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Gottschalk bei Reich-Ranicki Der Besuch

 ·  Wie Thomas Gottschalk einmal Marcel Reich-Ranicki zu Hause besuchte, um seine künftige Kolumne für das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zu besprechen.

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© Julia Zimmermann „Und du hast wirklich Walsers Tagebuch?“

Also, es war ja höchste Zeit, dass die beiden Herren sich endlich einmal wiedersehen. Mehr als vier Jahre, nachdem Marcel Reich-Ranicki Thomas Gottschalk vor die härteste Moderatorenprüfung seiner Karriere gestellt hat, als er, der Kritiker, auf offener Bühne, vor tausend Menschen, die sich ehrerbietig erhoben hatten, Gottschalk seinen Glaspokal nicht abnehmen wollte, mit dem das deutsche Fernsehen Reich-Ranicki für dessen Lebenswerk auszeichnen wollte. „Ich habe nicht gewusst, was mich hier erwartet“, sagte er, konsterniert über all den Unsinn, der an jenem Abend mit Preisen überhäuft worden war, und fügte hinzu: „Ich gehöre nicht in diese Reihe.“

Der ganze festliche Saal war wie schockgefroren in diesem Moment, und Gottschalk stand da mit dem Pokal, den keiner haben wollte. Sekunden der Ratlosigkeit. Und dann konnte man zwei Unterhaltungsprofis dabei zusehen, wie man eine irgendwie unmögliche Situation auf offener Bühne in eine Show verwandelt.

„Sagen wir uns ,Du’ ab heute“

Wie Gottschalk spontan ein großes Gespräch über das Fernsehen der Gegenwart zwischen ihnen beiden vorschlug, die anwesenden Intendanten aller großen deutschen Sender in der ersten Reihe direkt zur Übertragung dieser Sendung ermutigte, sich über die zögerliche RTL-Chefin lustig machte und wie dann Marcel Reich-Ranicki die Geschichte des Cellisten Rostropowitsch erzählte, dem ein verzauberter Herbert von Karajan, als er ihn zum ersten Mal Cello spielen hörte, überwältigt das „Du“ angeboten hatte und wie der Kritiker dann, auf den inzwischen wirklich auf alles gefassten Gottschalk zulief, ihn umarmte und sagte „Mein Lieber, sagen wir uns ,Du‘ ab heute“ - das war ein Fernsehmoment für die Ewigkeit.

Und jetzt also haben sie sich endlich wiedergetroffen. Thomas Gottschalk hat Marcel Reich-Ranicki in dessen Wohnung in Frankfurt besucht. Erstens, um ihn einmal wiederzusehen und das „Du“ zu erproben, und zweitens, um ein neues Projekt zu besprechen, ein Projekt, das man beinahe ein gemeinsames nennen kann. Thomas Gottschalk soll, so haben wir in der Redaktion uns das zusammen mit Reich-Ranicki ausgedacht, eine Kolumne schreiben, die einem ähnlichen Prinzip folgt wie die des Kritikers: „Fragen Sie Gottschalk“ wird die Kolumne heißen, und Sie, unsere Leser, können Thomas Gottschalk ab sofort unter der E-Mail-Adresse „Gottschalkfragen@faz.de“ oder per Post alles fragen, was Sie ihn schon immer fragen wollten.

Vor allem: alles zum Thema Fernsehen. Und er wird eine Auswahl dieser Fragen jeden Sonntag im Feuilleton der F.A.S. beantworten. Der ideale Nebenmann zu Reich-Ranicki, so scheint es uns. Thomas Gottschalk ist im Grunde immer schon ein Feuilletonist gewesen, ein Bildungsbürger, einer, der von der Lebendigkeit dessen zeugt, was wir unter Kunst verstehen. Manchmal werden die beiden sich vielleicht auch gegenseitig Fragen stellen, wenn es Dinge zu klären gibt. Meist jedoch bleibt jeder in seiner eigenen Kolumne.

Ein Geschenk des Himmels

Diese Sache war bei Gottschalks Besuch in der sonnendurchfluteten Wohnung Reich-Ranickis schnell durchgesprochen. Seine Wertschätzung für Thomas Gottschalk ist seit vielen Jahren jedermann bekannt; es gibt nur wenige Unterhaltungskünstler der Gegenwart, die der Kritiker so schätzt wie Gottschalk. Er mag seine Spontaneität, seine Menschenfreundlichkeit, seine Lebensklugheit, seine ganze unzynische Art. Und wer die beiden Reden gehört oder gelesen hat, die Thomas Gottschalk in seinem Leben auf Reich-Ranicki gehalten hat, der weiß, dass kaum ein Zweiter das Wesen Reich-Ranickis, den Kern seiner Kritikerkunst so schön und klug und heiter und selbstironisch beschrieben hat wie er.

