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Gulag-Ausstellung Zwanzig Millionen Arbeitssklaven

 ·  Brutaler Krieg gegen das eigene Volk: Die Deportation auf diesen Archipel konnte jeden treffen, sie hat Millionen Menschen das Leben gekostet. Schloss Neuhardenberg zeigt jetzt die erste Gulag-Ausstellung.

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Als Maxim Gorki 1929 auf die Solowezki-Inseln im nördlichen Weißen Meer reiste, um sich von den GPU-Führern die „erneuernde Kraft der Häftlingsarbeit“ vorführen zu lassen, will er das Grauen dieses Konzentrationslagers mit seinen unmenschlichen Arbeitsbedingungen - der Kanal wurde mit bloßen Händen gegraben, außer Spitzhacken und Schubkarren gab es kein Werkzeug - nicht bemerkt haben. Statt dessen schrieb er eine Lobeshymne auf die sich dort vollziehende „Geburt des neuen Menschen“. Einer britischen Untersuchungskommission wurde wenig später in Karelien die Unterwerfung hungernder Arbeitssklaven als Befreiungstat, als Revolution der Umerziehung durch Arbeit vorgeführt. Man hatte die elenden Lagerhäftlinge und sogenannten Sondersiedler in die karelischen Wälder getrieben und den Besuchern aus dem Westen glückliche Arbeiter und Bauern vorgeführt, die man nur zu diesem Zweck herbeigeschafft hatte.

Die Welt außerhalb dieser Laboratorien der Gewalt, vulgo der Westen, ignorierte das ungeheuerliche Menschenexperiment weitgehend. Vor allem nach Hitlers Machtergreifung und mit Kriegsbeginn legte sich endgültig bleiernes Schweigen über den Terror Stalins gegen das eigene Volk. Auch nach dem Krieg fanden erste Publikationen zum sowjetischen Lagersystem kaum Beachtung. Die Entspannungspolitik später hatte den gleichen Effekt. Erst mit Solschenizyn und dann der Perestroika begann sich langsam etwas zu ändern, drinnen wie draußen.

Memorial sammelt die Zeugnisse der Opfer

In Moskau wurde 1988 „Memorial“ gegründet; die Gesellschaft, eine Bürgerinitiative, sammelt seitdem die Zeugnisse, die Millionen Opfer der Stalinzeit hinterließen. Inzwischen profitiert davon auch die Geschichtswissenschaft. Neben Forschungen zur Dissidentenbewegung hat Memorial auch vierhunderttausend persönliche Briefe, Dokumente und Erinnerungen archiviert, die an das Schicksal der Menschen erinnern, die während des Krieges in Nazideutschland als KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter waren und nach ihrer Heimkehr als „Verräter“ Opfer stalinistischer Verfolgungen wurden.

Gemeinsam mit der Stiftung Schloss Neuhardenberg und der Buchenwald-Stiftung hat Memorial Moskau jetzt eine erste Ausstellung gewagt, die den Archipel Gulag als Synonym für den stalinistischen Terror und seine Folgen darzustellen versucht. Ein schwieriges Unterfangen, das die sonst auf Vorbildlichkeit bedachte deutsche Gedenkpolitik bisher gescheut hat. Für dieses, das Pilotprojekt, hatte noch Jorge Semprún die Schirmherrschaft übernommen, der immer wieder mahnte, die sowjetischen Menschheitsverbrechen, vor allem „die Erfahrung des Gulag in unser kollektives europäisches Gedächtnis“ einzugliedern, weil dieser blinde Fleck der Wahrnehmung die Einheit Europas ernsthaft behindere. In Neuhardenberg und bei Memorial hatte er für dieses Anliegen längst begeisterte und dankbare Partner gefunden, die Buchenwald-Stiftung ist zudem erfahren mit Ausstellungsprojekten zu komplexen historischen Themen.

Trotzdem wird gleich in der Einleitung des informativen Ausstellungskatalogs gemahnt, hier gehe es nicht darum, „mit dem Finger auf andere zu weisen“ oder gar um „deutsche Schuldabweisung und Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen“ - was nur noch einmal zeigt, welche befremdlichen Hindernisse diese lange vernachlässigte Aufklärung vor allem in Deutschland zu überwinden hat. Die unterstellte Geschichtsvergessenheit jedenfalls verrät viel über eine immer noch existierende Distanz zu dieser Menschheitskatastrophe, die zu überwinden Semprúns Vermächtnis bleibt.

Krieg gegen das eigene Volk

Der erste Beschluss sowjetrussischer Volkskommissare, Klassenfeinde entweder zu erschießen oder in Konzentrationslager zu deportieren, wurde im September 1918 erlassen, mitten im Bürgerkrieg. Parallel entstanden erste Zwangsarbeitslager für Straftäter, doch die Grenzen zwischen dem einen und dem anderen verschwammen nur allzu oft, wie der Historiker Nicolas Werth in seinem ausgezeichneten Katalog-Essay schreibt.

