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Gulag-Ausstellung : Zwanzig Millionen Arbeitssklaven

„Die erneuernde Kraft der Häftlingsarbeit“ bejubelte Maxim Gorki. Lagerkapelle und Wachpersonal feiern den „Tag des Rekords“ (1932) im Solowezki-Lager Bild: Sammlung Memorial Moskau

Brutaler Krieg gegen das eigene Volk: Die Deportation auf diesen Archipel konnte jeden treffen, sie hat Millionen Menschen das Leben gekostet. Schloss Neuhardenberg zeigt jetzt die erste Gulag-Ausstellung.

          Als Maxim Gorki 1929 auf die Solowezki-Inseln im nördlichen Weißen Meer reiste, um sich von den GPU-Führern die „erneuernde Kraft der Häftlingsarbeit“ vorführen zu lassen, will er das Grauen dieses Konzentrationslagers mit seinen unmenschlichen Arbeitsbedingungen - der Kanal wurde mit bloßen Händen gegraben, außer Spitzhacken und Schubkarren gab es kein Werkzeug - nicht bemerkt haben. Statt dessen schrieb er eine Lobeshymne auf die sich dort vollziehende „Geburt des neuen Menschen“. Einer britischen Untersuchungskommission wurde wenig später in Karelien die Unterwerfung hungernder Arbeitssklaven als Befreiungstat, als Revolution der Umerziehung durch Arbeit vorgeführt. Man hatte die elenden Lagerhäftlinge und sogenannten Sondersiedler in die karelischen Wälder getrieben und den Besuchern aus dem Westen glückliche Arbeiter und Bauern vorgeführt, die man nur zu diesem Zweck herbeigeschafft hatte.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Die Welt außerhalb dieser Laboratorien der Gewalt, vulgo der Westen, ignorierte das ungeheuerliche Menschenexperiment weitgehend. Vor allem nach Hitlers Machtergreifung und mit Kriegsbeginn legte sich endgültig bleiernes Schweigen über den Terror Stalins gegen das eigene Volk. Auch nach dem Krieg fanden erste Publikationen zum sowjetischen Lagersystem kaum Beachtung. Die Entspannungspolitik später hatte den gleichen Effekt. Erst mit Solschenizyn und dann der Perestroika begann sich langsam etwas zu ändern, drinnen wie draußen.

          Memorial sammelt die Zeugnisse der Opfer

          In Moskau wurde 1988 „Memorial“ gegründet; die Gesellschaft, eine Bürgerinitiative, sammelt seitdem die Zeugnisse, die Millionen Opfer der Stalinzeit hinterließen. Inzwischen profitiert davon auch die Geschichtswissenschaft. Neben Forschungen zur Dissidentenbewegung hat Memorial auch vierhunderttausend persönliche Briefe, Dokumente und Erinnerungen archiviert, die an das Schicksal der Menschen erinnern, die während des Krieges in Nazideutschland als KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter waren und nach ihrer Heimkehr als „Verräter“ Opfer stalinistischer Verfolgungen wurden.

          Gemeinsam mit der Stiftung Schloss Neuhardenberg und der Buchenwald-Stiftung hat Memorial Moskau jetzt eine erste Ausstellung gewagt, die den Archipel Gulag als Synonym für den stalinistischen Terror und seine Folgen darzustellen versucht. Ein schwieriges Unterfangen, das die sonst auf Vorbildlichkeit bedachte deutsche Gedenkpolitik bisher gescheut hat. Für dieses, das Pilotprojekt, hatte noch Jorge Semprún die Schirmherrschaft übernommen, der immer wieder mahnte, die sowjetischen Menschheitsverbrechen, vor allem „die Erfahrung des Gulag in unser kollektives europäisches Gedächtnis“ einzugliedern, weil dieser blinde Fleck der Wahrnehmung die Einheit Europas ernsthaft behindere. In Neuhardenberg und bei Memorial hatte er für dieses Anliegen längst begeisterte und dankbare Partner gefunden, die Buchenwald-Stiftung ist zudem erfahren mit Ausstellungsprojekten zu komplexen historischen Themen.

          Lagerinsassinnen vor ihrer Erdhütte in einem Lager an der Wolga in den vierziger Jahren
          Lagerinsassinnen vor ihrer Erdhütte in einem Lager an der Wolga in den vierziger Jahren : Bild: Staatsarchiv der Russischen Föderation

          Trotzdem wird gleich in der Einleitung des informativen Ausstellungskatalogs gemahnt, hier gehe es nicht darum, „mit dem Finger auf andere zu weisen“ oder gar um „deutsche Schuldabweisung und Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen“ - was nur noch einmal zeigt, welche befremdlichen Hindernisse diese lange vernachlässigte Aufklärung vor allem in Deutschland zu überwinden hat. Die unterstellte Geschichtsvergessenheit jedenfalls verrät viel über eine immer noch existierende Distanz zu dieser Menschheitskatastrophe, die zu überwinden Semprúns Vermächtnis bleibt.

          Krieg gegen das eigene Volk

          Der erste Beschluss sowjetrussischer Volkskommissare, Klassenfeinde entweder zu erschießen oder in Konzentrationslager zu deportieren, wurde im September 1918 erlassen, mitten im Bürgerkrieg. Parallel entstanden erste Zwangsarbeitslager für Straftäter, doch die Grenzen zwischen dem einen und dem anderen verschwammen nur allzu oft, wie der Historiker Nicolas Werth in seinem ausgezeichneten Katalog-Essay schreibt.

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