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Günter Grass : Einfach Kult

  • -Aktualisiert am

Günter Grass gehört zum Sommer wie das Reptil zum Badesee. Seine jüngste Kritik am „schmierigen“ Genossen Lafontaine ist aber nicht nur sprachlich entblößend.

          Mir war, als ich die Nachricht von der Schnappschildkröte im Badesee gelesen habe, sofort klar, dass sie das Tier nicht finden werden. Sie würden den ganzen See ablassen und das Tier doch nicht finden. Sie finden auch nie den schwarzen Panther auf der Lichtung oder den Tiger in der Schrebergartensiedlung. Es sind nämlich Sommerphänomene, die nur in flirrender Luft und bei entsprechender Wasserspiegelung Gestalt annehmen, dann verduften sie wieder.

          Zum Sommer gehört auch Günter Grass. Am Montag brachte die „Süddeutsche Zeitung“ ein langes lesenswertes Interview, das Manfred Bissinger mit dem Schriftsteller geführt hat. Es ist ein Auszug aus dem bald erscheinenden Sammelband „Was würde Bebel dazu sagen?“. Einstweilen lesen wir, was Grass zu Bebel sagt und was er der SPD rät - erwartungsgemäß weisen alle seine Empfehlungen auf ihn: Mehr Eigenlob sollten die Sozen äußern und überhaupt mehr Grass wagen. Was fehlt der SPD? Eigentlich ja Wähler, aber Grass sagt, wieder sich selbst zum Vorbild nehmend: „Konsequente Personen.“

          SPD auf Schneckenkurs

          Wohlgemerkt nicht solche, die aus politischen Kursänderungen politische Konsequenzen ziehen, wie diese „Person“. Es gab, weiß Grass, in der Geschichte keinen „schmierigeren Verrat, wie den von Oskar Lafontaine an seinen Genossen“. Der Satz ist selbst verräterisch, weil die Sprache des Literaten anzeigt, dass etwas nicht stimmt: Es müsste nach dem Komma ja „als“ heißen. Früher sagte Grass zum Thema Lafontaine: „Ich weine ihm manchmal eine Träne nach.“ Das war sommernächtlicher, aber natürlich längst nicht so konsequent. Völlig unpassend auch das abwertend gebrauchte Adjektiv „schmierig“, jedenfalls für einen Schneckenfreund wie den Autor des gleichnamigen Tagebuchs. Die ganze Passage stimmt nicht.

          Will Grass unbewusst das genaue Gegenteil sagen: Konsequent wie Lafontaine hätte die SPD zur Jahrtausendwende ihren schön schmierigen Schneckenkurs halten müssen, statt die „neoliberalen Ideen nachzuäffen“? Das wäre stimmiger. Der Text des Interviews verrät seinen Urheber. Grass schilt dann, in diesem Zeitungsinterview, ganz heftig uns Zeitungsjournalisten, was er sich hätte sparen können, denn wir sind derzeit unübertroffen in der Kunst, uns selbst fertigzumachen, aber egal. Was wirft Grass uns also vor? Er wundere sich, sagt er Bissinger treuherzig, dass Journalisten „so wenig zu Selbstkritik in der Lage sind“. Da musste ich sehr lachen.

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