Der „Rote Terror“ - eine bolschewistische Selbstbeschreibung - der frühen Jahre wurde abgelöst vom nächsten, bis zum brutalen Hungerkrieg gegen die Bauern, dem mehr als sechs Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die sadistische Willkür der Tscheka wurde schließlich von einem Strafsystem mit Vorschriften für die Sklavenarbeit ersetzt, das 1929 in jene Strafrechtsreform mündete, die den Gulag hervorbrachte, wie wir ihn aus Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ kennen.

Jörg Baberowski bezeichnet in seinem Buch „Verbrannte Erde“ die Kollektivierung und die damit einhergehende Deportation von Millionen Menschen als Geburtsstunde des Gulags als System, als Auftakt zur massenhaften Sklavenjagd, der jedermann jederzeit zum Opfer fallen konnte - Kinder, Greise, Männer, Frauen aller sozialen Schichten - und die in immer neuen Wellen Millionen Menschen vollständig entrechtete. Es war ein Krieg gegen das eigene Volk, der jahrzehntelang dauerte und von dem sich die russische Gesellschaft immer noch nicht erholt hat, weil er Zivilität, Vertrauen, Mitgefühl zersetzte, das Land verwüstete und die Gesellschaft spaltet - in jene, die sich erinnern und die anderen, die das Vergessen heilsamer finden.

Die Zwangsarbeiter des Gulag wurden geopfert für ökonomisch oft sinnlose gigantische Aufbauprojekte (allein am letztlich kaum beschiffbaren Weißmeerkanal kamen wahrscheinlich 25 000 Zwangsarbeiter ums Leben), für die großen Kanäle und Eisenbahnlinien, die Goldminen von Kolyma oder die Industrialisierung. Das Lagersystem kollabierte schließlich in den fünfziger Jahren, weil es uneffektiv war und enorme Summen verschlang. In der Hochzeit des Gulag, von 1929 an bis zur halbherzigen Entstalinisierung, waren etwa zwanzig Millionen Menschen zur Sklavenarbeit gezwungen. Die Zahl der Todesopfer ist unbekannt, weil viele Zehntausende schon während der Deportation starben und viele Archive verloren sind.

Hungertote auf öffentlichen Straßen

Auf vierhundert Quadratmetern eine so komplexe Geschichte darstellen zu wollen, ist ein Wagnis. Die Kuratoren haben sich darum auf den Zeitraum bis 1956 beschränkt und den historischen Kontext - Revolution, Bürgerkrieg, Planwirtschaft, Hungersnot und Zwangskollektivierung, die ersten Schauprozesse gegen „Volksschädlinge“, die Anfänge des Lagersystems - gut gegliedert und bebildert in knappen Kapiteln der Schau als Prolog vorangestellt. Dann fällt der Blick auf die riesige Landkarte der UdSSR, die übersät ist mit roten Pünktchen, die Lager markierend. An den Wänden der Ausstellungshalle entlang ziehen sich graue Depotschränke der Sammlung Memorial. Mit Biographien der Opfer, aber auch einiger Täter; sie enthalten das, was das Schicksal übrig ließ: Briefe, Tagebücher, Lagerkunst, Dokumente, Habseligkeiten der Häftlinge, Fotografien - von Hungertoten auf öffentlichen Straßen, von Kindern des Lagers Stalino oder von grotesk riesigen Lagertoren, geschmückt mit Stalinzitaten wie „Arbeit in der UdSSR - das ist eine Sache der Ehre, des Ruhms, der Tapferkeit und des Heldentums“.

In einer Kabine werden zu Filmsequenzen einzelne Häftlingsbiographien verlesen, Persönliches, Haftgrund, sofern es einen gab, Höhe der Strafe und dergleichen. Es ist eine kühle, streng dokumentarische Ausstellung, die sensibilisieren will, aber auf emotionale Überwältigung verzichtet. Nur wer sich einlässt auf den Schrecken hinter den Bildern, Zahlen und Dokumenten, wird ahnen, was geschah. Die Gulag-Ausstellung im Schloss Neuhardenberg ist die erste in Deutschland überhaupt. Sie ist verdienstvoll, aber sie zeigt auch deutlich: Dieses Thema braucht einen größeren Raum und einen zentralen Ort wie den Berliner Gropius-Bau oder das Haus der Geschichte in Bonn. Vieles, was in Neuhardenberg nur zitiert werden kann, bedarf der Ausführlichkeit - um aufzuklären und um den Opfern gerecht zu werden.

„Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929-1956“: bis 24. Juni (ab 20. August in Weimar), Schinkelplatz Schloss Neuhardenberg, außer montags 11 bis 19 Uhr; der Katalog kostet 14,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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