In seinen gerade neu publizierten Essays berichtet der dänische Philosoph Georg Brandes um 1880, in kleinen deutschen Universitätsstädten komme es zuweilen vor, dass ein Student über die Straße hinweg einem anderen zurufe: „Sie haben mich angerempelt!“ - um ihn zum Duell zu fordern.
Am anderen Extrempunkt der Skala der Fähigkeit, sich öffentlich gestört zu fühlen, liegt die Gegenwart. Wenn man sich als durchschnittlich gekleideter Mensch an einem Samstagabend oder Sonntagvormittag in einen Zug setzen würde, um dort unter Schwenken von Bierflaschen lauthals und unschön zu singen, und zwar immer wieder dieselben Drei-Wort-Sätze, dann müsste man wohl nicht nur mit Beschwerden der Mitfahrenden, sondern auch mit dem baldigen Erscheinen von Bahnpersonal rechnen.
So sind sie halt
Tut man dasselbe aber gewandet in die Farben eines Sportvereins („Mahaiinzz nuuhuul fühünf!“) und in Gruppen, dann flacht die Beschwerde zum augenrollenden Seufzen („So sind sie halt“) ab, und das Ordnungsbedürfnis der Ordnungskräfte rechtfertigt gegenüber den Fan-Zügen ihren Namen: Zugbegleiter. Niemand ruft hier: „Sie haben mich angegrölt!“
Hingegen muss jeder Tourist, der sein Fahrrad irrtümlicherweise auf der falschen Plattform abstellt, mit dem Widerstand der Schaffner, mit Lautsprecherdurchsagen und persönlichen Auftritten rechnen. Nicht so eine angetrunkene Eintracht-Kohorte, die, unter Mitführung äußerst Minderjähriger, im Regionalverkehr ganze Waggons mit herausgebrülltem Liedgut nationaler wie lokaler Selbstbekräftigungskulturen erfüllt: „Bitte rechts aussteigen“ - tosendes Gejohle.
Das ältere Modell des Busfahrers, der den Motor abstellt und sich weigert weiterzufahren, wenn die Ruhestörer nicht zur Ruhe zurückfinden, leuchtet offenbar nicht mehr ein. Selbst die Polizisten, die mitunter solche Konvois begleiten, demonstrieren durch ihre Art, das zu tun, dass das Auftreten der Horden diesseits von körperlicher Gewalt und vorkomatöser Betrunkenheit als normal zu betrachten ist. Aufforderungen zu zivilem Verhalten unterbleiben.
Lärmempfindliche Großstädter
Das heißt nicht, wir seien im Bereich öffentlichen Interaktionsverhaltens normativ unsensibel geworden. Denn es gibt ja beispielsweise Züge, in denen eigene Zonen für Leute eingerichtet worden sind, die sich von Telefonaten ihrer Mitfahrer aus dem Bereich geschäftsführender Verantwortungsträger gestört fühlen. Man kann sogar vor Fahrtantritt wählen, ob man in einem solchen „Ruhebereich“ reservieren möchte. Allerdings sind es die teureren Züge, für die solche Möglichkeiten vorgesehen sind. Insofern mag es sein, dass die Deutsche Bahn Lärmempfindlichkeit für eine Eigenschaft gehobener Schichten aus Großstädten hält. Auch das Rauchen an nicht dafür vorgesehenen Orten ist uns inzwischen völlig unerträglich geworden und fordert sofortiges Einschreiten. Und wehe, jemand versucht, im Speisewagen ein Bier zu trinken, das er im „Bord-Bistro“ erstanden hat. Aber hallo, wenn das jeder machte! Die Bahn ist also durchaus kein Betrieb ohne Hausordnung.
Das Leeren ganzer Bierkästen im Abteil und das Lärmen hingegen werden nicht als sanktionsbedürftig erachtet, sofern sie nur von Fan-Gemeinschaften oder, dies die andere Variante, von Jugendgruppen ohne Erziehungshintergrund mit musikalischen Telefonen praktiziert werden.
Berechtigter Anlass zum Schreien
Zwar haben wir den Paragraphen 117 des Gesetzes gegen Ordnungswidrigkeiten. Danach handelt ordnungswidrig bereits, „wer ohne berechtigten Anlass oder in einem unzulässigen oder nach den Umständen vermeidbaren Ausmaß Lärm erregt, der geeignet ist, die Allgemeinheit oder die Nachbarschaft erheblich zu belästigen“. Da der Lärm, um den es hier geht, zweifellos dazu geeignet ist, muss vermutet werden, die angetrunkene Anhänglichkeit an Fussballvereine stelle einen berechtigten Anlass zum Schreien dar. Oder das Absingen von Hautseaufdieschnauze-Versen wird in Zugabteilen und Bahnhöfen einfach als unvermeidlich betrachtet.
Dass die belästigten Bürger den Kopf einziehen, ist dabei als Klugheitsverhalten leicht zu begreifen. Denn die anderen wollen ja nicht nur lärmen, sie wollen auf ihr Lärmen angesprochen werden, die Ellenbogen sind akustisch ausgestellt. Fast möchte man sagen: Sie sehnen sich nach dem Duell, aber nicht eines verrückt gewordenen Ehrbegriffs halber wie damals unter Deutschlands militarisierten Studenten. Sondern ganz einfach, weil sie prüfen wollen, was man ihnen durchgehen lässt. Und weil sie sich - und offenbar zu Recht - für stark genug halten, um zwar nicht die Norm, aber ein-, zweimal in der Woche die Normalität zu setzen.
Da jedoch nicht einmal die offiziell dazu bestellten Hausordnungskräfte auf die Provokation reagieren, ist auch der Gewinn der Provokateure ein schaler. Vielleicht gehen darum manche von ihnen zu schärferen Mitteilungsformen über. Dann allerdings, wenn wir von Hooligans sprechen dürfen, dann schicken wir unser berühmtes „massives Polizeiaufgebot“, unsere Sozialarbeiter und Konfliktpsychologen.
Wie bitte?
Michael Frankenfeld (sonnendeck)
- 31.03.2007, 16:29 Uhr
An Leser Frankenfeld
Maximilian Schaaf (Monuschaaf)
- 31.03.2007, 17:47 Uhr
Depressive Toleranz
Dieter Erkelenz (d.erkelenz)
- 31.03.2007, 18:00 Uhr
guter Artikel
(baertchen)
- 31.03.2007, 18:18 Uhr
Still gestanden!
(Selian)
- 31.03.2007, 20:17 Uhr