http://www.faz.net/-gqz-vue4

Gregor Gysi : Doris Lessings deutscher Neffe

  • -Aktualisiert am

Gregor Gysi mit Tante Doris Lessing Bild: dpa

Sofort rief Gregor Gysi bei seiner Tante Doris Lessing an, nachdem er erfahren hatte, dass sie den Nobelpreis bekommt. Die beiden verbindet eine kuriose Familiengeschichte.

          Er ist bekannt und, wenn nicht beim politischen Gegner, so doch in der Bevölkerung auch beliebt - doch der berühmteste in der Familie ist er nicht, trotz einer langen politischen Karriere und dem Fraktionsvorsitz der Linken im Deutschen Bundestag. Mit der Nachricht aus Stockholm, Doris Lessing werde in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, steht fest: Global gesehen ist Gregor Gysi künftig vor allem eines - Doris Lessings Neffe.

          Entsprechend nahm er, als die Nachricht aus Stockholm kam, die Sache sportlich und bekundete in einer Erklärung im Bundestag seine große Freude: „Eine Tante als Nobelpreisträgerin - mehr geht nicht“ - na gut, ein eigener Nobelpreis wäre wohl mehr, „aber wofür?“ fragte Gysi mit ungewohntem Realismus.

          Das Land der „schönen Wohnungen“

          Doris Lessing war in zweiter Ehe mit dem Kaderkommunisten Gottfried Lessing verheiratet, dem Bruder von Gysis Mutter Irene. Die beiden hatten sich in Südrhodesien, dem heutigen Zimbabwe, kennengelernt und 1943 geheiratet. Später zerbrach die Ehe, gerade auch an der Politik. Er, ein politischer Fanatiker, ging 1950 in die DDR, machte dort Karriere und pries ihr zuvor schon das Land an, in dem man „schöne Wohnungen“ habe „und Autos und Chauffeure“. Seine Frau aber hatte sich vom Kommunismus bereits gelöst und blieb in England, wo sie inzwischen lebte.

          Eine angeheiratete Tante für Gregor Gysi also. Die Beziehung der beiden ist eher lose, wie der Gysi-Biograph Jens König („Gregor Gysi“. Eine Biographie, 2005) berichtet, gerade auch wegen der Sprachbarriere: „Sie spricht kein Deutsch und er so gut wie kein Englisch.“ Und doch gab es in der Vergangenheit immer wieder Berührungspunkte. Etwa Anfang der achtziger Jahre, als die inzwischen berühmte Schriftstellerin bei den Gysis in Berlin anrief, um sie aus der DDR herauszuholen.

          Utopien enden meist in Konzentrationslagern

          Nach der Stationierung der amerikanischen Pershing-Raketen in der Bundesrepublik war sie davon überzeugt, nun komme es zum Atomkrieg, und Deutschland werde dabei vernichtet. Die Gysis sollten zu ihr nach London kommen. Doch Gregors Mutter lehnte ab. So jedenfalls hat er es seinem Biographen erzählt. Tante Doris, die sich als „mit Deutschland schwer verstrickt“ bezeichnet, kann sich an die Episode nicht so recht erinnern.

          Ob Gregor Gysi das Werk seiner Tante liest? Wir wollen es ihm glauben, auch wenn ihre Botschaft ihn noch nicht in aller Schärfe erreicht haben dürfte. „Utopien enden meist in Konzentrationslagern“, hat Doris Lessing einmal gesagt. Für ihren Neffen, einen der letzten Utopisten der deutschen Politik, hat sie aber wärmere Worte: Er sei ein „romantischer Sozialist“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.), hier auf einer Veranstaltung in Idar-Oberstein, wollen Angela Merkel an der Parteispitze beerben.

          Zweite CDU-Regionalkonferenz : „Eine unbezahlbare Marketingshow“

          „Wir brauchen euch drei gemeinsam“, meint Julia Klöckner bei der zweiten Regionalkonferenz im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch die Kandidaten versuchen, sich von den Konkurrenten abzusetzen – zum Beispiel beim Migrationspakt. Mit Erfolg?

          Saudi-Arabien : Ein Kronprinz in der Defensive

          Meist geht die Welt nach der Tötung eines Regimekritikers schnell zur Tagesordnung über. Im Fall Khashoggi ist das anders – und das liegt vor allem an Muhammad Bin Salman. Ein Kommentar.
          Die operativen Geschäfte werden künftig von Thierry Bolloré gesteuert.

          Renault : Ghnosn darf nach Finanzaffäre bleiben – vorerst

          Die Nummer Zwei rückt auf: Thierry Bolloré soll künftig die operativen Geschäfte von Renault führen. Der im Zuge einer Finanzaffäre verhaftete Carlos Ghosn bleibt aber vorerst ebenfalls Unternehmenschef.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.