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Gütersloh hat ein neues Theater Der Kulturwürfel ist gefallen

15.03.2010 ·  Was siebzehn Jahre währt, wird endlich gut: Die Gütersloher Bürger schenken sich ein neues Theater. Das ehemalige Heidedorf ist nicht mehr nur Sitz der Exportweltmeister Bertelsmann und Miele - es ist auf dem Sprung zur Großstadt.

Von Andreas Rossmann
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Das Geschenk ist noch gar nicht ganz ausgepackt, das die Stadt Gütersloh und ihre Bürger sich da gemacht haben. Von drei Seiten ist der kubusförmige Baukörper, der Winter fordert seinen Zeitzoll, eingerüstet und mit Plastikbahnen umhüllt, allein seine tausend Quadratmeter große Schauseite nach Süden steht schon frei und öffnet sich einladend zur Stadt, der das Theater ein neues Entrée gibt. Ihre volle Wirkung kann die Fensterfront zwar erst nach Einbruch der Dunkelheit ausspielen, doch am Abend hat der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers schon einen anderen Termin, und so fällt die Eröffnung auf den Samstagmorgen.

Auch der Vorplatz ist noch nicht gestaltet, Markierungen stecken die künftigen Wege ab, am Rand machen die Baumaschinen Pause, und damit die Gäste leichter hineinfinden, wurde ein weißes Partyzelt vorgeklatscht, das (nicht nur) den Architekten schaudern lässt. So ganz scheint die stolze Stadtgesellschaft ihrem neuen Wahrzeichen noch nicht gewachsen. Dabei hatte sie mehr Zeit, als ihr lieb war, sich darauf einzustellen. Schon 1972 gibt es erste Überlegungen für ein Theater, das die Paul-Thöne-Halle, eine 1949 errichtete „Kulturscheune“, ablösen soll, doch gebaut wird 1978 erst einmal eine multifunktionale Stadthalle. 1993 findet ein Wettbewerb statt, aus dem der Hamburger Architekt Jörg Friedrich als Sieger hervorgeht. Da aber kann sich die Kommune den langgestreckten Bau, der siebenhundert Plätze haben und 86 Millionen Mark kosten soll, schon nicht mehr leisten.

Bertelsmann, Miele und viele private Spender

Das Vorhaben wird auf Eis gelegt und Friedrich im Jahr 2000 aufgefordert, ein „kleineres Haus“ zu planen: Er denkt die Aufgabe neu und entwickelt einen „Kulturwürfel“, der die Bereiche auf einer sehr viel kleineren Grundfläche vertikal schichtet. Doch der „Verein Bürger für Gütersloh“ stellt sich quer und zettelt ein Bürgerbegehren an, das Erfolg hat. Die Stadt ist gespalten, das Projekt scheint gestorben, zwei Jahre darf es nicht weiterverfolgt werden. Dann kippt die Stimmung, und 2006 beschließt der Rat einen noch einmal abgespeckten Entwurf, der schließlich 21,75 Millionen Euro kostet. Realisiert werden kann er nur, weil die beiden Weltfirmen am Ort, Bertelsmann und Miele, fünf Millionen Euro stiften, der Freundeskreis bei Unternehmern und Bürgern in der Region 1,1 Millionen Euro sammelt, und für jeden der 524 Stühle Paten gefunden werden, die fünfhundert Euro spendieren: Die Paul-Thöne-Halle wird abgerissen, und im Mai 2008 erfolgt der erste Spatenstich.

Sein „vertikales Theater“ versteht der Architekt als neuen, zukunftsweisenden Bautypus, der das umbaute Raumvolumen reduziert, die Funktionen nicht neben-, sondern übereinander ordnet und flexible Nutzungen ermöglicht. Im Erdgeschoss sind neben der Kasse nur die Garderobe, die unter dem Saal liegt und mit der Rückwand an den Orchestergraben grenzt, und ein kleines Foyer zugänglich. Eine schwarz mattierte Treppe führt auf die Saalebene mit beidseitigem Zugang zum Parkett, von wo sich eine weich geschwungene, nach oben breiter werdende Wendeltreppe hinaufdreht: Auf der zweiten Ebene erschließt sie das obere Parkett, auf der dritten den Rang und die variable Studiobühne, auf der vierten Technikbereiche und Künstlergarderoben, auf der fünften schließlich das eigentliche Foyer, die „Skylobby“ mit Theke, Lounge und Terrasse.

