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Grass' spätes Eingeständnis Eine zeitgeschichtliche Pointe

Ausgerechnet Günter Grass, der Schriftsteller, der allen die Zunge lösen wollte, der das Verschweigen und Verdrängen der alten Bundesrepublik zum Lebensthema machte, hat jetzt sein eigenes Verschweigen bekannt. Ein Kommentar von Frank Schirrmacher.

© F.A.Z. - Helmut Fricke Vergrößern Der Auskunftgeber schwieg: Günter Grass

Tätowiert wurde er nicht. Im Herbst 1944 hatte die Waffen-SS, die bis dahin jedes ihrer Mitglieder mit einer Blutgruppentätowierung kennzeichnete, offenbar keine Zeit mehr für derartige Prozeduren. Aber die Uniform trug er. Er war siebzehn. Und er, der in Fragen der historischen Schuld zum womöglich wichtigsten Auskunftgeber der Deutschen wurde, hat darüber bis heute geschwiegen.

Frank Schirrmacher † Folgen:  

Niemand wußte davon, nicht einmal seine Kinder; nur seine Frau. Alle Biographien - zuletzt die aus unzähligen Gesprächen über die Jugend des Schriftstellers im Dritten Reich schöpfende von Michael Jürgs - verzeichnen den Günter Grass des Jahres 1944 als Flakhelfer.

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Verschweigen als Lebensthema

Zweiundsechzig Jahre sind seither vergangen. Jetzt offenbart der fast Achtzigjährige in seinen Erinnerungen die Zugehörigkeit zur Waffen-SS (siehe auch: Günter Grass: Ich war Mitglied der Waffen-SS). Grass war Panzerschütze der 10. SS-Panzerdivision „Frundsberg“. Einer ihrer Kommandeure - er verließ die Division im Herbst 1944 - war Karl Fischer von Treuenfeld, berüchtigt, weil er nach dem Mord an Heydrich die Vergeltungsmaßnahmen in Prag leitete.

Grass01 © picture-alliance/ dpa Vergrößern Wider die Rhetorik der Nachkriesgentschuldigungen: Grass bei einem Treffen der „Gruppe 47” (mit Dieter Wellerhof, 1964)

Warum jetzt, warum überhaupt? Im Gespräch mit der F.A.Z (siehe auch: Günter Grass im Interview: Warum ich mein Schweigen breche) sagt Grass: „Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das mußte raus, endlich.“ Wer die Rhetorik der Nachkriegs-Entschuldigungen und -Beschuldigungen kennt, glaubt, nicht recht zu hören. Der Autor, der allen die Zunge lösen wollte, der das Verschweigen und Verdrängen der alten Bundesrepublik zum Lebensthema machte, bekennt ein eigenes Schweigen, das, folgt man nur seinen eigenen Worten, absolut gewesen sein muß. Mit keinem seiner Kollegen hat er je darüber geredet, und auch in den großen Debatten der Nachkriegszeit hat er in diesem Punkt geschwiegen.

Das Mal trug er bis heute

Was wäre gewesen, wenn Franz Schönhubers Waffen-SS-Traktat „Ich war dabei“ auf seine Gegenstimme gestoßen wäre, unter der Überschrift „Ich auch“? Wie wäre die Bitburg-Debatte verlaufen, wenn er sich damals erklärt hätte - und sei es im selbstbezweifelnden goetheschen Sinne, daß er noch nie von einem Verbrechen gehört habe, das er nicht auch selbst hätte begehen können? Statt dessen nannte er den Besuch von Reagan und Kohl auf dem Soldatenfriedhof, wo, wie wir nun wissen, womöglich Angehörige seiner eigenen Division lagen, „eine Geschichtsklitterung, deren auf Medienwirkung bedachtes Kalkül Juden, Amerikaner und Deutsche, alle Betroffenen gleichermaßen verletzte“. Mag sein, daß es so war - aber wäre die Debatte nicht wahrhaftiger gewesen, wenn man gewußt hätte, daß aus einem verblendeten Mitglied der Waffen-SS (so stellt Grass selber sich dar), einem der Jugendlichen, die da lagen, einer wie er hätte werden können - nicht nur ein Verteidiger, ein Protagonist von Freiheit und Demokratie? Grass wurde nicht tätowiert, gewiß, aber das Mal trug er bis heute.

