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Grüne Woche Die Leber im Käse bitte ganz aus Stammzellen!

 ·  Fleisch, das am liebsten ganz ohne Tiere auskäme? Was erwartet einen Vegetarier bei der Grünen Woche in Berlin? Jens Friebe hat es für uns ausprobiert - und dabei erstaunliche Entdeckungen gemacht.

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Das Erste, was ich von der Grünen Woche mitbekomme, ist der Protest dagegen. Vorm Eingang der Messehalle erwartet mich ein freundlicher Aktivist und schenkt mir das Begleitheft zur projektierten Demo „Wir haben es satt“. Gegen die „Industrialisierung der Landwirtschaft“, gegen „Tierfabriken, Gentechnik und Dumping-Exporte“ geht es darin und für eine „ökologisch bäuerliche Landwirtschaft“.

Außerdem gibt es ein Interview mit Jonathan Safran Foer, der mit seinem Buch „Tiere essen“ und der darin entwickelten These, die Massentierhaltung bereite dem einen oder anderen Tier die eine oder andere Unannehmlichkeit, soeben die Weltöffentlichkeit erstaunt hat. Foer weiß aber auch, dass man als populär unverklemmter Aufklärer den Bogen nicht überspannen und den Leuten auf keinen Fall mit einer ernsthaften moralischen Forderung kommen darf. Die Synthese zwischen „kritischer Einstellung“ und erbärmlichem Behagen muss zu jeder Zeit gewährleistet bleiben.

„Ich merke es selbst, ich werde etwas unsachlich“

Und so sagt Foer im Interview, ob Fleisch oder nicht, muss jeder persönlich wissen, und wenn jeder nur mal drüber nachdenken würde, vielleicht ein mal die Woche ein Stück Fleisch wegzulassen, das ihm gar nichts bedeutet, das vielleicht gar nicht schmeckt, ja, das ihn regelrecht anekelt, dann wäre schon sehr viel getan für eine paradiesische Welt. Derart begnadigt, kann man dann wieder seine Identität als bewusster Fleischkonsument aufnehmen, gern mal mehr zahlen, aber dafür wissen, woher es kommt, und ansonsten gegen Tierfabriken demonstrieren und gegen „die Industrie“ und Gentechnik, und dafür, dass die Tiere schön dezentral in hutzeligen kleinen Bauernhöfen umgebracht werden.

Ich merke es selbst, ich werde etwas unsachlich. Natürlich haben die Initiatoren der Demo in vielem recht, und natürlich passiert Schlimmes im modernen Ackerwesen. Gentechnik-Konzerne wie Monsanto, die mit Patenten auf Saatgut und Pflanzen Kleinbauern auf der ganzen Welt in Abhängigkeit, Verschuldung und Selbstmord treiben, sind sicherlich würdige Hassobjekte. Das ganze Problem aber auf den Slogan „gegen Gentechnik“ zu bringen, finde ich Quatsch.

Im Judogriff des Diskurses

Erstens brauchen die Konzerne für ihre Schweinereien keine Gentechnik, wie sie durch die Ausweitung ihrer Patentpolitik auf konventionelle Züchtungen beweisen. Zweitens könnte man unter - zugegebenermaßen sehr anderen und aufwendig herbeizuführenden - Umständen bestimmt auch was Schönes mit Gentechnik machen. Drittens bezieht der Slogan seine Eingängigkeit wesentlich aus seinem reaktionären Unterton. Dazu passt auch das Hauptargument der Verlautbarung: 75 Prozent der Deutschen lehnen Gentechnik ab. Ja, nun gut. 50 Prozent der Deutschen lehnen auch Ausländer ab.

Und beides, rate ich mal, aus teilweise ähnlichen Gründen, wie zum Beispiel geistige Trägheit und Angst vor jedem Abenteuer. Was der Bauer nicht kennt, hat er satt. Ich aber habe als langjähriger Vegetarier auch mal was satt: gegen einen scheinbar klar umgrenzten Gegner, den Fleischkonsum, anzurennen, um mich dann durch einen Judogriff des Diskurses immer wieder rücklings in der Gülle des Idylls wiederzufinden, in der Gesellschaft von Gesundheitsspinnern und Naturmystikern. Und über den wackligen Link Ökologie und Verbraucherschutz soll ich mich dann mit denen über Analogkäse und Mogelfleisch aufregen („Herr Ober, da ist nicht genug Leiche im Fleisch“). Denk ja nicht dran.

Die Plakate lassen hoffen

Erst gestern habe ich in einer Filiale der phantastischen panasiatischen Restaurantkette Papa No eine vegetarische Ente gegessen. Wundervoll! Metaphoric kitchen, if ever I tasted one. Labor, hallo. Ich bin dabei. Und was ist eigentlich mit dem Fleisch aus Stammzellen, das uns seit Jahren versprochen wird? Echtes Muskelgewebe, nur ohne Tier. Eine Lebensmittel- und Landwirtschaftsmesse, die mit biotechnischen Sensationen von auch nur annähernd diesem Kaliber aufwarten würde, könnte sich meines begeisterten Interesses sicher sein. Die Plakate lassen hoffen. Auf einem ist eine Kokosnuss mit Schnabel, auf einem anderen eine Gurke mit Salamanderbeinen. Nach einem flüchtigen Streifzug durch die Hallen wird klar: Die Abbildungen zeigen nicht etwa Exponate der Messe, sondern sind Ergebnisse des Versuchs, die Themen Lebensmittel und Tiere in einem Objekt zu vereinen. Sonst, so wahrscheinlich die Befürchtung, werden vor lauter Fressen die Tiere vergessen.

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Jens Friebe ist Musiker, Autor und Vegetarier.

Quelle: F.A.Z.
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