24.04.2010 · Günter Grass fordert in Istanbul, die Türkei müsse die Verbrechen an den Armeniern beim Namen nennen. Die Antwort darauf ist erstaunlich: eine sachliche Debatte.
Von Michael MartensDie Asche hat es so gewollt. Auch Günter Grass sah sich unversehens zum Heer der Gestrandeten einberufen, denen ein zuvor seit Menschengedenken nicht mehr unangenehm aufgefallener Vulkan alle Reisepläne entschleunigte. Die vorübergehende Stilllegung des Himmels traf ihn in Istanbul, aber der Schriftsteller, der die Stadt erst am Freitag wieder verlassen konnte, nahm seinen unfreiwillig verlängerten Aufenthalt am Goldenen Horn keineswegs unwillig auf.
Er nutzte die Zeit, um die Druckfahnen seines neuen Romans zu korrigieren, in dem die Brüder Grimm und ihre Wörter (oder genauer: ihre Wörterbücher) im Mittelpunkt stehen, aß viel Fisch (unter anderem mit seinem Nobelpreisträgerkollegen Orhan Pamuk) und präsentierte sich einer Öffentlichkeit, die das Phänomen Grass bisher noch kaum kannte. Der erste Teil des Aufenthalts war geplant und verlief auch meist so. Grass, der einer Einladung des Goetheinstituts gefolgt war, nahm an einer Diskussion mit dem türkischen Schriftsteller Yaar Kemal teil, dem seine 86 Jahre inzwischen allerdings recht deutlich anzumerken sind. Wer es nicht wüsste, würde dem vitalen 82 Jahre alten Deutschen hingegen kaum glauben, dass er den Zweiten Weltkrieg nicht nur miterlebt, sondern auch mitgemacht hat.
Der vitale Weltkriegsveteran diskutierte mit türkischen Studenten, traf sich in der Redaktion der armenisch-türkischen Wochenzeitung „Agos“ mit der Witwe des ermordeten Journalisten Hrant Dink, eröffnete eine Ausstellung seiner Lithographien und schien wie stets erfüllt von jener Haltung, die den Autor einer Spiegel-Titelgeschichte über seine Wahlkampfreisen für Willy Brandt Ende der sechziger Jahre dazu veranlasst hatte, ihm eine „manchmal schon beängstigende Lust am Dabeisein“ zu unterstellen.
Grass: Die Türkei muss sich der Geschichte stellen
All dies wäre nicht oder doch kaum der Rede wert, wäre da nicht das, was Grass während der Veranstaltungen immer wieder gesagt hat. Kaum überraschend, kritisierte Grass den beharrlichen Unwillen der offiziellen Türkei, sich den unrühmlichen Kapiteln ihrer osmanischen Vorvergangenheit zu stellen und offen über den Genozid an den Armeniern zu reden.
Dabei machte er sich seine Biographie geschickt zunutze – schließlich kommt er aus einem Land, das im Exportieren von Waren und Dienstleistungen zwar nur noch Vizeweltmeister ist, sich im Vergangenheitsbewältigen aber weiterhin als Titelträger wähnt. Er wisse aus eigener Erfahrung, wie schwer es sei, sich den dunklen Abschnitten der Vergangenheit zu stellen, sagte Grass. Er berichtete, was er wie viele junge Deutsche seiner Generation, nach dem Krieg mit dem Ausmaß deutscher Verbrechen konfrontiert, empfunden habe: „Das kann mein Volk nicht getan haben.“ Weil er stets darauf achtete, die Schoa und den Völkermord an den Armeniern nicht in eins zu setzen, gleichzeitig aber immer wieder forderte, auch die Türkei müsse sich ihrer Geschichte stellen, entfalteten seine Worte eine ungeahnte Überzeugungskraft. Während sich über Orhan Pamuk schon für harmlosere Beiträge zur türkischen Schuld von 1915 ein publizistisches und juristisches Sturmgewitter der Entrüstung legte, wurde über Grass’ Äußerungen in den Zeitungen nüchtern diskutiert.
Das ist auch deshalb überraschend, weil die Betriebstemperatur der türkischen Genoziddebatte jeweils Mitte April besonders hoch ist. Am 24. April jährt sich nämlich der Beginn der Vernichtung, die von türkischen Politikern meist als „Ereignisse von 1915“ verharmlost wird. Vor diesem Datum ist die politische Elite der Türkei auch deshalb immer besonders nervös, weil amerikanische Präsidenten zum Jahrestag jeweils eine dem Gedenken an die Verbrechen gewidmete Erklärung abgeben – und wie im vergangenen Jahr herrscht in Ankara die Furcht, dass Obama das Wort „Genozid“ verwenden könne.
Er sei überrascht, sagt Grass am Nachmittag vor seiner Abreise, wie fair und unpolemisch die Medien auf seine Äußerungen reagiert hätten. Er sitzt im Schatten eines Teehauses im Stadtteil Cihangir und lässt seine Istanbuler Tage Revue passieren. Unangenehm aufgefallen sei ihm der unübersehbare Atatürk-Kult, „im Dogmatischen erstarrt, gipfelnd im Kopftuchverbot“. Am Tag zuvor hatte er sich bei den Kemalisten unbeliebt gemacht, indem er das Verbot des Kopftuchtragens als „Scheinproblem“ bezeichnete. Jetzt sagt er: „Meine Großmutter war auch Kopftuchträgerin, eine kaschubische.“ So ähnlich hatte er es auch öffentlich gesagt, und vielleicht wird der eine oder andere seiner Zuhörer daran gedacht haben, dass Anna Bronski, die Großmutter des Blechtrommlers Oskar Matzerath außer ihren großen Röcken von gleichsam anatolisch-weitem Schnitt, unter denen sich bequem ein kurdischer Straßenhändler auf der Flucht vor der Polizei hätte verstecken können, auch Kopftuch trug.
Seit Tagen auf den Titelseiten
Das Wort vom „Genozid“ habe er bei seinen Auftritten bewusst vermieden, sagt Grass: „Es ist nicht das dringendste Problem, wie man es am Ende benennt. Wichtig ist, dass es überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Den jungen Menschen, die einen Anspruch darauf haben, die Vergangenheit ihres eigenen Landes zu kennen, muss vermittelt werden, was geschehen ist. Und was man erwarten kann, ist eine Entschuldigung der Regierung an die Armenier.“
Grass stopft seine Pfeife, nippt am Tee. Sein Gesicht ist seit mehreren Tagen auf den Titelseiten der Zeitungen zu sehen gewesen, doch hier erkennt ihn niemand an diesem Nachmittag. Zwei Abende vorher an gleicher Stelle, als Grass ebenfalls bei einem Glas Tee den Tag ausklingen ließ, war das anders gewesen. Er hatte sich schon erhoben und zum Gehen gewandt, als ein deutsches Touristenpärchen kurz in Aufregung geriet und zu tuscheln begann. Einmal hatte ein Passant bei einer solchen Gelegenheit gesagt: „Schau mal, da ist der Böll!“ Eine erstaunliche Metropole sei Istanbul, sagt der letzte deutsche Schriftsteller, der auf der Straße als solcher erkannt und sogar verwechselt wird, bevor er sich auf den Rückweg zu seinem Hotel macht.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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