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Grass-Memoiren Zwiebelopfer für uns alle

17.08.2006 ·  „Beim Häuten der Zwiebel“, die Autobiographie von Günter Grass, ist viel mehr und viel weniger als ein Geständnis. Das Buch hat viel zu erzählen. Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg über die Grass-Memoiren.

Von Adolf Muschg
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Natürlich konnte auch mir, bei Lektüre eines Leseexemplars von „Beim Häuten der Zwiebel“, die Organisation nicht gut entgehen, der Günter Grass als junger Mann angehört hatte. Es war die bis 1945 rätselhaft erfolgreiche kriminelle Organisation eines ganzen gebildeten Volkes durch einen Führer, den es auch noch selbst gewählt hatte. Nur berichtete Grass diesen epochemachenden Skandal wahrlich nicht zum ersten Mal.

Er war, samt allen Verwicklungen der verfolgenden Unschuld, schon das Thema der „Blechtrommel“ gewesen, in der es etwa die Geschichte von Matzerath senior gibt: eines in seiner normalen Mitläuferei nicht unbegreiflichen Nazis, der am „Bonbon“, dem Parteiabzeichen, erstickt, das er vor dem bitteren Ende noch durch Verschlucken unschädlich machen möchte. Aber statt nur seine Spur zu verwischen, beseitigt er sich gleich selbst. Solche Geschichten wurden aus der Perspektive eines kleinen Monstrums, das sein Wachstum verweigert, damals so prall - und so unverschämt human - erzählt, daß kein Leser daran zweifeln konnte: Die schwer belastete deutsche Nation habe wieder einen großen Schriftsteller. Noch dazu einen, der das Wirtschaftswunder als Alibi nicht gelten ließ. Seine Sprache schien keines nötig zu haben - nicht einmal für das Erzählen des „Dritten Reiches“. Welche Befreiung!

Ein Buch der versuchten Erinnerung

Nun schreibt dieser Günter Grass ein Buch der versuchten Erinnerung, wie er dazu kam, einen Blechtrommler namens Oskar Mazerath zu schildern, ohne selbst zwergenhaft zu bleiben. Da Grass ein Deutscher des Jahrgangs 1927 ist, blieb ihm, als junger Mensch, die kriminelle Organisation seines Volkes nicht erspart. Statt der Gnade der späten Geburt hatte er 1945, als er in die lebensrettende amerikanische Gefangenschaft geriet, nur eine Identität vorzuweisen, die seine Zugehörigkeit zum bewaffneten Arm eines verbrecherischen Staates, dennoch seines eigenen, belegte. Dabei hatte er seine Einteilung zu einer bereits zum Phantom ausgedünnten SS-Panzerdivision „Frundsberg“ nicht unterschlagen. Sie hätte für den Kindersoldaten Grass immer noch mörderisch werden können.

Das las ich beim Mithäuten der Zwiebel, als Nichtdeutscher im Jahr 2006 mit dem Gefühl realer Teilnahme. Es kümmerte mich nicht sehr, in welcher Uniform er dem abscheulichen Zweifrontenkrieg der letzten Kriegsmonate entgangen war; Hauptsache, daß er es tat. Ihn muß es sehr wohl und nachhaltig bekümmert haben. Die Scham des Überlebenden ist keine deutsche Spezialität, und da sie bestimmte, auch ehrenhafte Tabus begleitet, habe ich, glaube ich, auch verstanden, warum ein halbes Jahrhundert vergehen mußte, bevor ein dem Krieg seines Führers mit genauer Not Entronnener sich herausnahm, von Glück zu reden.

Es hat viel zu erzählen

Dafür mußte er, der in diesen Krieg als junger Mensch schuldig oder unschuldig Mitverwickelte, die Komplizität mit ihm in jeder literarischen und politischen Form glaubwürdig genug gekündigt haben, und das heißt mit Folgen für sein Selbstverständnis als Citoyen. Erst als Repräsentant eines andern Deutschlands wagte es der alte Mann, auf jenen Simplizissimus seines Namens zurückzukommen, der sich vor einem halben Jahrhundert in die Kalbshaut einer SS-Uniform hatte stecken lassen. Das Buch ist viel mehr und viel weniger als ein Geständnis. Es hat viel zu erzählen.

So war ich es, der nach der Lektüre (die Mehrzahl von Grass' Schnellrichtern konnten da zunächst nur sein Interview in dieser Zeitung gelesen haben) von Glück reden durfte - und da die Frucht der Erkenntnis in diesem Fall eine geschälte Zwiebel war: nicht ohne Wirkung auf das Augenwasser. Das Messer, mit der ihm seine Verleumder jetzt auf den Leib rücken, hat Grass ihnen als Schäl- und Sezierinstrument selbst in die Hand gegeben. Zu dieser Wendung der Dinge fehlen jetzt sogar ihm die Worte, dem sprachmächtigen Kenner der verkehrten Welt. Sieht sie so aus, die Scham eines spät ertappten Sünders? Oder könnte es auch die Scham eines Menschen sein, der angesichts so vieler ertappter Pharisäer einsehen mußte, daß seine Lebensarbeit wirkungslos gewesen ist? Denn: Freien Menschen müßte er jetzt nichts erklären; sie würden an seine Seite treten, wenn er von ahnungslosen Moralisten erledigt werden soll. Sie brauchten dafür nicht einmal für seine Person Zeugnis abzulegen - nur für die peinliche Wahrheit der eigenen Geschichte. Sie könnten so frei sein zu würdigen, worüber, auch dank Grass, zwar noch immer nicht leichter zu reden ist, aber bescheidener und ziviler.

Zwanghafte Demontage

Statt dessen begnügt sich eine nicht kritische, lediglich verurteilende Öffentlichkeit damit, einen, den sie sich, offenbar widerwillig genug, als Autorität gefallen lassen mußte, bei der ersten Gelegenheit ebenso zwanghaft zu demontieren und die Anschwärzung bis zur Nachrede des Opportunismus zu treiben. Warum hat er so lange geschwiegen? Natürlich um sich die Aussicht auf den Nobelpreis nicht zu verderben. Warum redet er jetzt? Natürlich um sein Buch besser zu verkaufen. So versucht man einem Autor, der für die Glaubwürdigkeit Deutschlands in der Welt exemplarisch eingestanden ist, aus der Mehrschichtigkeit seines Lebens, der Vieldeutigkeit seines Textes am Ende nichts weiter zu drehen als einen Strick.

Ein Publikum, das eine solche Degradierung seiner selbst durchgehen ließe, wäre zu bedauern. Jetzt, wenn je, ist der Beweis dringend, daß es für Wörter wie „common sense“ oder „bon sens“ eine deutsche Übersetzung gibt. Ein Vorschlag wäre schlicht: geistiger Anstand.

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, geboren 1934, war von 2003 bis 2006 Präsident der Berliner Akademie der Künste. Zuletzt veröffentlichte er den Roman „Eikan, du bist spät“.

Quelle: F.A.Z., 18.08.2006, Nr. 191 / Seite 33
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