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Griechische Denkmäler : Tanz der Vampire

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Laufsteg Parthenon: Begleitet von Hunderten Fotografen, besucht Jackie Onassis, verwitwete Kennedy, 1969 die Akropolis Bild: akg-images

Glaubt man vielen Kommentatoren, hat der drohende Staatsruin Griechenland vom Urahn europäischer Kultur zu einer zu allem bereiten Hure gemacht. In Wirklichkeit tut Griechenland nur offen, was ganz Europa macht.

          Die verächtlichen Kommentare gingen in Druck, kaum dass der griechische Regierungssprecher die Erklärung, künftig würden die nationalen antiken Denkmäler kommerziell verwertet, zu Ende formuliert hatte: Die Akropolis als Freistatt für Werbe- und Actionfilmer; Athens Agora, der Urort des Parlamentarismus, als Spielwiese für Catwalker und 007-Stunts; der Kerameikos, der fast dreitausend Jahre alte Ehrenfriedhof, als Lotterkulisse für Shortcuts somnambul sich begrapschender Parfüm-Erotomanen oder für Werbespots, in denen potentielle Vampire auf ewige Jugend verzichten, weil die Altersvorsorge einer Versicherung verlockender erscheint - so oder ähnlich malen Kulturpessimisten die Zukunft des antiken Kulturerbes im Zeichen der europäischen Finanzkrise.

          Der drohende Staatsruin hat Griechenland, so glaubt man zu wissen, fast über Nacht vom Urahn europäischer Kultur und Demokratie zu einer zu allem bereiten Hure gemacht. Aber war Athens Kerameikos nicht schon 2002 in den Schlagzeilen? Haben damals nicht erst in letzter Sekunde Proteste einheimischer und ausländischer Archäologen, Intellektueller und Künstler verhindert, dass man weite Flächen des eigentlich unantastbaren Areals samt Grabmalen und Skulpturen einer U-Bahnstrecke opferte?

          Sucht nach möglichst attraktiven makellosen Stätten

          Der fahrlässige Umgang Griechenlands mit dem antiken Welterbe ist keineswegs ein neues Phänomen, ist keine letzte Verzweiflungstat des vom Bankrott bedrohten Landes: Während der Vorbereitungen für die Olympischen Spiele von Athen im Jahr 2004 wurden berühmte antike Stätten wie Marathon brachial zu Wettkampfstätten hergerichtet und mit fragwürdigen Rekonstruktionen verschwundener antiker Monumente aufgehübscht. Auch die mittlerweile Jahrzehnte andauernde Rekonstruktion des Parthenon, bei der nicht nur beschädigte Wände, sondern auch verschwundene wiederhergestellt werden, gründet ebenso auf der Sucht des Tourismus nach möglichst attraktiven makellosen Stätten wie auf archäologischem Wissensdurst.

          Sucht man nach einem Ereignis, dass die Initialzündung für derartig rüde Indienstnahme darstellt, käme die Entdeckung des Grabes Philipps II. von Makedonien 1977 im nordgriechischen Vergina, dem antiken Aigai, in Frage. Alles war sensationell an diesem Fund: dass man die Grabstätte des Vaters von Alexander dem Großen gefunden hatte, die unerhörte Fülle an Gold- und Silberschätzen - und die Tatsache, dass die Asche des Herrschers von einem goldbestickten Purpurtuch umhüllt war.

          Jahrzehntelange Nachlässigkeit

          Der sagenhafte Purpur, der den Größten der Großen Griechenlands und Roms vorbehalten gewesen war - dass für einen Blick auf ihn Massen nächtelang Schlange stehen würden, war allen Beteiligten klar. Sofort bereitete man eine spektakuläre Ausstellung vor. Doch Anfragen bei Spezialisten für antike Gewebe ergaben, dass das Entfalten und Konservieren des Purpurstoffs Jahre beanspruchen würde. Ein Restaurator aber sprach von Monaten - unter der Bedingung jedoch, nur ein Teilstück zu retten. Man akzeptierte und eröffnete termingerecht in Thessaloniki eine Schau mit Besucherrekorden.

          Diesen Dammbruch wiederum hatte jahrzehntelange Nachlässigkeit vorbereitet: Niemanden störten 1961 die Schäden der Scharen kraxelnder Fotografen und Kameraleute, Sicherheitsmannschaften und Diplomaten, als Jaqueline Kennedy im Blitzlichtgewitter die Propyläen hinaufschritt, niemanden störte es, als 1956 Sophia Loren, beobachtet von Hunderten Schaulustiger, für Jean Negulescos Film „Der Knabe auf dem Delphin“ auf den Stufen des Parthenon posierte, niemanden störte es, als es ihr bald Nana Mouskouri und Melina Mercouri, und 1969 die nunmehrige Reedersgattin Jackie Onassis nachtaten.

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