01.10.2005 · Nach dem Verbot eines „antiamerikanischen“ Dokumentationszentrums wird David Childs' „Freedom Tower“, Nachfolgebau des World Trade Centers, zu einem düsteren Symbol der Ära Bush.
Von Lars JensenAm Freitag mittag war sogar David Childs die gute Laune vergangen. Der Architekt, der immer lächelt, ließ durch eine Mitarbeiterin ausrichten, er sei in sein Landhaus gefahren und könne derzeit den Stand der Dinge auf Ground Zero nicht kommentieren. Die Nachrichten der vergangenen Tage sind selbst für einen Optimisten wie Childs schwer zu verkraften.
Gegen Abend veröffentlichte auch das Büro des offiziellen Generalplaners Daniel Libeskind, 59, eine Mitteilung, die feststellte, Herr Libeskind bedauere die neuesten Entwicklungen auf dem Gelände des ehemaligen World Trade Centers, aber unterstütze New Yorks Gouverneur George Pataki und alle Beteiligten bei ihren Entscheidungen. Der ironische Unterton war deutlich wahrzunehmen. Es scheint, als habe Libeskind, der einzige Architekt, der noch mehr lächelt als David Childs, schon vor vielen Monaten den Widerstand und alle Hoffnungen aufgegeben. Ihn interessierte es nur noch am Rande, als Pataki am Mittwoch bekanntgab, das International Freedom Center (IFC), Herzstück aller bisherigen Planungen, werde keinen Platz finden auf dem Gelände, weil es antiamerikanische Tendenzen fördere.
Pataki hatte das IFC vier Jahre lang unterstützt, weil es gemeinsam mit dem Mahnmal die sinnstiftende Einrichtung auf dem Gelände werden sollte. Die norwegische Firma Snohetta entwarf einen vielgelobten Bau, in dem außer dem IFC auch das Drawing Center - ein angesehenes Museum in Soho, das nach einer neuen Heimat sucht - unterkommen sollte. „Wir wollen einen Ort der lebendigen Diskussion über den Kampf aller Kulturen für die Freiheit und die Menschenrechte“, erklärte Pataki im November, als er Programm und Architektur für das Museum präsentierte.
Doch dann wurde bekannt, daß das IFC zusammenarbeitet mit dem Gulag Museum in Perm und dem District Six Museum in Kapstadt; man plante Ausstellungen über tibetanische, sudanesische und chinesische Freiheitskämpfer und wollte auch untersuchen, warum die Anschläge vom 11. September passierten und was danach geschah. In dem Museum für Freiheit sollten freie Menschen frei denken dürfen. Die Witwe eines der beim Anschlag verstorbenen Piloten gründete eine Bürgerinitiative, die von Fox TV, „New York Post“ und „Wall Street Journal“ unterstützt wurde. Die Forderung: Wir wollen keine antiamerikanischen Aktivitäten in der Nähe des Mahnmals. Pataki, ein Mann ohne Rückgrat und Überzeugungen, der sich Chancen auf die nächste Präsidentschaft ausrechnet und seine Stammwähler nicht verärgern will, sagte im September: „Ich brauche die absolute Garantie, daß im IFC nichts passiert, was Amerika kritisiert.“ Am Donnerstag verwies man das Drawing Center des Platzes, weil es in einer Ausstellung ein Bild von Präsident Bush neben dem von Usama Bin Ladin zeigte und sich in einer anderen dem Folterskandal von Abu Ghraib widmete.
