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Ground Zero Wunder sind nicht zu erwarten

06.09.2011 ·  Ground Zero ist bautechnisch ein Albtraum, eine einzige Ansammlung von Hindernissen. Der Wiederaufbau ist in einen Mahlstrom unterschiedlicher Interessen geraten. Diesen gerecht zu werden scheint eine nahezu unlösbare Aufgabe.

Von Jordan Mejias, New York
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Auch am 11. September wird die Zufahrt nach Manhattan, sei es durch den Lincoln Tunnel oder über die George Washington Bridge, für alle bar zahlenden Autofahrer noch acht Dollar kosten. Eine Woche später steigt der Betrag auf zwölf Dollar. Und das ist erst der Anfang. Über die kommenden Jahre werden die Mautgebühren regelmäßig erhöht, bis 2015 fünfzehn Dollar für die Fahrt unterm oder über den Hudson zu bezahlen sind. Es wäre trotzdem nicht ganz richtig, darin einen Eintrittspreis für das Dauerspektakel namens New York zu sehen.

Die Maut wird für den Wiederaufbau des World Trade Center gebraucht. Nicht ganz zufällig ist nun aber die Hafenbehörde, die Port Authority of New York and New Jersey, für Brücken, Tunnel und Fähren ebenso zuständig wie als Eigentümerin für das Gelände, das die Welt seit der Zerstörung der beiden Türme als Ground Zero kennt. Ohne die Port Authority und ihren finanziellen Einsatz, der immer wieder aufzustocken war, hätten sich die Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der Anschläge in einem bedrückenden Rahmen abspielen müssen. Jetzt nehmen auf der Riesenbaustelle die einzelnen Elemente wenigstens langsam Gestalt an. Aber es dürften noch einmal zehn Jahre vergehen, bis die letzten Baukräne verschwunden sind.

Bürohausroutine statt Eleganz

Von Anfang an war der Aufbau in einen Mahlstrom unterschiedlicher Interessen geraten. Die Nation sehnte sich nach einem Wahrzeichen ihrer ungebrochenen Stärke. Die Wirtschaft bestand auf gewinnversprechenden Immobilien. Die Hinterbliebenen der Todesopfer verlangten eine würdige Gedenkstätte. Die Stadt träumte von einer neuen Superattraktion, in der sich alles wundersam miteinander verbündete, die Wirtschaft mit der Kultur, das Einkaufsparadies mit dem patriotischen Mahnmal, die Erholungszone mit dem Handelsbrennpunkt. Mehr noch als die unvereinbaren Vorstellungen und Wünsche sorgten aber die fehlenden Geldmittel für den Absturz aller hochfliegenden Pläne.

Geld wollten die scharf kalkulierenden Immobilienfirmen schon nicht herausrücken, um das gläserne Turmgebirge von Daniel Libeskind, dem Gewinner des für den Aufbau ausgeschriebenen Wettbewerbs, zu verwirklichen. Sein eleganter, dynamischer Halbkreis von Hochhäusern ist in einem steifen Arrangement zum Stillstand gekommen. Statt Libeskind baut den Hauptturm David Childs, der wie kein anderer Architekt die amerikanische Bürohausroutine beherrscht. Selbst er aber musste seiner Phantasie Zügel anlegen, bevor sich die Port Authority, in Ermangelung privater Investoren, endlich bereit fand, den Startschuss zum Baubeginn für 1 World Trade Center zu geben. Niemand mehr redet vom Freedom Tower, und so muss der Turm wenigstens nicht das Pathos, das ihm architektonisch völlig abgeht, in seinem Namen behaupten.

Bunker ohne Glaspaneelen

Noch längst nicht zu voller Höhe angewachsen, verwandelt der Koloss seine stattlichen Nachbarn in Zwerge. Über einem quadratischen Grundriss werden sich hundertvier Stockwerke stapeln, deren gewaltige Masse zwar an den Ecken abgeschrägt ist und sich dadurch prismatisch verschiebt, aber die spitzwinkligen Dreiecke dennoch wuchtig in den Himmel stemmt.

Was soll auch über einem derart monströsen Sockel anderes passieren? Er allein ist zwanzig fensterlose Stockwerke hoch und bildet für sich eine Festung, der vorauseilend nachgesagt wird, massiven Bombenanschlägen zu widerstehen. Bunkerdicke Mauern aus Stahl und Spannbeton sollten hinter fröhlichen Glaspaneelen verschwinden, aber daraus wird nichts. Das eigens angefertigte Glas war zu teuer, zu spröde, zu zerbrechlich. Wenn er nicht zu verbergen ist, wird New York sich an den Bunker zu gewöhnen haben. Besonders einladend wäre er auch im bunten Glaskostüm nicht gewesen.

