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Große Fragen : Kant

„Wie denkt man in Deutschland über Kant?“ Die Frage der betagten Besucherin, gestellt vor dreißig Jahren, blieb unbeantwortet. Erst Jahrzehnte später erschließt sich ihr wahrer Sinn.

          Manchmal fällt der Groschen spät, nach Jahrzehnten, und der andere ist nicht mehr da, dem man es sagen möchte. „Wie denkt man in Deutschland über Kant?“ Die Frage schien mir vor dreißig Jahren bizarr, befremdend, meiner Mutter auch, sie war unbeantwortbar.

          Die Besucherin, die sie uns beim Mittagessen stellte, war schon betagt, sie hatte wahrlich einen weiten Weg hinter sich, und wir schoben das leise Verstiegene der Frage auf ihre lange Abwesenheit von der Heimat. Sie war nämlich nach England emigriert, dann hatte es sie nach Indien verschlagen, dort hatte sie geheiratet und den Namen ihres indischen Mannes angenommen. Irgendwie war der Kontakt dennoch nicht abgerissen, alle anderthalb Jahrzehnte besuchte sie uns.

          Also, wie dachte man in Deutschland über Kant? Hatte sie die Kant-Ausgaben im Sinn, die noch in den Regalen meines Vaters standen, die schön gebundene Cassirersche oder die rote Taschenbuchausgabe von Weischedel oder die grünen Meiner-Bände? Sollte ich vom Fortgang der kritischen Edition erzählen, von der Kant-Forschung? Hätte ich ihr damit gedient? Ich weiß nicht mehr, wie ich mich aus der Affäre zog, vermutlich mit der ersten besten gestotterten Floskel.

          Erst heute glaube ich, ihre Frage verstanden zu haben. Nämlich: Sie hatte wissen wollen, wie es um die Humanität in Deutschland bestellt sei. Aber die Höflichkeit des Gastes verbot es ihr, politische Verhältnisse direkt anzusprechen oder gar zu kommentieren. So tat sie das Klügste. Zu spät habe ich es bemerkt.

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