Das Publikum im Studio macht den Blindtest mit Boskop-Äpfeln. Sarah Wiener aber, dem quirligsten und gesprächigsten Gast dieser Talkshow, ist das viel zu banal. Sie rutscht auf ihrem Stuhl nach links und rechts und laviert lang herum, bevor sie sich auf eine Antwort festlegen will, die man dann nicht mehr genau mitbekommt. Welcher Apfel also war der gute? Das Publikum jedenfalls beweist ein todsicheres Gespür: 53 Prozent erkennen am Geschmack, dass der Bio-Apfel der Bio-Apfel ist, und der Rest irrt.
Die kurzweilige Günther Jauch-Sendung vom Sonntagabend, zu deren Beginn der Moderator mit zwei Hähnchen herumfuchtelt, knüpft bei der offenbar neuen Erkenntnis an, dass heutzutage selbst ein Bio-Huhn in „Massentierhaltung“ lebe. Deshalb fragt Jauch: „Ist Bio also nur ein großer Schwindel?“
Wieso bloß eine Köchin?
Die Gesprächsrunde wird zu großen Sarah-Wiener-Show (man fragt sich eingangs kurz, wieso angesichts des Themas nicht zum Beispiel ein Demeter-Bauer an ihrer Stelle eingeladen wurde, sondern eine Fernsehköchin). Streng beäugt diese schon am Anfang ihren Nebenmann Heinrich Graf zu Bassewitz, der zwar ein Bio-Bauer ist, aber einer, der tausende Hühner in einem Stall hält, die zu erschwinglichen Preisen auch in Supermärkten zu kaufen sind - und der somit wohl nicht zu den edelsten Mondlicht-Bio-Bauern zu zählen ist und wohl auch nicht an Sarah Wieners Edelrestaurants liefert.
Wiener also schaut streng. Sie im türkisgrünen Kleid, Graf von Bassewitz im olivgrünem Wollsakko – wer ist der bessere Grüne? Wiener gibt sich besorgt über die verkommenden Esssitten unserer Zeit und den Umgang der Landwirte mit Mutter Erde: „Wir glauben, wir müssen Krieg gegen die Natur führen“.
Dann werden wieder die unschönen Bilder von federlosen Hühnern aus Biohaltung gezeigt, die vor einer Woche tragendes Material für eine skandalisierende ARD-Dokumentation gewesen waren. Bassewitz - dessen Hofgemeinschaft darin angeklagt war - entgegnet, die Tiere seien schlicht in der Mauser gewesen. Solche Bilder könne man in jedem kleinen Hühnerstall machen. Und, oha: Sarah Wiener, die selbst 50 Hühner (die jeweils „wesentlich mehr“ als 10 Euro kosteten) ihr eigen nennt, bestätigt das dem verdutzten Jauch: „Ja, in der Mauser schon“, da sähen auch ihre Hühner so aus.
„Hendl“, wienert Wiener, wenn sie von Hähnchen spricht. „Darf man Händel, sagen?“, scherzt Günther Jauch. „Händel ist doch der Komponist.“
Der Fluss muss es zahlen
Sarah Wiener aber schmunzelt nur kurz, das Thema der Sendung ist ihr sehr ernst. Bald weiß man, warum die Köchin eingeladen wurde. Sie repräsentiert die typische besserverdienende Bio-Kundin, die überzeugt ist, dass die reine Bio-Welt eine gute wäre: Würde „niemals beim Discounter“ einkaufen, möchte „keine Medikamente in ihrem Essen“ und „keine Chemie“, will hier offensichtlich auch nicht Boskop-Äpfel probeessen zur Unterhaltung der Spießer am Bildschirm. Sondern darüber diskutieren, dass „wir“ zu viel Boden, Wasser und „Tier“ verbrauchen. Den Preis für unsere günstigen Lebensmittel würde morgen der „Fluss zahlen“ oder die „Tiere zahlen“ oder das „Klima zahlen“. Sie bekennt sich zu „alten Tierzuchtrassen“ und sagt: „Wir möchten das Gute und das Richtige essen, und das ist heute einfach nicht mehr so.“ Vielleicht aber gäbe es dann das Gute am Ende gar nicht mehr, wenn man es einfach äße.
Wie es im Glaubensstreit über die richtige Landwirtschaft üblich ist, tritt schließlich ausgerechnet ein Konzernchef als Anwalt der Armen auf. Heiner Kamps, einst Gründer der Bäckerei Kamps und heute Chef von Müller Milch, sagt angesichts eines Bruttoeinkommens von 2300 Euro für die durchschnittliche deutsche Familie sei es nicht sozial, nur das teure Bio zu fordern. Konventionelle Lebensmittel seinen so „gut wie noch nie“ und auch viel besser als noch in den achtziger Jahren, als sie „voller Konservierungsstoffe“ gewesen sein. Er bekommt großen Applaus. Und sagt, Unternehmer und konventionelle Landwirte würden heute von den Ökos schon fast an den Rand der Kriminalität gedrängt.