Ansammlung von Hindernissen

Schräg gegenüber ist 4 World Trade Center im Bau, mit einundsechzig Stockwerken ein viel kleinerer Glasturm, der noch nicht viel von seiner endgültigen Form verrät. Der japanische Architekt Fumihiko Maki hat hier und da eine Linie geknickt, eine Fassade zurückgesetzt. Die bisher sichtbare Glasgardine gibt es mal dezent gestreift, mal monochrom. Ein Gebäude, für das überall Verwendung wäre. Maki kann sich immerhin freuen, dass sein Projekt in zwei Jahren bezugsfertig sein soll. Die Stararchitekten Norman Foster und Richard Rogers, die für die Nummern 2 und 3 vorgesehen sind, brauchen sich dagegen für die nächsten Jahre keine Hoffnung zu machen. Solange die amerikanische Wirtschaft nicht auf Hochtouren kommt, werden sie sich bestenfalls mit dem Unterbau ihrer Türme auf Ground Zero bemerkbar machen.

Zwischen den ungebauten Träumen von Rogers und Foster ist der Spanier Santiago Calatrava tatkräftig zugange. Er beschwört eine sublime Bahnhofshalle herauf, die sich wie das weiße Gerippe eines Urvogels wölbt, filigran und schwerelos – auf den Zeichnungen ein kultivierter, ein sagenhaft raffinierter Bau. Offenbar aber auch enorm unpraktisch. Die verschiedenen U-Bahn-Linien und Haltestellen der Nahverkehrszüge, die der Bahnhof ab 2014 bedienen soll, liegen weit verstreut im Untergrund. Calatrava ist kein Vorwurf zu machen, er stand vor einer unlösbaren Aufgabe, wie sie Ground Zero nicht bloß ihm gestellt hat. Der Ort ist bautechnisch ein Albtraum, eine einzige Ansammlung von Hindernissen. Durchzogen und durchkreuzt, unterhöhlt und zerstückelt wird er von Gleisen, Tunneln, Stützmauern, Kabelsträngen, Abwasserkanälen, Ventilationsschächten. So säumt doch ziemlich überraschend eine Kette zwölf Meter hoher Lüftungspavillons ausgerechnet das Memorial. Wie Snohetta, die norwegische Architekturfirma, sie modelliert hat, ohne bislang den Unmut der Hinterbliebenenverbände zu erregen und die bestehende Infrastruktur zu verletzen, grenzt an ein Wunder.

Hektik zum Jahrestag

Mittendrin dann die Gedenkstätte, die auf Ideen des jungen Architekten Michael Arad zurückgeht. Wo die Zwillingstürme standen, stürzen jetzt Wasserfälle in die Tiefe. Auf Bronzetafeln sind die Namen der Todesopfer zu lesen, auch die des Bombenanschlags von 1993 werden nicht vergessen. In dem Keil, der sich fast zwischen die Wasserfälle schiebt, ist der Zugang zum Museum untergebracht, ebenfalls von Snohetta sowie dem Ingenieurbüro Happold entworfen. Zum zehnten Jahrestag bieten Mahnmal und Museum zumindest eine besuchsreife Oberfläche, wie Politiker jeder Couleur, allen voran der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, es sich ausbedungen hatten. Dafür wurden komplizierte, erwartungsgemäß kostspielige Bautechniken entwickelt, denn nun wird unterirdisch weiter gearbeitet. Vor Herbst 2012 ist bestimmt nicht mit einer Eröffnung aller Räume und Ausstellungsflächen zu rechnen.

Um die Wasserfälle wachsen Eichen, die einmal einen geometrisch streng geordneten Wald bilden sollen. Auch für sie scheint der neue politische Zeitplan zu gelten, der die Verspätung der Anfangsjahre aufholen und ihre endlosen Streitereien und Winkelzüge vergessen machen will. Nur schade um die Bäume, die gar nicht genug gepflegt werden können, um Staub und Schutt der sie auf Jahre noch umgebenden Baustellen zu überleben. Im Durcheinander von Baumkronen und Baukränen entfaltet sich aber genau jene Hektik, die Ground Zero erfasst hat, pünktlich zum Jahrestag. Die peinliche Aussicht, noch nach zehn Jahren nichts vorweisen zu können, hat die Lähmung durchbrochen. Stadt und Nation waren einfach gezwungen, in und mit einem Schicksalsort, aus dessen erfolgreicher oder misslungener Wiederauferstehung die ganze Welt ihre Schlüsse zieht, zu Rande zu kommen. Gelöst aber sind die Grundprobleme keineswegs.

