes und des richtigen Saales als der Mentalität.

Bezeichnenderweise beschwor der Erste Bürgermeister Ole von Beust bei seiner Richtfestrede denn auch nicht den kulturellen, sondern den kaufmännischen Geist, der sich in Hamburg gerade in schwierigen Zeiten bewähre. Gemeint war damit das finanzielle (aber längst auch politische) Desaster, das rund um die Elbphilharmonie entstanden ist. Dessen Ausmaße sorgen mittlerweile buchstäblich für babylonische Verwirrung unter allen Beteiligten: Köpfe mussten rollen, Anwälte wurden bemüht, eine Partei misstraut der anderen; die Architekten streiten mit dem Generalunternehmer Hochtief über Pläne und angeblichen Pfusch am Bau, die Baufirma wiederum beklagt ständig steigende Anforderungen der Architekten, des Akustikers und der Stadt, die am Ende zumeist die Zeche zahlen muss. Derzeit sind es offiziell 323 Millionen, bei Gesamtbaukosten von rund einer halben Milliarde Euro. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass auch diese Summe noch nicht das Ende sein dürfte.

Projekt unter Beschuss

Vermutlich bezog sich von Beust ebendarauf mit dem nachdenklichen Satz, er wisse nicht, „ob wir heute, in Kenntnis der schwierigen Kassenlage, den Mut hätten, die Entscheidung für die Elbphilharmonie noch einmal zu treffen“. Dass er sich trotz des freudigen Anlasses zu „gemischten Gefühlen“ bekannte, war fraglos mehr als Nonchalance: Nur wenige Tage vor dem Richtfest hatte der Bürgermeister Einsparungen von einer Milliarde für die Hansestadt angekündigt - vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass das Projekt „Elbphilharmonie“ von allen Seiten unter Beschuss gerät.

Und selbst, wenn man es populistisch schimpft, Kita-Plätze, öffentliche Schwimmbäder oder Autobahnkilometer gegen einen solchen Bau aufzurechnen, dürfte aus ebendieser Diskussion gewaltiger politischer Druck auf das Stadtoberhaupt erwachsen. Der droht ihm zudem durch den im Mai eingesetzten Untersuchungsausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft, der einige peinliche Fragen nach der nicht immer glücklichen Rolle von Politik und Verwaltung bei der Bauplanung und -aufsicht stellen dürfte.

Himmelstürmendes Ziel geplant

Vielleicht entsteht daraus, unabhängig von den unerfreulichen Fakten und Zahlen, eine viel weiter gefasste Diskussion: die nach den Möglichkeiten des demokratischen Staates als Bauherr von repräsentativen Gebäuden, bei denen nicht der unmittelbare wirtschaftliche oder soziale Nutzen, sondern ein ideeller und kultureller Wert im Vordergrund steht. Warum, so wäre zu fragen, scheint es eine fatale Gesetzmäßigkeit zu geben, dass derartige Bauten fast immer teurer werden als ursprünglich veranschlagt? Muss die öffentliche Hand den Wähler etwa mit zu niedrig angesetzten Zahlen täuschen, weil Projekte wie das Berliner Schloss oder die Elbphilharmonie andernfalls nicht durchsetzbar wären? Oder besteht hier lediglich ein gravierendes Kommunikationsproblem?

In der Hansestadt steht derzeit nur eines fest: Ein Baustopp, ein Abbruch gar, könnte für jeden der Beteiligten schwerste Imageschäden, ja sogar das Aus bedeuten. Schon deshalb wird „Elphi“ ihr himmelstürmendes Ziel eines Tages erreichen. Hamburg will nicht Babylon sein.

Oktober 2001 Der Investor und Architekt Alexander Gérard unterbreitet dem Hamburger Senat die Idee, anstelle eines „Media City Port“ in der seit 2000 geplanten neuen Hafencity einen Konzertsaal zu errichten. Durch Spenden und private Investitionen soll das Projekt mit einem Investitionsvolumen von 95 Millionen Euro für die Stadt „kostenneutral“ sein.

Juni 2003 Das Schweizer Architektenbüro Herzog & de Meuron erarbeitet im Auftrag von Alexander Gérard den ersten Entwurf zu einer „Philharmonie Hamburg“, die auf dem 1963 bis 1966 von Werner Kallmorgen erbauten „Kaispeicher A“ errichtet werden soll.

