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Günter Grass Suppenkaspar

23.01.2009 ·  Günter Grass veröffentlicht in der „Zeit“ Auszüge aus seinem Tagebuch. Wieder gibt es vieles, was ihm nicht passt. Die deutsche Einheit sei misslungen, die westdeutschen Politiker seien wie Kolonialherren aufgetreten und dann gab es da noch einen, der das Recht auf Wiedervereinigung an Auschwitz scheitern lassen wollte.

Von Edo Reents
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Damit das klar ist: „Ich bin kein passionierter Tagebuchschreiber. Es muss schon Ungewöhnliches passieren, das mich in die Pflicht nimmt.“ Ein Glück, dass das Jahr 1990, dem das Tagebuch gilt, nicht ereignisarm war! Die deutsch-deutsche Entwicklung treibt ihn zur Weißglut: „Ich koche.“ Günter Grass kocht an diesem 28. Januar 1990, an dem das Saarland Landtagswahlen abhält und Oskar Lafontaine zum SPD-Kanzlerkandidaten gekürt wird, etwas Leckeres: „Ich koche Schweine-Schwarzsauer und habe einige portugiesische Feigen in den Sud gelegt.“ Aber was hilft das beste Rezept, wenn man beim Kochen fernsieht? „Überm Wahlprogramm ist das Schwarzsauer zu stark eingekocht.“

Die Folgen sind absehbar, „mit Durchfall“ fährt er zwei Tage später zu einer Klausurtagung der SPD. Die Bahnfahrt verläuft nicht störungsfrei, „Ute“ – das ist seine Frau – „Ute bemerkt die schmutzige Toilette.“ Aber das kann Grass nicht gewesen sein, denn wir haben in unserer kleinen Nacherzählung des in der „Zeit“ vorabgedruckten Günter-Grass-Tagebuchs einen Sprung gemacht und sind schon beim 2. Oktober; der Tadel der sanitären Anlagen bezieht sich auf die Reichsbahn der DDR.

Quergedachte Banalitäten

Es war absehbar, dass dieses Tagebuch voll ist von Bemerkungen über den angeblich kolonialen Stil der westdeutschen Politiker, die sich im Verein mit der Treuhand die DDR unter den Nagel rissen; man kennt diese Tiraden, die ja nicht alle falsch sind, aber heute anöden. Es ist Grass unbenommen, über den Zustand der Reichsbahntoiletten Auskunft zu geben und damit auch etwas über den ganzen Staat zu sagen. Und das Nebeneinander von Belanglosigkeiten und Angelegenheiten von welthistorischer Bedeutung ist aus anderen Schriftstellerjournalen schon geläufig. Bei Grass kommt allerdings ein Größenwahn hinzu, dessen Dimensionen bisher nur zu ahnen waren.

Am 2. Januar fasst er seine Frankfurter Poetikvorlesung ins Auge, aus der seine damals ebenfalls in der „Zeit“ abgedruckte Rede über „Schreiben nach Auschwitz“ hervorging. Im Tagebuch schreibt er: „Will versuchen, in der Frankfurter Rede das angebliche Recht auf deutsche Einheit im Sinne wieder-vereinigter Staatlichkeit an Auschwitz scheitern zu lassen.“ Dieser Versuch misslang. Grass aber gibt auch neunzehn Jahre später noch den Querdenker, der nichts beizutragen hat, was man nicht schon hundertmal gehört hätte, und der sein Anliegen nun im Interview noch einmal präzisiert: „Ich möchte einigen Sonntagsrednern in die Suppe spucken.“ Da möchte man nicht den Vorkoster geben, diese Zeitungsschau reicht als Geschmacksprobe.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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