03.06.2010 · Die Eskalation auf den Booten der „Freiheitsflotte“ war kein Zufall. Die Hamas war bestens vorbereitet. Ihre Propaganda setzte im Nu ein. Für ihre Version eines zionistischen Massakers an wehrlosen humanitären Helfern muss sie manches unter den Tisch kehren.
Von Joseph CroitoruDie Bilder vom israelischen Kommandoeinsatz gegen die „Mavi Marmara“ waren kaum um die Welt gegangen, da hatte die arabischsprachige Internetseite der Hamas schon einen neuen Titelzug: Vor einem tiefschwarzen Nachthimmel, von dem große rote Tropfen fallen, segelt auf blutgetränktem Meer ein Schiff, das den Namen „Freiheitsflotte“ trägt. Die westliche Variante „Solidaritätsflotte“ muss den palästinensischen Islamisten wohl nicht kämpferisch genug geklungen haben. Sie hätte auch nicht mit ihrer seit längerem andauernden und von einer Website begleiteten Kampagne „Free Gaza“ harmoniert, deren Adresse sich übrigens nur durch den Ländercode „ps“ von jener der internationalen Aktivisten-Seite „freegaza.org.“ unterscheidet.
Große grelle arabische Lettern vermitteln auf dem schwarzroten Titelbanner die Sicht der Hamas auf den blutigen Überfall: „Massaker an der Freiheit“. Links darunter prangt eine schwarzweiße Grafik mit einer schematischen - einseitigen, versteht sich - Darstellung des israelischen Kommandoangriffs und der englischsprachigen Aufforderung, die Passagiere der „Freiheitsflotte“ freizulassen.
Inhaltlich und sprachlich sehr ausgefeilt
Klickt man sie an, leitet sie weiter zu einer eigenen Domain, der „flotilla2010“. Für besonders solidarische Besucher stehen hier mehrere Poster mit entsprechenden Parolen zum Herunterladen bereit. Sie scheinen ebenso Produkt längerer Vorbereitung zu sein wie die Rubrik „Fotos“, die nach der Stürmung der Gaza-Flottille rasch mit Bildern von den Protesten im westlichen Ausland befüllt wurde.
Zu Demonstrationen hatte denn auch nur wenige Stunden nach dem nächtlichen Militärangriff der stellvertretende Parlamentsvorsitzende der Hamas, Ahmad Baher, aufgerufen, und zwar in einer Rede, bei der man sich des Eindrucks kaum erwehren kann, auch sie sei, im Kern zumindest, von langer Hand vorbereitet. Nur ein einziges Mal versprach Baher sich beim Ablesen, oder vielmehr Rezitieren, seiner über acht Minuten langen Erklärung, die von beiden Satellitensendern der Hamas live übertragen wurde. Für eine spontane Presseerklärung mutet der Text inhaltlich wie sprachlich sehr ausgefeilt an - Baher führte sogar Bestimmungen des internationalen Seerechts mit den entsprechenden Paragraphen auf. Jedes Wort, jede Wendung war wohlüberlegt, der Adjektive, mit welchen die angebliche Vorsätzlichkeit des „Kriegsverbrechens des zionistischen Gebildes“ suggeriert wurde, waren reichlich.
Die Ansprache schloss mit Siegesparolen: Gleichgültig wie viele der Aktivisten zu Märtyrern geworden seien oder von den Zionisten nun entführt würden - die „Freiheitsflotte“ werde, wie überhaupt das palästinensische Volk, siegen. Eine ähnliche Rhetorik verwendete am folgenden Tag Faiz Abu Schumala, der Leitartikler der Hamas-Zeitung „Felesteen“. In seinem Beitrag allerdings siegte nicht das gesamte palästinensische Volk, sondern nur Gaza, und zwar über die Fatah, die Rivalin aus der Westbank. Hier nämlich ging es um den innerpalästinensischen Medienkrieg, den die Hamas mit ihren beiden fast pausenlos live sendenden Fernsehkanälen gegen die Säkularen mit ihrem nur einen Sender wieder einmal gewonnen zu haben meint: Stunden habe es gedauert, triumphierte der Autor, bis der Fatah-Sender über den Angriff endlich zu berichten begann. Nun: Ähnlich wie in Israel war man dort offenbar, anders wohl als in Gaza, vom Ausgang des Kommandoangriffs doch ziemlich überrascht.
Die Märtyrersehnsucht muslimischer Angreifer
Überrascht und sogar begeistert zeigte sich mancher Palästinenser in der Westbank von den Fernsehbildern, die zeigen, wie dürftig bewaffnete Muslime auf die israelischen Soldaten einprügeln. Ob es sich hier möglicherweise um einen gut geplanten, bewusst provozierenden Angriff der islamistischen Aktivisten auf dem Schiff handelte, war sekundär. „Wir waren stolz zu sehen, wie massiv bewaffnete Israelis, von der Sorte der Grenzschutzsoldaten, die uns jeden Tag an den Checkpoints schlagen, nun selbst Prügel beziehen“, sagte ein Mitarbeiter der palästinensischen Nachrichtenagentur „Maan“ aus Bethlehem dem israelischen Newsportal „Walla“. Es ist eine verständliche Reaktion. Denn die israelische Aktion gegen die Gaza-Helfer gemahnt an das vielbeschworene Bild vom heldenhaften Widerstand der unterdrückten Palästinenser gegen die militärisch weit überlegenen israelischen Besatzer.
Von dieser Assoziation macht auch die Hamas in ihrer Darstellung der Ereignisse gerne Gebrauch. Freilich muss sie, will sie ihre Version von einem zionistischen Massaker an wehrlosen humanitären Helfern aufrechterhalten, manches unter den Tisch kehren. Dazu gehört, dass sich immer stärker herauskristallisiert, dass ein Teil der muslimischen Angreifer von Märtyrersehnsucht getrieben war. Das legt den Verdacht nahe, bei ihrem Angriff auf die israelischen Elitesoldaten könne es sich um eine Art Suizidmission gehandelt haben, welche die israelische Militäraktion gezielt eskalieren und sie in einem Blutbad enden lassen sollte. Für einen klaren Vorsatz sprechen die Äxte, Eisenstangen, Messer und Dolche, die zum Einsatz kamen. Diese Lesart aber passt nicht in die propagandistische Opferinszenierung der Hamas.
So war gestern weder auf ihrer Internetseite - ob der arabisch- oder türkischsprachigen - noch in ihrer Zeitung „Felesteen“ irgendetwas über die türkischen Presseberichte zu lesen, in denen von dem Wunsch von zumindest drei der getöteten Türken, als Märtyrer zu sterben, die Rede war. Auch nichts davon, dass der in Holland lebende palästinensische Aktivist Amin Abou Rashed, der sich auf einem der Schiffe befand, den Angaben der niederländischen Sicherheitsbehörden zufolge früher für die europaweit operierende islamistische Wohlfahrtsorganisation „Al-Aqsa“ wirkte.
Weil ihre Niederlassung in Deutschland erwiesenermaßen der Hamas nahestand, wurde sie Ende 2004 verboten. In der Begründung des Bundesverwaltungsgerichts hieß es damals: „Der Al-Aqsa-Verein unterstützt teilweise über unverdächtig erscheinende Hilfsorganisationen die Gewaltaktionen der Hamas.“
Todessehnsucht und Entschlossenheit sind nicht das gleiche
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 04.06.2010, 16:37 Uhr
Westliche Medien
Florian Kenklehoff (iamphil)
- 04.06.2010, 19:22 Uhr