Ausblick bis zum Teutoburger Wald

So erhebt sich das Theater aus dem umgebenden Stadtraum mit Wohnen und Gewerbe, Putz und Klinker, Evangelisch Stiftischem Gymnasium, AOK und Hallenbad und wertet ihn auf: Von ganz oben eröffnet sich eine imposante Aussicht über die Dächer der Stadt, die zwischen Kirchtürmen und Schornsteinen hindurch bis zum Teutoburger Wald reichen kann. Noch wirkt der kompakte Kubus, dessen Rückseite nur schmale Fensterschlitze lässt, etwas fremd und mächtig am Westrand der Innenstadt. Doch die transparente Fassade greift die Fenstergliederung des denkmalgeschützten Wasserturms, der sich, heute Sitz einer Akademie für Rockmusik, in der Fassade spiegelt, maßstäblich auf, und der Aufstieg über die 131 Wendelstufen links wie auch über das unabhängige Treppenhaus rechts bietet atemberaubende Blicke, die einüben in ein Spiel der Perspektiven. Kreis- und Ecksegmente brechen den orthogonalen Gesamtbau auf, der, ganz in weiß gehalten, das Licht des Südens zu erwarten und auch hereinzuholen scheint: Nur in Nebenbereichen wird die monochrome Eleganz mit grasgrünen Fußböden oder signalhaft orangen Türen durchkreuzt.

Der Saal in seinem Innern ist schwarz gewandet, die Sessel sind weinrot bezogen, steil steigen die Reihen im Parkett, noch steiler im Rang (mit 156 Plätzen), so dass der größte Abstand zur Bühne keine fünfundzwanzig Meter beträgt. Die Akustikreflektoren an den Seitenwänden schaffen, mit ihren Streifen aus Schwarzstahl und Rostflächen, aparte Farbkontraste. Der Sparzwang hat, so gesteht der Architekt, erfindungsreich gemacht und kaum Spuren hinterlassen: Die Wendeltreppe aus Schleuderbeton, deren gesamtes Gewicht tief in die Erde abgeleitet wird, ist mit travertinähnlichem Stein, ihr konventionelles Pendant mit Betonsteinen ausgelegt, und die Decke der „Skylobby“ bleibt etwas niedrig.

Zur Eröffnung gibt's Kürbispauken und Radifanfaren

Das Theater Gütersloh ist ein Gastspielbetrieb, die Aufführungen kommen aus Osnabrück oder Göttingen, auch aus Hamburg und Wien. Zur Eröffnung gestaltet das Vienna Vegetable Orchestra, dass sich seine Instrumente, darunter Kürbispauke, Karottenflöte und Radifanfare, mit dem Küchenmesser schneidet, die Übergänge zwischen den Reden: Kraut und Rüben, fleischlose musikalische Kost. Maria Unger, die zielstrebige Bürgermeisterin, spricht von einer Zukunftsinvestition, Jürgen Rüttgers schwärmt mal wieder, sich mehr zur Kulturwirtschaft als zur Kunst bekennend, von Pittsburgh und wie es die Krise meisterte, Friedrich Schirmer, Intendant des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, extemporiert ein dünkelfreies Loblied auf die Provinz, Philipp Otto rezitiert schnalzend Goethes „Vorspiel auf dem Theater“, und die Vorsitzenden des Fördervereins kündigen, denn der Programmetat ist bereits beschnitten, die nächsten Bettelzüge an. So gibt der Architekt dem aus dem Bühnenhimmel schwebenden Schlüssel, den er der Bürgermeisterin überreicht, einen kulturpolitischen Haken: „Mit diesem Schlüssel können Sie das Theater nur auf-, aber nie wieder abschließen.“

Unter den deutschen Mittelstädten gehört Gütersloh zu den Exportspitzenreitern. Bertelsmann und Miele haben das ehemalige Heidedorf groß und bekannt, aber nicht ganz zur Großstadt gemacht, mit 96 400 Einwohnern schrammt es knapp daran vorbei. Das neue Theater wird das ändern. Denn während Gütersloh mit Büchern und Tonträgern, Waschmaschinen und Staubsaugern auf der ganzen Welt präsent ist, kann es nun auch die ganze Welt bei sich aufnehmen.

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