31.01.2009 · Ist Großbritanniens Krise ein Vorbote für uns? Dort ist es mit dem Leben auf Pump vorbei: Alle zehn Minuten verliert eine Familie ihr Haus und täglich gehen achtzig Unternehmen pleite. Die Menschen besinnen sich wieder auf Tugenden aus der Nachkriegszeit.
Von Gina Thomas, LondonIn Großbritannien herrscht Panik. Das Pfund ist am Boden. Experten raten, man solle jeden Sterling, den man habe, verkaufen und kein Geld mehr in das Vereinigte Königreich investieren. Notenbankpräsident King stellte eine „quantitative Lockerung“ - in der Laiensprache heißt das Gelddrucken - in Aussicht, um Liquidität in den Markt zu pumpen. Die vollständige Verstaatlichung der Banken schien und scheint manchen ebenso unvermeidlich wie der Canossagang zum Internationalen Währungsfonds, den Finanzminister Denis Healey einst in den finsteren vorthatcheristischen siebziger Jahren vornehmen musste, als England der kranke Mann Europas war.
Mitten in die Hiobsbotschaften der vergangenen Woche hinein platzte die Offenbarung, dass sich die britischen Banken am 10. Oktober vorigen Jahres drei Stunden vor dem Zusammenbruch sahen. Das Büro von City-Minister Lord Myners, der damals das Notpaket für die Banken zusammenschnürte, liegt im Schatzamt direkt über dem Cabinet War Room, von wo aus Winston Churchill den Krieg gegen Hitler lenkte. Manchmal, so Myners, erschiene es ihm angemessener, wenn er seine Rettungsarbeit dort vornähme.
Politik der leichten Regulierungen und hohen Schulden
„Steht Großbritannien vor dem Bankrott?“ Die Frage war dieser Tage in vieler Munde. Und dann, als sich die Stimmung, trotz weiterer Nachrichten von Entlassungen und Insolvenzen gerade zu beruhigen schien, kam am Mittwoch die Einschätzung des Internationalen Währungsfonds, dass die Rezession England schwerer treffen werde als alle anderen reichen Nationen.
Sie steht in direktem Widerspruch zu Gordon Browns Behauptung, Britannien sei gegen die Turbulenzen besser gerüstet als die meisten Länder. Wie ein Mantra wiederholt er, dass wir eine von den Vereinigten Staaten ausgehende globale Krise erleben, die globale Maßnahmen erfordere. Britannien wird als unschuldiges Opfer dargestellt.
Dabei hat Labours Politik der leichten Regulierung und hohen staatlichen wie privaten Verschuldung das Land besonders anfällig gemacht. Wie die Banker, die Brown jetzt als unverantwortlich bezeichnet, glaubte er, die Gesetze der finanziellen Schwerkraft aufgehoben zu haben.
Leichtsinnige Ära des billigen Geldes
Mit der Prahlerei, den Boom-und-Bust-Zyklus endlich beendet und „zehn goldene Jahre“ eingeleitet zu haben, wirke der Premierminister wie Hitler, der sich in den Tagen des Unterganges seiner militärischen Erfolge zwischen 1938 und 1942 rühmte, spottete jüngst ein Kolumnist.
Als Student wollte der Pfarrersohn die „entzweienden Wettbewerbskräfte“ durch kommunale Zusammenarbeit ersetzen und hielt es für notwendig, die „enorme“ Finanzkraft „institutioneller Investoren“ einzuschränken. Als Schatzkanzler aber leistete Brown den Exzessen der letzten Jahre Vorschub, in denen Finanzleute nichts dabei fanden, zu sechst im Restaurant vierundvierzigtausend Pfund nur für den Wein zu verjubeln, als gewöhnliche Reihenhäuser die Millionen-Pfund-Grenze überschritten und Damien Hirst einen diamantenbesetzten Schädel anbot. Das Kunstwerk ist geradezu emblematisch für die leichtsinnige Ära des billigen Geldes.
Wie der Journalist Nick Cohen in seinem demnächst erscheinenden Buch „Waiting for the Etonians“ hervorhebt, steht in Britannien erstmals eine Regierung der linken Mitte an der Spitze eines jener großen Marktfieber, mit denen die Geschichte des Kapitalismus durchsetzt ist.