Der Platzverweis
Libeskind stört diese irrwitzige Entscheidung, das IFC aus der Planung zu streichen, wohl kaum. Von seinen Entwürfen für den Nachfolgebau des am 11. September 2001 zerstörten World Trade Centers ist ohnehin nichts übriggeblieben außer der symbolträchtigen Höhe des „Freedom Towers“: 1776 Fuß, 541 Meter, als Hinweis auf Amerikas Unabhängigkeitserklärung. Schon eine Woche nachdem der 1946 im polnischen Lodz geborene Daniel Libeskind den Wettbewerb für den Masterplan gewonnen hatte, engagierte Hauptinvestor Larry Silverstein seinen Hausarchitekten David Childs, 63, von Skidmore, Owings & Merrill, damit dieser das Areal im Sinne des maximalen Profits entwickle. Childs nahm den Auftrag dankend an und eröffnete umgehend das rhetorische Feuer auf Libeskind: „Der ganze Plan ist Kokolores. Libeskind hat keine Erfahrung mit großen Projekten. Ein Museum hat er gebaut, das kann jeder. Der Mann weiß nicht, wovon er redet“, sagte Childs vor zwei Jahren.
Inzwischen kann man das Unternehmen „Ground Zero“ aus Libeskinds Sicht für grandios gescheitert erklären - eine Niederlage, über die er sich freuen sollte. Die Spuren seiner Arbeit sind verwischt, und wenn es gut für ihn läuft, wird sein Name nicht mal mehr in Zusammenhang mit dem Komplex erwähnt werden, so er denn jemals vollendet wird. Eine glückliche Fügung für Libeskind, denn seit dieser Woche ist klar: Was auch immer auf Ground Zero entsteht, wird eine krude Mischung aus Einkaufszentrum, Hotels, Kranzabwurfstelle, patriotischer Wallfahrtsstätte und einem Ozean leerer Büros. Von Kultur, Diskurs, Bildung, Auseinandersetzung mit den Folgen und Ursachen von 9/11 keine Spur mehr - wer hier als Architekt mitmacht, ruiniert seinen Ruf.
Der Platzhirsch
Die Lage auf der bedeutendsten Baustelle der Welt, vier Jahre nachdem das World Trade Center einstürzte: Statt zwölf Milliarden Dollar, die alleine für den Bau der sechs Wolkenkratzer nötig sind, hat Silverstein bloß 4,7 Milliarden zur Verfügung. Die geplanten Türme ähneln immer mehr einem in die Senkrechte gekippten Gewerbegebiet draußen vor der Stadt; der Bahnhof von Santiago Calatrava - eine Glasraupe, wie er sie ähnlich in Valencia und anderen Städten baute - entsteht an einer Stelle, wo er Libeskinds räumliche Planung zerstört; für Frank Gehrys Theater gibt es kein Geld und zwei unattraktive Mieter, das Joyce Theater und das Signature Theater. Gehry sagt: „Ich glaube nicht mehr dran.“ Vielleicht auch besser so - nur wenige haben das Gefühl, Gehry müsse auch noch über Lower Manhattan eines seiner expressionistischen Schneckenhäuser abwerfen.
Ein paar wichtige Fragen scheint niemand beantworten zu wollen: Wer braucht eine Million Quadratmeter Büros in einer Stadt, in der die Bürofläche Münchens leersteht? Ist eine gigantische Shopping Mall in direkter Nachbarschaft zum Mahnmal der Wunsch der Amerikaner? Und vor allem: Wen interessiert die ganze Affäre überhaupt noch? Die New Yorker jedenfalls nicht mehr, wenn man einer Umfrage der „New York Times“ glaubt. Nicht mal mehr jeder zehnte Einwohner verfolgt die Vorgänge rund um Ground Zero. Die Leute empfinden die Intrigen, das politische Gezänk und das Gefeilsche ums Geld als unwürdig - und selbst der unverwüstlich pragmatische Architekt des Projekts ist mit seiner guten Laune am Ende.