„Es gibt gar keinen Landwirt mehr“, erklärt Sarah Wiener ihm dann die moderne Landwirtschaft, „da wird per Computer gefüttert.“
„Na und?“, fragt Heiner Kamps.
Wiener verheddert sich in ihrem holistisch inspirierten Rundumschlag gegen die „Agro-Industrie“ zunehmend im Elitären und mag beim Publikum trotz Künast’scher Wortgewalt nicht so recht zu punkten. Für „uns“, sagt sie, sei Geld „nicht das Problem“. „Wir essen nur noch das Filet und nicht mehr die Flügelchen“. Und „alle, die wir hier sitzen, wir sind eine Elite“. Was sie, Frau Wiener, hier sage, habe alles nichts mit der Realität zu tun, ruft der Müller-Milch-Mann herein. Sie verdreht die Augen. Als ein Zuschauer in einer E-Mail schreibt, er sei 74 Jahre alt, gesund und habe nie Bio-Lebensmittel gegessen, diagnositizert Sarah Wiener, das Essen sei ja auch erst seit 30, 40 Jahren so verpestet und dieser Herr habe sicher eine „glückliche Jugend“ gehabt.
Das Huhn ist ein Waldtier
Der Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer hat es vor allem auf die Freilandhaltung von Hühnern abgesehen. „Das ist ein Tier, das kommt aus tropischen Waldgebieten, das mag die Wiese gar nicht so sehr“ (erstaunlicher Weise erntet er für diesen Satz großen Applaus). Dann geht es um die Antibiotika, derer viele bekanntlich in der konventionellen Tierhaltung verabreicht werden. Keine Arzneimittel mehr geben heiße, mehr tote Tiere, sagt der kauzige Pollmer. Bio bedeute nicht zwangsläufig, eine tierfreundlichere Haltung. Viele Tiere vom Freiland seien zudem furchtbar verschmutzt. Bio diene „nicht primär dem Tier, sondern primär unseren Glaubensvorstellungen“.
Das Gesagte nun macht Sarah Wiener etwas wütend. Sie greift Pollmer an, weil er so „abgehoben“ rede, wo sie doch gerade in einem Einspielfilm „schreckliche“ Bilder von Schweinen gesehen hätten. Pollmer aber greift dann genau diesen „Propagandafilm“ an. (Jauch: „Sie bezichtigen uns eines Propagandafilms?“) Ja, sagt Pollmer: Eine dort gezeigte, einzelne illegale Praxis der Antibiotikagabe sei wieder der gesamten konventionellen Landwirtschaft zugerechnet worden, das sei Propaganda, so könne man auch Bio und alles und jeden denunzieren.
Wiener, nun rundum emotional: „Aber wie möchten doch nicht Medikamente essen! Wir möchten ganz normale Lebensmittel essen!“ (Ein kleiner Faktencheck: Im Tierfleisch gibt es kein Antibiotika mehr).
Was als Streitgespräch über die richtige Hühnerhaltung begonnen hatte, wird zur großen Nachhaltigkeitsdebatte ohne eine klare Antwort. Die Agrar- und Lebensmittel-Experten sagen zurecht, mit Bio allein lasse sich die wachsende Weltbevölkerung niemals ernähren. Und Sarah Wiener fragt zurecht, was denn werde, wenn wir eines Tages keinen (erdöl-intensiv erzeugten) Mineraldünger mehr hätten. Auch ein Vorgeschmack auf den kommenden Wahlkampf, den die Grünen über die moderne Landwirtschaft führen wollen.
Bio kann auch wachsende Weltbevölkerung ernähren!
nachtigall fan (nachtigallfan)
- 22.09.2012, 23:36 Uhr
Vegetarier leben gesünder.
Antonietta Tumminello (astra1971)
- 19.09.2012, 07:56 Uhr
Die Welt ist endlich!
Birgit Jutzas (jutzas)
- 18.09.2012, 08:55 Uhr
Eigentlich ist es doch ganz einfach
Dounia Moon (douniamoon)
- 17.09.2012, 15:52 Uhr
Wenn es gesunde Lebensmittel aus der Lebensmittelindustrie gäbe,
wäre BIO kein Thema.
Otto Meier (DerQuerulant)
- 17.09.2012, 15:30 Uhr