Die Empfänglichkeit der Briten für den Spekulationsrausch wurzelt in dem Streben nach dem Eigenheim. Die seit dem sechzehnten Jahrhundert überlieferte Maxime „An Englishman's Home Is His Castle“ kommt zwar aus der Rechtsauffassung, dass jeder Bürger König ist im eigenen Haus. Doch kennzeichnet der Begriff unterdessen auch den Hausbesitzerehrgeiz, der zum britischen Selbstverständnis gehört.
Das eigene Haus als Statussymbol
Der Wandel einer Nation der Mieter in eine Nation der Hausbesitzer hat sich in weniger als hundert Jahren vollzogen. 1914 lebten nur zehn Prozent der Bevölkerung im Eigenheim, 1945 war der Anteil bereits auf vierzig Prozent gestiegen, 1981 erreichte er sechsundfünfzig Prozent. Lange nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Mieteinnehmer, der jeden Montag an der Tür klingelte, um das Geld in seinem Aktenkoffer einzusammeln, eine feste Figur des britischen Lebens.
Das änderte sich, als Margaret Thatcher im Zuge ihrer Bemühungen, den Einfluss des Staates zu verringern, Mietern ermöglichte, ihre Sozialwohnungen zu kaufen. Sie verwandelten ihre Mieten in Eigenkapital und wurden zu Kleininvestoren, die ihre Abhängigkeit vom Staat oft gegen die Abhängigkeit vom Markt eintauschten. Inzwischen liegt die Zahl der britischen Hausbesitzer mit siebzig Prozent weit über dem europäischen Durchschnitt.
Die Bedeutung der selbstgenutzten Immobilie in der britischen Lebensanschauung lässt sich schwer übertreiben. Davon zeugen die zahlreichen Maklerbüros auf den Hauptstraßen ebensowie die Fernsehsendungen, die aus der nationalen Manie Unterhaltung machen. Ein Haus stellt weit mehr dar als eine Unterkunft, die Sicherheit und Status verleiht. Sie dient als Anlagegut, als Rentenversicherung, als Garant für Schulgebühren - und steht zunehmend auch für einen Lebenswandel, der die Verhältnisse weit übersteigt.
Durchschnittlich mit sechzigtausend Pfund verschuldet
Diese Denkweise ließ den Immobilienmarkt zum wichtigsten Konjunkturmotor der von Kredit getriebenen Wirtschaft werden. Die Banken warfen den Kunden geradezu Hypotheken hinterher, die in Erwartung der Wertsteigerung mitunter sogar über dem Preis der Immobilie lagen.
Die Bonität der Kreditnehmer wurde nur flüchtig geprüft, die Darlehen betrugen oft das fünf- oder sechsfache Jahresgehalt. Das Ganze schien, einem gängigen Spruch zufolge, der bezeichnenderweise aus der Zeit der Eisenbahnblase im viktorianischen England stammt, „safe as houses“, also absolut sicher.
Schulden seien eine Zeitbombe, die gezündet werden könne durch alle möglichen wirtschaftlichen Stöße, warnte der ehemaliger Thatcher-Berater Lord Griffiths 2005 in einem Bericht über die Privatverschuldung in Großbritannien. Das pure Volumen der Verbraucherschuld habe Millionen von Haushalten anfällig gemacht. „Ein Konjunkturrückgang wird ernsthafte wirtschaftliche und soziale Probleme schaffen für die fünfzehn Millionen Menschen, die sich mit Rückzahlungen abmühen.“ Damals betrug die Privatverschuldung eine Billion Pfund. Heute ist sie bei 1,5 Billionen angelangt und übersteigt das Bruttoinlandsprodukt. Der durchschnittliche Haushalt ist mit fast sechzigtausend Pfund verschuldet.
Gäbe es Lynchjustiz, wären die Banker nicht mehr sicher
Jetzt verliert alle zehn Minuten eine Familie ihr Haus. Jeden Tag gehen mehr als achtzig Unternehmen pleite, und Tag für Tag werden Tausende von Stellen gestrichen. In der Bevölkerung wächst der Affekt gegen die Banker, die nach den Worten eines Anlageberaters im öffentlichen Ansehen auf das Niveau von Kinderschändern gesunken sind.
