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Halbe Hemden, frisch gestärkt

28.02.2003 ·  Mit offener Brust dem Stier entgegen: Maxim Billers neuer Roman "Esra" packt die Liebe bei den Hörnern

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Wie schade, daß die Liebe so selten ein Roman ist. Wenn ein Roman zu Ende geht, ist man vielleicht enttäuscht, doch war von Anfang an klar, daß die Geschichte nicht ewig dauern würde. Und selbst wenn man einen Herzschlag lang darüber erschrocken ist, daß das Schlußkapitel anbricht, so war das Ende doch seit langem absehbar. Schuldzuweisungen erübrigen sich, denn die Verantwortung für den vielleicht tragischen, vielleicht glücklichen Verlauf der Handlung trägt allein der Autor. Vor allem aber kann der Roman enden, ohne gescheitert zu sein. In der Liebe wäre das die wahre Utopie.

Nun war Literatur stets ein Medium, das die Scherben zerbrochenen Liebes- und Lebensglücks zum optischen Apparat für überscharfe Wahrnehmungen umschliff. Auch Maxim Billers neuer Roman "Esra" folgt dem alten Topos, daß der Schlußpfiff der Liebe der Anstoß des Erzählens ist: "Warum, bedeutete das Fragezeichen jedem, der Esras und meine Geschichte kannte, kann diese Geschichte nicht gut ausgehen - und wer wird schuld daran sein?" Dieser Frage geht Biller, dessen Erzähler bis ins Detail Züge des Autors trägt, über zweihundert Seiten lang nach, um am Ende in der Vielzahl der Verdächtigen den Schuldigen nicht mehr ausmachen zu können.

Schon der äußere Rahmen klingt kompliziert genug - so wie eben heutzutage Beziehungen in Ballungszentren aussehen: Ein erfolgreicher jüdischer Schriftsteller liebt eine erfolglose türkische Schauspielerin, die sich als Grafikerin durchschlägt; beide haben schon Kinder von früheren Partnern. Esras Ex-Mann Friedo, ein ehemaliger Freund des Schriftstellers, kann sich mit der Scheidung nicht abfinden, und benutzt die gemeinsame Tochter Ayla als Hebel, um die neue Liebe zu hintertreiben. Ayla leidet überdies an einer heimtückischen, lebensgefährlichen Krankheit, und Esras mütterliche Sorge um das Kind tritt immer wieder in Konkurrenz zu den Forderungen des Geliebten, der in einem verzweifelten Moment dem Mädchen gar den Tod wünscht.

Auf der Anklagebank des amourösen Scherbengerichts, das sich in einer endlosen Instanzenfolge von Trennungen, Versöhnungen, vernichtenden Urteilen und Revisionen, Anklagereden und Wiederaufnahmen vollzieht, sitzt aber vor allem Lale, Esras ehrgeizige und dominante Mutter, die nicht davor zurückscheut, sich als Umweltaktivistin gleich mit dem ganzen türkischen Staat anzulegen. Ausgerechnet diese Frau hat mit dem Erzähler noch eine Rechnung offen, da dieser sie in einer frühen Geschichte als despotische Matriarchin beschrieben hatte, als böse Hexe, die die Geschicke ihrer Familie nach eigenem Gutdünken zu lenken versucht und dazu vor keinem Mittel zurückschreckt. Sich in die Tochter einer Zielscheibe später zu verlieben, gehört zum Berufsrisiko des schonungslosen Schriftstellers. Hundert Zeilen Haß können ein langes Nachwort fordern.

Wer wollte, könnte leicht anhand einiger Details die realen Vorbilder für Esra und ihre Mutter identifizieren. Doch was wäre für das Verständnis des Romans gewonnen, der selbst das Verhältnis von Literatur und Leben zum Thema macht? Früh entbrennt zwischen den Liebenden ein Streit; sie will ihm das Versprechen abnehmen, ihr Leben nicht zum Stoff seiner Bücher zu machen, weil sie sich sonst ständig beobachtet vorkomme: "Ich will mit dir privat sein. Verstehst du?" Diese Angst vor der Literatur muß einem Schriftsteller kleinbürgerlich vorkommen, der seine Autorenkollegen für "Schlappschwänze" hält, weil ihre Bücher von "Papierleichen" bevölkert seien, "die nichts wollen, nichts hassen, nichts lieben; die nicht fallen können, nicht schreien, nicht töten" - so Biller in seiner streitlustigen Tutzinger Rede vor drei Jahren. Literarischen Realismus der harmlosen Oberflächenspiegelung zu entwinden und ihm wieder die ritzende Schärfe eines existenziellen Ringens um Glück und Sinn zu geben ist Billers Programm. Literatur als Stierkampf - so nannte das einst der große Selbstentblößer Michel Leiris: Schönheit erwächst erst aus ihrer Nähe zur Gefahr.

Das Risiko liegt freilich in der Nähe zu Kitsch und Larmoyanz, so etwa in der Beschreibung der einmal mehr endgültigen Trennung: "Es dauerte eine Weile, bis diese unnatürliche Stille erneut den normalen Geräuschen wich, dann vernahm ich langsam wieder das Surren des Kühlschranks, ich hörte die Kinder draußen im Nordbad, und mein eigenes Schluchzen hörte ich auch." Doch solche schutzlos dargebotenen Flanken gehören ebenso zum Konzept einer Literatur der geöffneten Hemdenknöpfe wie die drastische Erotik. Die Kunst Billers besteht aber darin, das Autobiographische bruchlos einzufügen in einen hakenschlagenden und doch aufs Wesentliche reduzierten Berichtsstil, der auch seine Kolumnen wie etwa die "Moralischen Geschichten" prägt. Jeder Nebensatz enthielte Stoff für eine eigene Novelle: "Langsam mußte ich mit jemandem über alles sprechen, und meine Mutter konnte in diesen Dingen sehr klug sein. Sie war zwar nicht mehr so gut in Form wie früher, sie neigte neuerdings zu Ungeduld und Bitterkeit. Das hatte aber weniger mit ihrem Alter zu tun als damit, daß gerade erst herausgekommen war, daß mein Vater sie fünfzehn Jahre lang mit einer tablettensüchtigen deutschen Apothekerin betrogen hatte, die sich zum Schluß auch noch umbrachte."

Und wer war nun Schuld an allem - der Esra überwachende Ex-Mann, das Monster von einer Mutter oder gar der Großvater, der Esra einst als Kind mißbraucht und ihre seelischen Verhärtungen auf dem Gewissen haben soll? Oder einfach der Zufall, der den pragmatischen Gynäkologen just zu dem Zeitpunkt in Urlaub weilen läßt, als Esra ein weiteres Kind (von einem anderen) erwartet, aber zur Abtreibung zugunsten ihrer Beziehung bereit ist? Tatsächlich breitet Biller einen umfassenden Schuldzusammenhang aus, dem sich keine Figur, auch nicht der Erzähler selbst, entziehen kann. Eine seiner Obsessionen ist die Vorstellung, die türkische Familie Esras könnte zu den Dönme gehören, jenen Anhängern des jüdischen Messias Schabbatai Zwi, die, getarnt als türkische Muslime, bis heute das Reich Gottes erwarten. Billers düsteres, schmerzhaftes, doch radikal aufrichtiges Buch Esra zeigt unsere Gegenwart mit ihren Viertelbeziehungen und Halbfamilien als erlösungsbedürftige Welt, in der die Liebe manchmal aus dem Jenseits kommt und allzuoft dahin zurückkehrt.

Maxim Biller: "Esra". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003. 222 S., geb., 18,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2003, Nr. 51 / Seite 44
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