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Günter Pfitzmann Der letzte West-Berliner

30.05.2003 ·  Mit Günter Pfitzmann, der an diesem Freitag morgen gestorben ist, verliert Deutschland nicht nur einen seiner populärsten Fernsehschauspieler, sondern auch eine Symbolfigur. Wie kein anderer verkörperte Pfitzmann das, was wir uns unter Berlin vorstellten.

Von Jörg Thomann
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An diesem Freitag ist in Berlin der Schauspieler Günter Pfitzmann gestorben. Der 79jährige erlag in seiner Heimatstadt einem Herzinfarkt.

Mit Pfitzmanns Tod verliert nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland einen seiner populärsten Schauspieler, und es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, daß damit eine Ära endet. Es ist eine Zäsur für das Unterhaltungsfernsehen und ein bestimmtes Bild von Berlin, das es uns über Jahrzehnte vermittelt hat. Von mehreren seiner Protagonisten haben wir uns nach und nach verabschieden müssen. Wolfgang Gruner, der Kabarettist, starb im vergangenen Jahr, Horst Buchholz in diesem März. Harald Juhnke lebt umnachtet in einer Klinik. Und nun traf es Günter Pfitzmann, einen Schauspieler und Menschen, dem man eigentlich das Prädikat „unverwüstlich“ verliehen hatte.

Pfitzmann hatte auf Theaterbühnen gestanden, hatte in klassischen Stücken Charakterrollen gespielt, bevor er zu Film und Fernsehen wechselte. Spätestens seit den frühen Achtzigern hatte sich der Mime, der einst in Bernhard Wickis „Die Brücke“ und in der ersten deutschen TV-Krimiserie „Gestatten, mein Name ist Cox“ zu sehen war, dem Berufsberlinertum verschrieben.

Zille-Idylle

In Serien wie „Berliner Weiße mit Schuß“ und „Praxis Bülowbogen“ gab Pfitzmann den (West-)Berliner, wie die restliche Bundesrepublik ihn sich vorstellte: dickköpfig, aber gutmütig; kodderschnäuzig, aber hilfsbereit; zupackend, aber gemütlich; unermüdlich bereit, sich um die Sorgen und Nöte des kleinen Manns und seiner Frau in der Nachbarschaft zu kümmern, die selbstverständlich beide berlinerten. Diese Zille-Idylle war in etwa so authentisch wie das St. Pauli des „Großstadtreviers“ und das München der Uschi Glas. Dennoch - oder gerade deshalb - kamen die Serien beim Publikum an.

Das Herz dieses Fernseh-Berlin schlug am Steubenplatz in Westend, dort also, wo West-Berlin am westlichsten war. Am Steubenplatz hatten die „Drei Damen vom Grill“ ihren Grill und für all jene, die mühsam und beladen zu ihnen kamen, eine tröstende Currywurst parat: Nur nicht unterkriegen lassen, lautete die Botschaft, wir in Berlin haben schon ganz anderes überstanden.

Eine Kriegsgeneration

Zumindest was ihre führenden Köpfe anging, stimmte das auch: Günter Pfitzmann, Brigitte Mira, Harald Juhnke, Edith Hancke, Wolfgang Gruner, Wolfgang Völz und Dieter Hallervorden zählten zu jener Generation, die ihre Jugend im Krieg erlebte und in der Nachkriegszeit ihr politisches Bewußtsein entwickelte. Sie alle feierten, bevor es sie zu Film und Fernsehen zog, ihre ersten Erfolge auf Kabarettbühnen. Pfitzmann hatte als Mitglied des Berliner Kabaretts „Die Dachluke“ Wolfgang Gruner, Achim Strietzel und Jo Herbst kennegelernt, mit denen er 1949 das Kabarett „Die Stachelschweine“ gründete. Bis 1957 war er Mitglied, später immer wieder Gast des Ensembles.

Die meisten dieser Schauspieler fühlten sich politisch den Sozialdemokraten verbunden, der Partei Ernst Reuters, der während der Berlin-Blockade den Durchhaltewillen der Stadt personifizierte.

Wer den West-Berliner Berlin-Film und sein beharrliches Verteidigen der von Mauern umgebenen Idylle als provinziell und spießig schmäht, hat ohne jeden Zweifel Recht; vor allem aber war der West-Berliner Berlin-Film sozialdemokratisch. Er war es auch in seiner Verklärung des Proletarischen - des Manns von der Straße, der das Herz am rechten Fleck hat. Das Böse hingegen war meist vermögend, zugereist und sprach hochdeutsch. Eine der beliebtesten wie verlogensten Berlin-Film-Figuren war der nette Penner von nebenan, der stets ein originelles Bonmot parat hatte und nie verdreckt im Straßengraben lag.

Der König von Berlin

Günter Pfitzmann war in diesem Biotop, das winzig war und doch immer wieder Millionen Fernsehzuschauer faszinierte, der König - ja er wurde in einer weiteren West-Berlin-Serie gar zum „Havelkaiser“ gekürt, den er als mal knurrigen, doch immer gütigen Patriarchen gab. Ein Typus also, wie er ihn auch in seiner bekanntesten Rolle pflegte, der des Dr. Brockmann in der „Praxis Bülowbogen“. 106 Folgen lang spielte Pfitzmann einen Kassenarzt, wie ein jeder ihn sich wünschte, einen unermüdlichen Mann mit goldenem Herzen und ein paar kleinen, augenzwinkernd vorgeführten menschlichen Schwächen. Vor sieben Jahren schon übergab Pfitzmann seine Praxis an Rainer Hunold, bis heute aber denken die meisten beim Begriff „Bülowbogen“ an Günter Pfitzmann.

In seinen Rollen konnte Pfitzmann zweifellos nur deshalb so überzeugend sein, weil er die Werte, die er verkörperte, auch persönlich pflegte: Kämpfertum und Humor, unerläßliche Begleiter auf einem langen, beileibe nicht leichten Lebensweg. Als Pfitzmann sechs war, trennten sich seine Eltern; der Junge wuchs beim Vater auf. Nach dem Abitur wurde er zum Kriegsdienst einberufen und trug eine schwere Beinverletzung davon; von seinem Wunschberuf Sportlehrer mußte er sich damit verabschieden. Seine Zweitwahl erwies sich als nicht die schlechteste.

Nach Pfitzmanns Tod trägt Berlin nun Trauer. Die Stadt wird sich neue Repräsentanten suchen müssen, was vor allem deshalb schwerfallen dürfte, weil auch sie ihre neue Rolle noch längst nicht gefunden hat. Ein Sympathieträger wie Günter Pfitzmann ist für ein Berlin, das seiner selbst derart unsicher ist wie zur Zeit, im Grunde nicht zu ersetzen.

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