Als Zivildienstleistender in der „Individuellen Schwerstbehindertenbetreuung“ machte man in der Ausbildung Mitte der 80er Jahre eine Art Kurzzeitpraktikum in einer Hamburger Unfallklinik. Bei schönem Sommerwetter war immer mit Nachschub zu rechnen. Zumeist Motorradfahrer mit schweren Wirbelsäulen- und Rückenmarkverletzungen. Es konnte auch Menschen treffen, die den Ratschlag, nicht kopfüber in unbekannte Gewässer zu springen, ignoriert hatten. Später konnte man es in der Dienstzeit zudem mit Schlaganfall-Patienten zu tun haben. Sie sitzen zwar bisweilen auch im Rollstuhl, haben aber ein völlig anderes Krankheitsbild als die Unfallopfer. Man lernte als Zivildienstleistender übrigens, Tetraplegikern (also mit Lähmung aller vier Gliedmaßen) ein sogenanntes Urinalkondom anzulegen, und erfuhr, welche Konsequenzen eine solche Rückenmarkverletzung für die Darmfunktion hat. Für einen „Zivi“ sind sie kein Vergnügen gewesen, aber man gewöhnt sich an alles.
Das alles erfährt man nicht in einer Talk-Show
Insofern ist es ein aussichtsloses Unterfangen, wenn Günter Jauch gestern einen Einblick in die Lebensumstände von Samuel Koch geben wollte. Man muss den Alltag erlebt haben, um zu verstehen, was Menschen mit einem solchen Schicksal aushalten müssen. Koch ist dabei wirklich ein besonderer Fall. Zum einen hat er mit der Schwere seiner Behinderung extrem viel Pech gehabt, selbst für einen Tetraplegiker. Zum anderen wurde er mit seinem Unfall bei „Wetten dass“ zum Prominenten. Er ist damit ein öffentliches Schicksal geworden, wo die Botschaft schon von den Medien festgelegt wird, bevor auch nur ein Satz gesagt worden ist: Koch soll dokumentieren, dass man mit einem solchen Schicksal weiterleben kann.
Natürlich will sich niemand vorstellen, was ein solcher Unfall für einen selbst bedeutete. Oder wenn er die eigene Familie trifft. Der EKD Vorsitzende Nikolaus Schneider formulierte das eindringlich als er Luthers Katechismus zitierte: „Du sollst Gott fürchten und lieben.“ Die Furcht habe Schneider erst kennengelernt als seine Tochter Meike in den Armen der Eltern gestorben war. Das sagt ein Lutheraner.
In Talk-Shows geht die Substanz solcher Sätze unter, weil sie unsere Gesellschaft mittlerweile für eine unerträgliche Zumutung hält. Das erste Gebot lautet heute: Hier muss jeder funktionieren, selbst wenn bei ihm - wie bei Koch - gar nichts mehr funktioniert. Und die Proklamation einer optimistischen Lebenseinstellung ersetzt zugleich jede theologische Debatte über die Frage, warum „Gott nicht geholfen hat, wo er es doch gekonnt hätte.“ Mit diesen Worten steht Schneider gegen lauter Agnostiker, die keine Fragen mehr haben, sprichwörtlich auf verlorenen Posten. Die lassen den „lieben Gott“ einen guten Mann sein, solange schwerstbehinderte Menschen nur im Fernsehen auftreten – und mit dem eigenen Leben nichts zu tun haben.