Noch vor zwei Wochen war David Childs ausgezeichneter Stimmung gewesen. Er stand im Türrahmen seines Eckbüros im 24. Stockwerk der Zentrale von Skidmore, Owings & Merrill in der Wall Street und winkte schon von weitem, als könne er gar nicht abwarten, über seine Arbeit zu reden. Beinahe zwei Meter mißt Childs: mittelmäßiger Anzug, unauffällige Brille, bunte Krawatte, blasse Haut - er wirkt nicht wie der Teilhaber eines Architekturkonzerns, sondern eher wie ein Schulleiter, der niemals einen Schüler sitzenläßt. Seine Karriere begann er 1968 als Planer für die Pennsylvania Avenue in Washington - sein Chef hieß Richard Nixon. Auf Childs' Tisch steht immer ein Modell des „Freedom Tower“, dem Hauptgebäude des Ensembles, das eines Tages der Welt symbolisieren soll, wie sehr die Amerikaner die Freiheit lieben. Childs streichelte das Modell und wog es in der Hand. Sein Referat über das Design klang absurd, weil Childs es mit enormem Enthusiasmus vortrug: „Der Betonsockel wird sechzig Meter hoch sein, von außen verkleiden wir die Wände mit Aluminium, das wird dann nicht mehr aussehen wie Beton. Statt Fenstern setzen wir kleine Scharten mit bunten Gläsern in die zwei Meter breiten Wände. So daß auch Tageslicht ins Foyer fällt. Hinter den gläsernen Eingängen errichten wir sechs Meter hohe Mauern, so daß da niemand mit einem Lastwagen reinfahren kann.“
Der Platzhalter
Childs fuhr fort, wie genial der Obelisk mit 69 Stockwerken auf dem Betonsockel sitzt, bei 411 Metern (die Höhe der alten Türme) abschließt und von einer 130 Meter hohen Antenne gekrönt wird. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, warum manche Leute sich wundern, daß ein Gebäude mit dem Namen „Freedom Tower“ auf einem 15 Stockwerke hohen Betonbunker steht, antwortete Childs: „Ich betreibe den Beruf nicht, um die Kritiker zu beeindrucken oder um Philosophien zu verwirklichen. Ich will die Wünsche des Bauherrn erfüllen und die technischen Probleme lösen. In diesem Fall haben wir es mit einer Menge Wünsche und Probleme zu tun.“ So einfach ist das. Der Betonsockel zum Beispiel war nötig geworden, weil die Polizei im Mai bei einer Simulation feststellte, daß der vorherige Entwurf umgekippt wäre, wenn ein Terrorist mit einem 20-Tonnen-Truck voller Dynamit zur Eingangstür hereinkäme. Das kann jetzt nicht mehr passieren.
Libeskind hat akzeptiert, daß dieses Projekt einen Künstler, Denker, Zweifler wie ihn nur unglücklich machen kann. Ein Pragmatiker wie Childs hat es besser. Geübt im Schmieden von faulen Kompromissen nach 37 Jahren Dienst bei der Firma, die Hunderte Wolkenkratzer in Amerika baute. Childs half seit 1968 bei SOM mit, den Städten des Landes ihre austauschbaren Silhouetten zu geben. Nur so ein Mann hat die Nerven für Ground Zero. Sein letztes großes Werk, das Time Warner Center am Central Park, belegt es: Childs will keine Preise gewinnen, sondern ein Haus bauen, das funktioniert. Doch selbst ihm könnte sein Pragmatismus zum Verhängnis werden. Gouverneur Pataki, Herr über die kulturellen Einrichtungen, und Immobilienmakler Silverstein, Investor für die kommerziellen Bauten, sind längst zerrieben zwischen den Ansprüchen der Mieter, der Opfervertreter, der Wirtschaft und, wie sich jetzt zeigt, einer Politik, die Angst hat vor allem, was den Namen freie Meinungsäußerung verdient.
Vielleicht tauchte David Childs am Freitag ab, weil ihm dämmerte, womit sein Name in Ewigkeit verbunden sein wird: mit einem Haus namens Freedom Tower, das aussieht wie ein Bunker und ein Sinnbild bleiben wird für diese düstere Epoche in Amerikas Geschichte.