Dabei steht an erster Stelle der Respekt, der Respekt vor diesem Mann, diesem Leben, diesem Wissen und der Fähigkeit, dieses Wissen aufs unterhaltsamste zu vermitteln. Als die beiden sich zum ersten Mal begegnet sind, 1992, als Marcel Reich-Ranicki auf der Couch von „Wetten, dass. .?“ erklären musste, ob er Johannes Hallbacher zutraut, zwanzig Mosel-Rieslinge ihrem Jahrgang zuzuordnen, da sagte Gottschalk nach der Sendung über seinen Gast, den Kritiker, der auf dem Sofa eine große Show geliefert hatte: „Er ist ein Geschenk des Himmels.“

Jetzt sitzt Marcel Reich-Ranicki hier, in seinem schwarzen Sessel, auf dem Tisch Kaffee, Konfekt und Wasser, ihm gegenüber auf der Couch sitzt Thomas Gottschalk in brauner Weste, blaubunter Krawatte, die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Die neue Kolumne will Reich-Ranicki gar nicht groß besprechen. Wie das wird? „Das werden wir sehen.“ Er ist da ganz der Mann, den die Leser aus der Kolumne kennen, wenn sie ihn fragen, ob man dieses oder jenes Buch in zwanzig Jahren noch lesen werde: „Ich bin Kritiker und kein Hellseher.“ Und jetzt, hier in der Sonne, will er Wichtigeres besprechen, Neues. „Leute, was ist das Thema? Worüber sollen wir reden?“, fragt er in die Runde.

Pralinen auf Polnisch

Es ist der 13. Oktober, dieses Mal der Buchmessen-Samstag. Da ist traditionell einiges los, bei Reich-Ranicki zu Hause. Sein Freund Volker Hage vom „Spiegel“ ist auch da, zusammen mit seiner Frau. Er schlägt vor: „Martin Walsers Tagebücher. Er hat sie im Zug verloren. Für ihn ist das das Thema der Woche.“ Gut, es wird etwas über Walser geredet, dann über Fritz J.Raddatz, dessen letzten Brief er, Reich-Ranicki, noch nicht beantwortet habe. Im Moment wartet er vor allem auf seine Freunde Rachel Salamander und Stephan Sattler, die sich angekündigt haben. Aber die Klingel, sagt Hage, sei kaputt. Wie kommen die jetzt rein?

Thomas Gottschalk ist am Anfang sehr leise in dieser Runde. Er schaut den Freund im Sessel an, hört zu. Am Anfang redet ihn Reich-Ranicki mit „Sie“ an. „Halt, das geht nicht. Millionen Menschen waren Zeuge, dass wir ,Du‘ zueinander sagen.“ Reich-Ranicki lacht. Er weiß es natürlich. Er wollte wohl nur das alte „Sie“ noch einmal verabschieden. Es stehen Pralinen auf dem Tisch, die die Haushälterin aus Polen mitgebracht hat. Gottschalk probiert und stößt einen polnischen Begeisterungsruf aus. Staunen in der Runde, Reich-Ranicki lacht, Gottschalk erklärt, das sei leider auch schon sein ganzer polnischer Wortschatz gewesen. Die Sonne strahlt so hell aufs Sofa, dass wir per Fernbedienung die Markise herunterfahren. Es liegen Fernbedienungen herum. Es dauert etwas, bis Gottschalk die richtige gefunden hat. Dann ist es zu dunkel.

Gottschalk fährt sie wieder hinauf. Die Sonne kehrt wie ein gigantischer Scheinwerfer in sein Gesicht zurück. Er breitet die Arme aus und sagt: „Guten Abend in Deutschland, Österreich und der Schweiz.“ Marcel Reich-Ranicki ist immer Kritiker. Thomas Gottschalk immer Moderator. Beide sind exakt so, wie wir sie zu kennen glauben. Wer einmal mit Gottschalk im Café sitzen darf, wird schockartig von dem Gefühl erfasst, neben einem Menschen zu sitzen, den man sein ganzes Leben lang schon kennt. Als ihn später ein Taxifahrer fragt, ob er „Wetten, dass...?“ mit Markus Lanz gesehen habe, sagt er: „Nee, das tue ich mir nicht an. Wenn deine frühere Freundin mit ’nem andren pennt, willst du doch auch nicht dabei sein, oder?“ „Nee. Hast recht“, sagt der Fahrer.

Oben, in der Wohnung, wurde noch viel gelacht an diesem Nachmittag. Die Klingel funktionierte wieder, die Freunde kamen, ein verschollenes Telefonbuch konnten die beiden Kolumnisten gemeinsam wiederfinden. Reich-Ranicki schlug immer wieder freudig auf die Lehne seines Sessels, wenn der Freund mal wieder Überraschendes moderierte, als die beiden gemeinsam durch die Wohnung gingen, sah es aus, als tanzten sie.

Später gehen alle noch auf den Buchmessen-Empfang der F.A.Z. in einer Villa im Westend. Wir sind früh. Es sind nur wenige Menschen da. Wir steigen aus, Reich-Ranicki am Arm Thomas Gottschalks. Ein roter Teppich, eine Treppe, an deren Ende eine Flügeltür hinter einem roten Samtvorhang. Sie wird nie geöffnet. Man muss an ihr vorbei, an der Garderobe entlang, durch eine Nebentür in den Saal. Die beiden nähern sich. Livriertes Personal begleitet sie. Gottschalk fragt: Was ist mit der Tür? Kann man die nicht öffnen? „Selbstverständlich“, heißt es da. Der Vorhang wird zur Seite gezogen, die Türen gehen auf. Das Kolumnisten-Paar betritt den Saal. Die Party beginnt.

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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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