30.01.2012 · Glaubt man vielen Kommentatoren, hat der drohende Staatsruin Griechenland vom Urahn europäischer Kultur zu einer zu allem bereiten Hure gemacht. In Wirklichkeit tut Griechenland nur offen, was ganz Europa macht.
Von Dieter BartetzkoDie verächtlichen Kommentare gingen in Druck, kaum dass der griechische Regierungssprecher die Erklärung, künftig würden die nationalen antiken Denkmäler kommerziell verwertet, zu Ende formuliert hatte: Die Akropolis als Freistatt für Werbe- und Actionfilmer; Athens Agora, der Urort des Parlamentarismus, als Spielwiese für Catwalker und 007-Stunts; der Kerameikos, der fast dreitausend Jahre alte Ehrenfriedhof, als Lotterkulisse für Shortcuts somnambul sich begrapschender Parfüm-Erotomanen oder für Werbespots, in denen potentielle Vampire auf ewige Jugend verzichten, weil die Altersvorsorge einer Versicherung verlockender erscheint - so oder ähnlich malen Kulturpessimisten die Zukunft des antiken Kulturerbes im Zeichen der europäischen Finanzkrise.
Der drohende Staatsruin hat Griechenland, so glaubt man zu wissen, fast über Nacht vom Urahn europäischer Kultur und Demokratie zu einer zu allem bereiten Hure gemacht. Aber war Athens Kerameikos nicht schon 2002 in den Schlagzeilen? Haben damals nicht erst in letzter Sekunde Proteste einheimischer und ausländischer Archäologen, Intellektueller und Künstler verhindert, dass man weite Flächen des eigentlich unantastbaren Areals samt Grabmalen und Skulpturen einer U-Bahnstrecke opferte?
Der fahrlässige Umgang Griechenlands mit dem antiken Welterbe ist keineswegs ein neues Phänomen, ist keine letzte Verzweiflungstat des vom Bankrott bedrohten Landes: Während der Vorbereitungen für die Olympischen Spiele von Athen im Jahr 2004 wurden berühmte antike Stätten wie Marathon brachial zu Wettkampfstätten hergerichtet und mit fragwürdigen Rekonstruktionen verschwundener antiker Monumente aufgehübscht. Auch die mittlerweile Jahrzehnte andauernde Rekonstruktion des Parthenon, bei der nicht nur beschädigte Wände, sondern auch verschwundene wiederhergestellt werden, gründet ebenso auf der Sucht des Tourismus nach möglichst attraktiven makellosen Stätten wie auf archäologischem Wissensdurst.
Sucht man nach einem Ereignis, dass die Initialzündung für derartig rüde Indienstnahme darstellt, käme die Entdeckung des Grabes Philipps II. von Makedonien 1977 im nordgriechischen Vergina, dem antiken Aigai, in Frage. Alles war sensationell an diesem Fund: dass man die Grabstätte des Vaters von Alexander dem Großen gefunden hatte, die unerhörte Fülle an Gold- und Silberschätzen - und die Tatsache, dass die Asche des Herrschers von einem goldbestickten Purpurtuch umhüllt war.
Der sagenhafte Purpur, der den Größten der Großen Griechenlands und Roms vorbehalten gewesen war - dass für einen Blick auf ihn Massen nächtelang Schlange stehen würden, war allen Beteiligten klar. Sofort bereitete man eine spektakuläre Ausstellung vor. Doch Anfragen bei Spezialisten für antike Gewebe ergaben, dass das Entfalten und Konservieren des Purpurstoffs Jahre beanspruchen würde. Ein Restaurator aber sprach von Monaten - unter der Bedingung jedoch, nur ein Teilstück zu retten. Man akzeptierte und eröffnete termingerecht in Thessaloniki eine Schau mit Besucherrekorden.
Diesen Dammbruch wiederum hatte jahrzehntelange Nachlässigkeit vorbereitet: Niemanden störten 1961 die Schäden der Scharen kraxelnder Fotografen und Kameraleute, Sicherheitsmannschaften und Diplomaten, als Jaqueline Kennedy im Blitzlichtgewitter die Propyläen hinaufschritt, niemanden störte es, als 1956 Sophia Loren, beobachtet von Hunderten Schaulustiger, für Jean Negulescos Film „Der Knabe auf dem Delphin“ auf den Stufen des Parthenon posierte, niemanden störte es, als es ihr bald Nana Mouskouri und Melina Mercouri, und 1969 die nunmehrige Reedersgattin Jackie Onassis nachtaten.
