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Ground Zero Endgültiger Entwurf für Freedom Tower enthüllt

19.12.2003 ·  Daniel Libeskinds Freedom Tower ist ein Kompromiß als Turm. Das Design, das jetzt von Gouverneur Pataki und den beiden ermatteten Architekten vorgestellt wurde, hat offiziell zwei Väter.

Von Jordan Mejias, New York
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Nicht alles fließt. Mit Heraklit jedenfalls hat die Architektur wenig im Sinn. Sie folgt der Losung: Was steht, steht. Zumindest bis es abgerissen oder zerstört wird. Darin ein Fließen zu erkennen, darf der Philosophie vorbehalten bleiben. Heraklit wird jedoch auch die architektonische Praxis recht geben, wenn es ums Entwerfen geht: Alles strömte und schäumte auf zwischen Daniel Libeskind, der den Freedom Tower, den Zentralbau auf Ground Zero, entwerfen wollte, und David Childs, der ihn dann entwerfen sollte. Wer ist untergegangen, wer den Fluten als Sieger entstiegen?

Das Design, das jetzt im sonst nicht eben bedeutungsschwangeren Ambiente des Frühstücksfernsehens von Gouverneur Pataki und den beiden ermatteten Architekten vorgestellt wurde, hat offiziell zwei Väter. In einem Kommuniqué wird Libeskind die Idee zugesprochen und Childs die Form. Unter der Idee haben wir uns die symbolische Freiheitshöhe vorzustellen, die mit 1776 Fuß an das amerikanische Unabhängigkeitserklärungsjahr gemahnt, sowie die asymmetrische Turmspitze, die den gereckten Fackelarm der Freiheitsstatue memoriert. Als Form hingegen ist der Schaft des Turms zu begreifen, der sich sacht um die eigene Achse windet, während er nach oben an Umfang verliert und schließlich, bevor die jetzt wie angeklebt wirkende Libeskindsche Spitze in den Himmel sticht, in einem ausführlichen Freiluftinterludium aus Kabeln (Brooklyn Bridge!) und Windrädern (Umwelt!) sogar ökologisch korrekt vorgeht. Das ist wirklich sehr neu und sehr verblüffend. Und ist nicht von Libeskind.

Childs versus oder mit Libeskind

Childs, der New Yorker Wolkenkratzerroutinier, hat hier dem im Hochhausbauen völlig unerfahrenen Kollegen gezeigt, was eine architekturpolitische Harke ist. Natürlich war das nur mit Beistand möglich, und den konnte nur liefern, wer den Turm bezahlt. Larry Silverstein aber, der Pächter des World Trade Center und künftige Bauherr, will das Geld, das ihm die Versicherung noch nicht ausgezahlt hat, an Childs geben. Dagegen war auch der Gouverneur von New York machtlos, der sich der sinnbildlichen Architektur Libeskinds verbunden fühlt. Wenigstens ein Kompromiß hätte demnach für Libeskind herausspringen sollen. Von seinem Originalentwurf aber ist kaum etwas übriggeblieben.

Childs, einer von Libeskinds Kontrahenten im Rennen um Ground Zero, hat seine Handschrift durchgesetzt. Auf den ersten Blick macht der Entwurf einen bizarren, aber keinen üblen Eindruck. Obwohl seine Antennne womöglich weltrekordmäßig weit über die 1776-Fuß-Marke hinausragen wird, hat er nur siebzig Stockwerke zu bieten. Angeblich soll Libeskind auf der moderaten Höhe bestanden haben, um die Proportionen seines Masterplans zu wahren. Auch ergaben Umfragen, daß niemand hier mehr in Rekordhöhe arbeiten möchte. Selbst der geschrumpfte Turm wird nicht zu übersehen sein. Die Versprechen, jeden Triumphalismus zu meiden, sind vergessen. Die Lower Manhattan Development Corporation, mitzuständig für die Bebauung von Ground Zero, sieht den Turm nun als "Symbol der Stärke und Unverwüstlichkeit der Nation".

Gerangel ermattet die New Yorker

Im Gerangel um die Gedenkstätte und Bebauung von Ground Zero sind die New Yorker inzwischen ermattet. Die nächsten Tage werden zeigen, ob der neue Entwurf noch einmal heftige Reaktionen auslöst. Doch längst hat der Pächter alle Idealisten, die in der Nation den "moralischen Eigentümer" von Ground Zero zu sehen meinten, gelehrt, wer den Ton angibt. Libeskind, der zunächst soviel Begeisterung auslöste, wurde entmachtet. Weder in der Bevölkerung noch in den Medien gab es einen Aufschrei.

Die "New York Times", die ihn schon anfangs als zweite Wahl sah, tadelte nun "aufgeblasene Ambitionen". Die Angriffe von Herbert Muschamp, dem Architekturkritiker des Blattes, gipfeln im Vorwurf, Libeskinds Freiheitsturm sei eine "komplexe und unlogische Struktur" und "in seiner formalen Komposition" nicht nur Kitsch, sondern erinnere auch an die Stadtkronen-Visionen der deutschen Expressionisten im frühen zwanzigsten Jahrhundert. Darin erkennt Muschamp ein Vorspiel nationalsozialistischer Ideologie, eine "Subordination von Individuen unter die Masse". Als sei es nicht genug, ausgerechnet Libeskind als Seelenverwandten Albert Speers zu entlarven, unterstellt die "Times" den "rhetorischen Themen" des Entwurfs eine "propagandistische Absicht".

Libeskinds schwindender Einfluß

Die Misere begann schon mit der Verpflichtung Libeskinds. Obwohl er bloß als Masterplaner den Zuschlag bekam, ging New York und die Welt davon aus, daß seine Architektursprache hier einmal dominieren werde. Um so frappanter war es danach mitanzusehen, wie Libeskind Bau für Bau an Einfluß verlor und dabei gute Miene zum erniedrigenden Spiel zu machen hatte. Neben Childs wurden für Neubauten Norman Foster, Jean Nouvel, Fumihiko Maki und Santiago Calatrava engagiert, für die Gedenkstätte wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben (F.A.Z. vom 21. November). Libeskind hat indes noch keinen einzigen Architekturauftrag sicher in der Tasche. Er muß jetzt froh sein, wenn seine Grundidee einer Spirale von Hochhäusern, die sich im Freiheitsturm zu ihrem Zenit aufschwingt, den Planungsprozeß überlebt.

Childs Turm, der als Ikone von New York Karriere machen soll, bietet einen ungewohnten, vielleicht skurrilen Anblick, meidet aber immerhin jede schlaffe New Yorker Hochhauskonvention. Sollte die Stadt nicht gleich in Liebe entbrennen, mag sie sich daran erinnern, wie ungern sie sich einst mit den beiden Riesentürmen anfreundete.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2003, Nr. 296 / Seite 37
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