Kompromisse überall

Die Aufgabe lautet ja nicht, eine Gedenkstätte auf irgendeinem Marktplatz unterzubringen. Das hätte auch seine heiklen Seiten. Über die Gedenkstätte hinaus ist Ground Zero aber ein Friedhof, für viele Amerikaner gar „holy ground“, und will als Marktplatz nicht nur die lokale Kundschaft zufrieden stellen, sondern für die Welt geöffnet sein. Allzu weit öffnen darf er sich der Sicherheit wegen freilich auch nicht. Will heißen: Kompromisse, wohin der Blick auch fällt. Nach Schönheit, nach Expressivität und Originalität zu fragen, wäre da vermessen. Es gilt schon als Triumph, wenn die Sache einigermaßen funktioniert. Was bleibt zu tun für einen Architekten wie Calatrava, der mit weniger Geld als versprochen auszukommen hat? Er kann seine Zeichnungen einpacken und gehen. Oder er kann aufhören, Wunder zu vollbringen, und etwa die beiden gigantischen Schwingen des Hallendachs, die bei schönem Wetter auseinanderfahren sollten, in die Unbeweglichkeit zurechtstutzen. Calatravas Bahnhof wird gebaut, ohne die angekündigte Dach- und Lichtmagie.

Libeskind wäre sicher selig gewesen, mit einer solchen Abänderung im Rennen zu bleiben. Er bekam jedoch das volle New Yorker Macht- und Intrigenspiel zu spüren. Von der Turmparade, für die er einst den Zuschlag erhielt, konnte er selbst den Masterplan nur in Umrissen retten. New Yorks Baulöwen waren schnell entschlossen, Rentabilitätszweifel anzumelden und Projekte, die nicht ihren finanziellen und ästhetischen Richtlinien folgten, zu Fall zu bringen. Wobei sich plötzlich all ihr Patriotismus verflüchtigte. Keine Frage, dass Museum und Mahnmal billiger und kleiner werden mussten. Zuletzt blieb der Port Authority nichts anderes übrig, als den Großteil der Gesamtkosten zu schultern, um Ruf und Ehre der Nation nicht in einer ewigen Baugrube versanden zu lassen. Als sich nach langer Suche mit der Verlagsgruppe Condé Nast ein glamouröser Hauptmieter für 1 World Trade Center fand, brachen Erleichterung und Jubel über den angeblichen Umschwung aus. Dabei hat sich im näheren und weiteren Klima nichts verändert. Die Wirtschaftskrise ist noch nicht überwunden, in Downtown New York mangelt es nicht an leerem Büroraum, und als tägliche Arbeitsstätte will Ground Zero weiterhin nicht sehr verlockend erscheinen. Condé Nast war deshalb in der Lage und hat es nicht vergessen, günstige Mietbedingungen für gleich zweieinhalb Jahrzehnte auszuhandeln. Maut- und Steuerzahler kommen für den Rest auf.

Keine Rede mehr von Kultur

Nach den Angriffen des 11. September gab es eine viel zu kurze Zeit, in der die Wiederaufbaupläne vage waren, aber erfüllt von hohen Idealen. Amerika sollte von Ground Zero aus mit allem, was es an Gutem und Richtigem, an Praktischem, Nützlichem und Ertragreichem zu bieten hatte, hinaus in die Welt strahlen. Der Handel sollte blühen, gerade auch wo der Tod gesät wurde, und Kultur nicht nur Anhängsel sein. Von Kultur ist derzeit überhaupt keine Rede mehr. Um die Theateranlage, für die einst Frank Gehry gewonnen wurde, wollen sich nicht einmal Spekulationen ranken. Es ist kein Geheimnis, dass auch 1 World Trade Center ohne die Hafenbehörde nicht gebaut worden wäre. Allein hätten private Investoren niemals das Risiko getragen. Der Büroturm mit den Eigenschaften eines Bergfrieds ist unökonomisch teuer. Für einen Quadratmeter Nutzfläche werden mehr als zehntausend Dollar verbaut, was zu Endkosten von 3,3 Milliarden führen dürfte, nach den jüngsten Berechnungen, die nicht die letzten bleiben müssen. Elf Milliarden sind insgesamt auf Ground Zero im Spiel, vor allem in Form von öffentlichen Geldern. Als Symbol aus Glas und Stahl kann es sich der Turm leisten, in eine neue Preisklasse zu ragen. Wäre er nur in seiner symbolischen Kraft überzeugender. Sogar mit seiner Höhe von 1776 Fuß, wie Libeskind sie sich noch ausgedacht hatte, auf dass sich jeder Betrachter und Besucher ans Jahr der Unabhängigkeitserklärung erinnert fühle, stimmt es nicht ganz. Ohne den Antennenmast bliebe er dahinter weit zurück. Er verspricht mehr, als er hält. Er liefert weniger als geplant. Ein Symbol ist er auch damit, in eigener Sache wie für den Wiederaufbau von Ground Zero.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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