Wenn Nutten Ohren kraulen
Koch meinte zu dem Thema des Verzweifelns an Gott, er wäre ziemlich verwirrt gewesen: „Ich bin es immer noch.“ Was sollen er oder seine Familie auch sonst sagen? Ihr Innerstes nach außen kehren? Der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter, seit einem Unfall 1966 als Paraplegiker (Lähmung zweier Gliedmaßen) im Rollstuhl, hat dagegen die Ambivalenz deutlich gemacht, die ein solches Schicksal tatsächlich bedeutet. Es war nicht nur die Schilderung seiner Selbstmord-Absichten oder seiner atheistischen Überzeugung. Reiter drückte vielmehr aus, was es bedeutet, wenn Maximilian Keil, Oberarzt an der Bayreuther Klinik für Querschnittsgelähmte, von „Trauer, Wut und Verzweiflung“ als Teil des Selbstfindungsprozesses solcher Patienten spricht. Nämlich die unbeantwortbare Frage zu stellen: „Warum ich?“
Reiter hielt den französischen Blockbuster „Ziemlich beste Freunde“ nicht ohne Grund für „Gelähmten-Kitsch“. Es sei nicht so, dass sich „Gelähmte von Nutten ständig die Ohren kraulen lassen.“ Wer auch immer krault: Das eigentliche Problem ist es, wenn es das einzige sexuelle Vergnügen ist, das einem noch geblieben ist. Damit muss man erst einmal klarkommen.
Humor und Zynismus können dabei helfen. Reiter weiß das, genauso wie Koch. Immerhin hätte sich Reiter noch mit seiner 38er „Smith&Wessen“ erschießen können, so Koch, und er könne das eben nicht. Aber es gibt noch einen wichtigen Unterschied. Reiter hat seine Karriere im Rollstuhl gemacht, nicht mit dem Rollstuhl. In seiner Amtszeit hat es niemanden interessiert, ob er nun gefahren oder gegangen ist. Er musste sich in 46 Jahren durchbeißen, den alten Udo Reiter vor dem Unfall mit seinen Erwartungen und Hoffnungen beerdigen, um heute feststellen zu können: „Der Unfall hat mich weniger geändert als man annehmen sollte. Ich war hinterher genauso gut oder schlecht wie vorher.“
Das Buch zur Sendung
Das ist die Selbstwahrnehmung aller erfolgreichen Menschen, ob nun behindert oder nicht. Nämlich die eigene Persönlichkeit für den sozialen Aufstieg verantwortlich zu machen. In der sozialen Wirklichkeit kann aber nicht jeder Mensch Karriere wie Reiter machen. Oder deren Schicksal wie bei Koch zur öffentlichen Angelegenheit werden. Zwar hat Reiter auf die Bedeutung von Geld hingewiesen. So sei es nützlich, einen Dienstwagen mit Fahrer zu haben. Aber das denken zurückgetretene Bundespräsidenten bekanntlich auch. Und Keil hat auf die Kürzungen von Sozialleistungen in den vergangenen Jahren oder auf die zwiespältigen Folgen einer Erwerbsunfähigkeitsrente hingewiesen. Die meisten Unfallopfer landen übrigens damit direkt in der Sozialhilfe. Aber diese Debatte blieb in der medialen Vermarktung des einen Schicksals von Samuel Koch auf der Strecke. Bekanntlich hat Koch gerade erst das Buch zur Sendung veröffentlicht.
Zum Schluss hat Jauch noch von den Zuschauerreaktionen berichtet. Die meisten wünschten Samuel Koch ein Wunder, dass er wieder gesund werde. Als Zivildienstleistender musste man damals lernen, dass darauf zu hoffen, nicht die Lösung, sondern das Problem im Selbstfindungsprozess nach dem Unfall ist. Aber jenseits dessen: Eines ist tatsächlich zu hoffen. Dass Samuel Koch nicht den Medien die Antwort auf die Frage überlässt, wer er in Zukunft sein will. Selbst ein Günter Jauch kann ihm dabei nicht helfen. Er wird am kommenden Sonntag schon ein neues Thema haben. Medien interessiert nämlich an Schicksalen zumeist nur die Schlagzeile. Und sie erzählen die Geschichte, die ihre Kunden hören wollen. Gott wird dabei zur Randnotiz.
gott
Peter Zeppenfeld (zeppez)
- 25.04.2012, 19:48 Uhr
gott
klaus moritz (zimmerkerl)
- 23.04.2012, 21:22 Uhr
Warten auf ein Wunder
Lars Münzing (Lars7512)
- 23.04.2012, 19:20 Uhr
Freiheit
Cornelius Pretnar (Cornus)
- 23.04.2012, 16:34 Uhr
Warum ich? Die falsche Frage!
Reinhard Wolf (Pumuckel42)
- 23.04.2012, 11:57 Uhr