November 2004 Die Investoren um Alexander Gérard übertragen ihre Rechte an dem Architektenvertrag an die Stadt Hamburg.

Februar 2005 Der Senat schreibt einen europaweiten Investorenwettbewerb für die Mantelbebauung aus, die ein Hotel, Park- und privaten Wohnraum umfassen soll.

Juli 2005 Machbarkeitsstudie zur Elbphilharmonie. Die Gesamtkosten sollen sich danach auf 186 Millionen Euro belaufen. Der Senat beschließt eine Begrenzung der Beteiligung durch die öffentliche Hand auf 77 Millionen Euro und beantragt die nötigen Planungsmittel bei der Bürgerschaft.

Oktober 2005 Die Mehrheit in der Hamburgischen Bürgerschaft spricht sich am 26. Oktober für das Projekt aus. Die Stiftung Elbphilharmonie wird gegründet, um Spenden einzuwerben und später den laufenden Betrieb der Elbphilharmonie zu unterstützen.

Juni 2006 Der Leiter des Wiener Konzerthauses, der Österreicher Christoph Lieben-Seutter, wird am 7. Juni als Generalintendant für Elbphilharmonie und Laeiszhalle vorgestellt.

November 2006 Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust muss am 29. November erstmals eine Kostensteigerung bekanntgeben: Die Baukosten erhöhen sich um rund ein Drittel auf nunmehr 241,3 Millionen Euro; der Anteil der Stadt steigt auf 114,3 Millionen Euro. Das Bauunternehmen Hochtief gewinnt das Bieterverfahren.

Februar 2007 Die Bürgerschaft stimmt am 28. Februar einstimmig für den Bau der Elbphilharmonie.

April 2007 Mit der Grundsteinlegung am 2. April beginnt die Entkernung des Kallmorgen-Baus. Zusätzliche Stabilisierungsmaßnahmen durch 650 Stützpfähle werden nötig.

Juni 2008 Am 10. Juni gibt Kultursenatorin Karin von Welck bekannt, dass sich die Eröffnung um ein Jahr verzögern wird. Als neuer Termin wird nun der Herbst 2011 genannt. Am 27. Juni deutet die Senatorin weitere Mehrbelastungen an, da eine Risikorücklage von 10 Millionen Euro die angefallenen Mehrkosten nicht decken könne.

September 2008 Medienberichte spekulieren über eine erneute Explosion der Kosten um etwa 100 Millionen auf nunmehr 340 Millionen Euro. Am 17. September entzieht Ole von Beust dem Chef der städtischen Realisierungsgesellschaft (ReGe), Hartmut Wegener, das Vertrauen. Sein Nachfolger wird Heribert Leutner.

November 2008 Die Kultursenatorin informiert am 26. November über neue Kosten- und Terminvereinbarungen. Gegenüber den Planungen vom November 2006 haben sich darin die Kosten für die öffentliche Hand auf 323 Millionen Euro verdreifacht; zuzüglich Spenden von rund 60 Millionen und privaten Investitionen für die Mantelbebauung belaufen sich die Gesamtbaukosten jetzt auf 503 Millionen Euro. Als spätestes Datum für die Fertigstellung des Baus wird November 2011 genannt; die Eröffnung des Konzertbetriebs wird für das Frühjahr 2012 in Aussicht gestellt.

Januar 2010 Verhandlungen über Nachforderungen des Generalunternehmers Hochtief und des Architektenbüros; im Ganzen ist von 39 Millionen Euro die Rede. Hochtief kündigt eine mögliche Verschiebung der Fertigstellung des Konzertsaals bis Ende 2012 an und nennt als Grund unter anderem Verzögerungen auf Seiten der Architekten. Diese weisen den Vorwurf zurück.

März 2010 Generalintendant Christoph Lieben-Seutter warnt die für die Eröffnungssaison engagierten Künstler und Orchester vor einer möglichen erneuten Verzögerung der Eröffnung.

April 2010 Die Stadt reicht am 7. April Klage gegen Hochtief ein, um einen verbindlichen Terminplan zu erhalten.

Mai 2010 Die Bürgerschaft setzt am 5. Mai einstimmig einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein, um die Ursachen der Kostensteigerungen zu klären. Mitte des Monats erscheinen Medienberichte über angebliche Baumängel, die namentlich die Bauausführung des Großen Konzertsaals betreffen sollen. Am 28. Mai wurde auf der Plaza der Elbphilharmonie das Richtfest gefeiert.

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