Geradezu fassungslos macht die Nachricht, dass Direktoren der teilverstaatlichten Lloyds-Bank in der Krise Gehaltserhöhungen erwogen haben. Die Forderung, Fred Goodwin, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Royal Bank of Scotland, dessen ungebremster Expansionsdrang das Geldhaus in staatliche Hand trieb, den Rittertitel zu entziehen, ist ein milder Ausdruck des wuchernden Zorns. Goodwin ist zur Symbolfigur der Misswirtschaft geworden.
„Die Luft war schwer mit dem starken Gemurmel des Namens Merdle verbunden mit jeder Form der Verwünschung“, schreibt Dickens in „Little Dorrit“, seinem großen, gerade wieder hochaktuellen Roman über Schuld und Schulden, die Wahrnehmung des hochstaplerischen Finanziers, der sich nach seinem Falliment mit einem - geliehenen - Taschenmesser umbringt.
Der Name Merdle ließe sich mit Goodwin austauschen. Gäbe es die Lynchjustiz, wären Banker nicht sicher vor dem Mob. Die Menschen möchten sie jetzt hinter Gittern sehen, fasste der ehemalige konservative Minister Michael Portillo die Stimmung zusammen.
Privatschulen sind aufs Schlimmste gefasst
Trotz aller Hiobsbotschaften, Zukunftsängste und Endzeitstimmung, obwohl die Schaufenster mit Ausverkaufsschildern zugekleistert sind und es immer mehr leerstehende Geschäfte gibt, hat die Krise mehrere Gesichter.
Das Londoner West End wimmelt nachts von Menschen, teure Restaurants wie das „Ivy“und das „Wolseley“, das den Verleger Lord Weidenfeld, den Maler Lucian Freud und andere prominente Intellektuelle zu seinen Stammgästen zählt, sind noch immer bis zum Bersten gefüllt.
Zu Beginn der Krise frotzelte ein Reporter, endlich sei es einfacher, einen Tisch im „Ivy“ zu bekommen als einen Termin beim Scheidungsanwalt. Das stimmt bisher ebenso wenig wie Meldungen über einen massenhaften Abzug der Kinder aus den Privatschulen.Der Sektor ist aufs Schlimmste gefasst, rechnet jedoch nicht mit den dramatischen Einbrüchen, die ihm prophezeit werden. An der Ausbildung der Kinder sparen die Briten zuallerletzt. In der letzten Rezession verloren die Schulen zwischen 1991 und 1996 im Schnitt weniger als zwei Kinder im Jahr.
Wahrsager stehen hoch im Kurs
So niederschmetternd die Lage ist, entdecken die Briten mit Hilfe von Ratgebern wie „The Thrift Book“ und „How to feed your whole family a healthy balanced diet with very little money and hardly any time“ notgedrungen auch die Freuden der Sparsamkeit und des einfacheren Lebens.
Wie im Krieg gilt die Parole „make do and mend“: mit wenig auskommen und flicken. Der Verkauf von Nähmaschinen ist gestiegen. Der Absatz von kleinen Plastikbehältern hat sich verdoppelt, weil die Angestellten ein Butterbrot mit ins Büro nehmen, statt sich Edelsandwiches zu leisten. Diskontsupermärkte wie Aldi und Lidl melden sogar Gewinnsteigerungen und setzten ihre Expansionspläne fort.
Der höhere Absatz von Aphrodisiaka zeigt, dass der Bedarf an Wohlfühlprodukten nicht ganz erstorben ist. Die Nachfrage nach Haarkolorationen ist in Supermärkten um sechzig Prozent gestiegen, weil der Friseurbesuch gestrichen wird. Auch Wahrsager sind ausgebucht, wie immer, wenn Bedrängnis und Ratlosigkeit herrschen - „ob an den Ufern Asiens oder in der (Londoner) Edgware Road“, wie T. S. Eliot in seinen „Vier Quartetten“ bemerkte.