Es wäre viel gewonnen, wenn sich in Deutschland herumspräche: Nicht die zunehmende Zahl betagter Menschen, sondern die schrumpfende der nachwachsenden Jüngeren ist die Hauptursache der demographischen Alterung und ihrer kettenartigen Folgeprobleme.
Denn selbst wenn die Lebenserwartung der Deutschen wider alle Erfahrung ab heute konstant bliebe, würde sich die Relation aus der Zahl der über Sechzigjährigen zu den Zwanzig- bis Sechzigjährigen - der wichtigste Maßstab der Alterung, also der Altenquotient, bis 2050 verdoppeln.
Säkulare Nachwuchsbeschränkung
Der Geburtenrückgang als Auslöser des Dominoeffekts der demographisch bedingten Probleme ist ein altes Phänomen. Er begann im neunzehnten Jahrhundert, und er ist zu Beginn des einundzwanzigsten nicht zu Ende. Wir stehen vielmehr am Anfang eines neuen Geburtenrückgangs, weil die in den letzten dreißig Jahren Nichtgeborenen auch bei der besten Familienpolitik jetzt keine Kinder und diese keine Enkel zur Welt bringen werden.
Die „säkulare Nachwuchsbeschränkung“ (Hans Linde) vollzog sich seit über einhundert Jahren parallel zur Industrialisierung: Beim Frauenjahrgang 1860 kamen im Durchschnitt fünf Kinder auf eine Frau, beim Jahrgang 1874 vier und bei den 1881 Geborenen drei. Bereits der Jahrgang 1904 hatte nur zwei. Abweichend von diesem Trend stieg die durchschnittliche Kinderzahl der um 1932 Geborenen auf knapp über zwei an, aber es blieb bei dieser Ausnahme, danach setzte sich die Talfahrt bis zum Jahrgang 1965 auf 1,5 fort. Die hohen Kinderzahlen der um 1932 geborenen Eltern bildeten den „Nachkriegs-Babyboom“ mit dem Geburtenmaximum von 1964 bei 1,36 Millionen Kindern. Da die Verhaltensweisen und Wertvorstellungen der um 1932 Geborenen teilweise in der Epoche vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs geprägt wurden, muß der Nachkriegs-Babyboom auch als ein Phänomen der Vorkriegsepoche interpretiert werden.
Je höher das Pro-Kopf-Einkommen, desto niedriger ist die Geburtenrate
Für diese Sichtweise spricht, daß der Anstieg der Geburtenrate zwischen 1945 und 1964 und der anschließende, als „Pillenknick“ bezeichnete steile Absturz in der DDR und in der alten Bundesrepublik trotz der unterschiedlichen Gesellschaftssysteme nahezu parallel verlief. Die DDR versuchte durch eine forcierte, geburtenfördernde Politik gegenzusteuern, und sie war zunächst erfolgreich. Die Geburtenrate stieg vorübergehend fast auf zwei Kinder je Frau, aber bereits Jahre vor der Wiedervereinigung glich sich die Kinderzahl wieder dem niedrigen Niveau im Westen Deutschlands (1,4) an.
Durch die Wiedervereinigung vervielfachten sich die realen Pro-Kopf-Einkommen in den neuen Bundesländern, und also auch die in der Demographie als „Opportunitätskosten von Kindern“ bezeichneten entgangenen Einkommen, auf die eine Frau verzichtete, wenn sie nicht erwerbstätig war, um Kinder zu erziehen. Die Wiedervereinigung läßt sich wie ein gesellschaftliches Experiment auswerten, das die als „demographisch-ökonomisches Paradoxon“ bezeichnete Regel bestätigt: Je höher das Pro-Kopf-Einkommen, desto stärker wirken sich die „Opportunitätskosten“ von Kindern aus und desto niedriger ist die Geburtenrate. Die Geburtenrate fiel in den neuen Ländern auf ein Minimum von 0,8 im Jahr 1994, seitdem nähert sie sich von unten dem Niveau im Westen.
Kinderbetreuungseinrichtungen wären nicht ausreichend
Kennzeichnend für unsere Gesellschaft ist der auf Frauen wirkende Zwang, sich zwischen Erwerbs- und Familienarbeit entscheiden zu müssen. Das Problem ließe sich durch gute, staatliche Betreuungseinrichtungen für Kinder ab dem Vorschulalter mildern, aber das wäre keine Garantie für einen Anstieg der Geburtenrate beispielsweise auf ein Niveau wie in Frankreich, wobei die nicht eingewanderten Französinnen im Durchschnitt nur 1,7 und die eingewanderten 2,8 Kinder haben, so daß sich ein Landesdurchschnitt von 1,9 ergibt.
Kinderbetreuungseinrichtungen wären sinnvoll, aber wahrscheinlich nicht ausreichend, denn damit wären die familienfeindlichen Wirkungen unseres sozialen Sicherungssystems nicht beseitigt, bei dem Menschen ohne Kinder nahezu die gleichen Versorgungsansprüche erwerben wie Eltern, obwohl sie nur die monetären Beiträge und nicht die viel wichtigeren „generativen“ in Form der Erziehung von künftigen Beitragszahlern leisten.
Gegenläufige Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und der Frauenerwerbsquote
Im Bewußtsein der Öffentlichkeit wird die vom Bundesverfassungsgericht in mehreren Urteilen festgestellte grundgesetzwidrige Ausbeutung von Menschen mit Kindern zugunsten der Kinderlosen als Kernproblem von drittrangigen Themen verdrängt, vor allem durch die ständig wiederholte, unbelegte These, daß die Geburtenrate im internationalen Vergleich um so höher sei, je höher die Frauenerwerbsquote ist.
Dabei ist ein Vergleich der Regionen des gleichen Landes wesentlich aussagekräftiger, weil sich dann die Einflüsse der unterschiedlichen Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme der miteinander verglichenen Länder nicht störend auswirken können. Bei einem Vergleich von Regionen in Deutschland zeigt sich der zu erwartende gegenläufige Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und der Frauenerwerbsquote statt des behaupteten gleichläufigen.
Ökonomische und familienbezogene Tugenden stehen im Gegensatz
Das Ergebnis des Regionalvergleichs ist plausibel, denn unser von Konkurrenz und Wettbewerb beherrschtes Gesellschaftssystem verlangt von den Menschen eine hohe Anpassungsbereitschaft an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes in Form von beruflicher, räumlicher und biographische Mobilität.
Diese für ein hohes Produktivitäts- und Einkommensniveau wichtigen ökonomischen Tugenden der Mobilität stehen im Gegensatz zu den familienbezogenen Tugenden der unbedingten Verläßlichkeit und Stabilität menschlicher Beziehungen - den Voraussetzungen für die innere Bindung an einen Partner und für die Übernahme einer langfristigen Verantwortung für Kinder durch Elternschaft. Die zur Gründung einer Familie notwendigen langfristigen Festlegungen im Lebenslauf vertragen sich schlecht mit den Mobilitätsansprüchen unserer modernen, auf Dynamik angelegten Zivilisation.