Wie oft schon haben Stative den ausgemergelten Kalkstein der Säulen und Fundamente des antiken Olympia zerkratzt, wenn dort unter den Augen der Weltöffentlichkeit in Bettlaken drapierte Komparsinnen eine griechische Schauspielerin flankieren, die mit dem lächerlichen Pathos vorgestriger Hoftheater die „olympische Flamme“ entzündet? Nach dem Willen des griechischen Parlaments sollen nun, und das nicht in vierjährigem Olympiade-Abstand, sondern so oft wie möglich, auch Delphi oder der Palast von Knossos auf Kreta als Freilichtateliers gegen gutes Geld vermietet werden.
Ist das wirklich ein Grund, mit Fingern auf Griechenland zu zeigen? Nahm 2010 irgendjemand Anstoß, als Italiens Kulturbehörden zuließen, dass in Pompeji das antike Theater mit neuen Sitzen und plumpen Containern für Bühnentechniker und sanitäre Bedürfnisse vollgepfercht wurde, damit dort wieder die lukrativen Konzerte stattfinden können, die 1976 wegen immenser Schäden durch den Publikumsauftrieb verboten wurden? Wer denkt noch an den Skandal, der kürzlich Rom erregte, als Steine vom Kolosseum stürzten, das seit Jahrzehnten als Touristenattraktion verschlissen wird? Wer, der nun aufschrie, wusste noch, dass 2010 Gewölbe der Domus Aurea, die jährlich Tausende Besucher hat, wegen mangelnder Pflege einstürzten?
Längst gelten auch für Denkmäler die Gesetze des freien Marktes. Weder Griechenland noch Italien waren oder sind die Einzigen, die um höherer Einnahmen willen ihre historischen Stätten fleddern. Alle europäischen Länder haben ihre historischen Stätten zu Geldbringern aufpoliert. Von Wiens „Museumsquartier“, wo seit 1998 die barocken Hofstallungen mittels exzentrischer neuer Museumsbauten zum „achtgrößten Kultur-Areal der Welt“ umgestaltet wurden, bis ins winzige Xanten, dessen römisch-antiker Gründungskern zum Freiluftmuseum ausgebaut wurde, wo antikisch kostümierte Kellner Besuchern in rekonstruierten Thermen und Schenken Speisen à la Antike servieren - historische Stätten werden zum Standortfaktor, die wirtschaftlich kränkelnden Kommunen und Märkten neue Einnahmequellen erschließen.
Das vorläufig noch krisenresistente Deutschland ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Man nehme nur Dresden, das sich selbst gern als Krone aller barocken Schöpfungen rühmt. Dort wurde 2010, nach endloser vergeblicher Investorensuche, endlich das hinreißend schöne, im Februar 1945 zerbombte Kurländer Palais wiederaufgebaut. Nicht als Museum, Konzerthaus oder sonstige Kulturstätte, sondern als „Event Location“. Man könne, so versprechen die Betreiber im Internet, „ein auferstandenes märchenhaftes Palais wiederentdecken“ samt seiner „Magie, die noch immer allgegenwärtig ist“. Die Hauptattraktion im einstigen Festsaal des Kurländer Palais wird folgendermaßen beschrieben: „Draculas Hochzeit - Eine köstliche Dinnershow mit Biss“.
Wo ist hier noch der Unterschied zu Griechenlands Hausiererei? Im Zeichen der Euro-Krise arbeiten überall Geldgier und Geldmangel Hand in Hand; Athen, mit dem Rücken zur Wand, tut nur in aller Öffentlichkeit, was andere unter dem Deckmantel relativer Stabilität praktizieren. Das Opfer sind allemal die Denkmäler - und wir, die statt historischer Stätten immer häufiger Event Locations geboten bekommen. Für gutes Geld, versteht sich.
Vermarktung der Geschichte : Wo ist das Problem?
Max Schmid (CH-Gast)
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Antike Rekonstruktionen
Günter Jäger (rohrbacher)
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Roland Magiera (Roland_M)
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