Das ist, um es deutlich zu sagen, keine Frage von Schuld und Verbrechen. Grass war ein halbes Kind. Auch später hat er sich nie zum Widerstandskämpfer stilisiert. Daß er bis zum Nürnberger Prozeß an Hitler geglaubt und den Holocaust für eine Erfindung der Alliierten gehalten habe, hat er immer wieder erklärt. Der Film „Kolberg“, im Januar 1945 als Durchhaltefilm in die Kinos gekommen, hat ihn stark beeindruckt. Auch hatte die Waffen-SS, in die Grass als Kriegsfreiwilliger 1944 eintrat, bereits Züge des letzten Aufgebots.

Zurückgeworfen in den Mahlstrom von 1945

Immer wieder ist von den Angehörigen dieser Generation überliefert, wie sie sich über die jungen Leute wundern, die sie einst gewesen sind - die Beschäftigung mit der eigenen Jugend wird zu einem Akt der Selbsterziehung, und es ist kein Wunder, daß fast alle ihre Erinnerungsbücher in dem Augenblick aufhören, da die Jugend vorbei ist. Alle diese Achtzigjährigen, von Grass bis Joachim Fest, der ebenfalls in diesem Herbst Jugenderinnerungen vorlegt, sind in allen Erfolgen gleichsam festgefrorene, gebannte Jugendliche geblieben - wie unerlöst und immer wieder zurückgeworfen in den Mahlstrom des Jahres 1945, trotz aller Bewältigungsversuche der Nachkriegszeit.

Es ist eine zeitgeschichtliche Pointe, wie kein Romanschriftsteller sie sich ausdenken könnte, daß die große Nachkriegserzählung der Deutschen von Schuld und Scham, die Galerie der Täter, der Verstrickten und Mitläufer, jetzt - denn es ist jetzt wohl das Ende - mit Günter Grass und seinem Eingeständnis endet. Grass ist der letzte, der sagt: Ich habe zu lange geschwiegen. Und: Es hat mich belastet. Grass!

Die erklärende Stimme fehlte

Im Licht dieser Selbstoffenbarung werden Kritiker und Germanisten das Leben des oft beneidenswert selbstgewissen, das Schaffen des oft genialen Mannes einer behutsamen Revision unterziehen. Noch im Gespräch mit der F.A.Z. beklagt er das Fehlen von „Bewältigung“ und ist nun doch selbst zum Symbol der Schwierigkeiten solcher Bewältigung geworden.

Grass wird im nächsten Jahr, hoch geehrt, seinen achtzigsten Geburtstag feiern. In den fast fünftausend Seiten politischer und autobiographischer Prosa umgeht er, was nun auf ein paar Seiten seiner Erinnerungen angesprochen wird. Aber verständlich wird heute die fast unmäßige Wut auf die Eltern- und Großelterngeneration, in seinen Augen symbolisiert durch Adenauer und Kiesinger.

Als vor einigen Jahren bekannt wurde, daß der Romanist Hans Robert Jauß mit achtzehn in die Waffen-SS eingetreten war, beschädigte dies irreversibel sein wissenschaftliches Renommee. Damals hätte eine erklärende Stimme gutgetan. Keine, die beschönigt, was die SS gewesen ist, sondern eine, die klarmacht, daß kaum jemand für sich als Siebzehn- oder Achtzehnjährigen garantieren kann. Es geht nicht, schon gar nicht im Jahre 2006, um Schuldzuweisungen, sondern um jenes Gran von Skepsis und Selbstverunsicherung, die einem beibringen, daß das Leben kein Hollywood-Film ist, in dem man immer auf seiten der Guten das Kino verläßt.

Quelle: F.A.Z., 12.08.2006, Nr. 186 / Seite 1

 
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Veröffentlicht: 12.08.2006, 17:34 Uhr

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Von Helmut Mayer

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