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Google lässt forschen : Ist dieser soziale Blindenhund bissig?

  • -Aktualisiert am

Nobody is watching you? Max Senges von Google Deutschland stellte in Berlin das neue Institut vor Bild: dapd

Google gründet ein „Institut für Internet und Gesellschaft“. Was will man damit? Die für drei Jahre bereitgestellten 4,5 Millionen Euro verdient die Firma jedenfalls an einem halben Tag.

          Der größte Internet-Konzern der Welt gründet in Berlin, an der Humboldt-Universität, ein Institut, um die Wechselwirkung von Internet und Gesellschaft zu erforschen. Es wurde, wenn man Googles Chef Eric Schmidt glauben mag, absichtlich im sonst gern verspotteten Datenschutz-Deutschland angesiedelt, um eine kontinentaleuropäische Perspektive auf die Online-Welt zu bekommen. Die Themenliste der neuen Institution enthält die ganz dicken Bretter aktueller Digitalpolitik: Wie wird Mitbestimmung gestaltet, wenn Algorithmen und Geschäftsmodelle im Alltag wichtiger werden als Gesetze? Wie soll die Zukunft geistigen Eigentums aussehen, falls es überhaupt noch eine Zukunft hat? Wie sollen Regeln und eine Regulierung für das Internet zukünftig entstehen, und wie sollten sie beschaffen sein?

          Diese Institutsgründung ist eine schallende Ohrfeige für die deutsche Forschungspolitik. Dass ein solches Institut erst durch eine Spende ausgerechnet des Konzerns möglich wurde, der einen Großteil der gesellschaftlichen Veränderungen durch das Netz maßgeblich selbst antreibt und davon auch kräftig profitiert, zeigt die Misere der hiesigen Wissenschaft. Echte Forschung zu den Folgen und Auswirkungen von Computerisierung und Vernetzung findet an deutschen Universitäten traditionell nämlich nur ganz am Rande statt, getragen von einer vergleichsweise kleinen Zahl unterfinanzierter Wissenschaftler, die um ihre Lehrstühle hart kämpfen müssen, wenn es an die nächste Kürzungs- oder Umverteilungsrunde geht.

          Ernsthafte Wissenschaft erforderlich

          Gesellschaftliche Folgen von Technologieentwicklung zu erforschen und zu lehren, eine ethische Grundlage für die technischen Eliten von morgen zu erschaffen, die mit mehr faktischer Macht ausgestattet sind als alle Generationen vor ihnen, ist im Angesicht der Durchdigitalisierung unserer Welt dringender denn je. „Das interessiert die Industrie doch sowieso nicht“, heißt es dann aber, wenn es an die Mittelzuteilung geht. „Lasst uns doch lieber mehr Wirtschaftsinformatik und Onlinewerbung-Optimierung machen.“ Dafür gibt es schließlich Drittmittel aus der Wirtschaft, und nach deren Höhe bemisst sich dann die Wertschätzung in den Augen der Leitungsgremien.

          Das akademische Gründungsteam: Prof. Schildhauer, Dr. Hofmann, Dr. Schulz und Prof. Pernice (v.l.)
          Das akademische Gründungsteam: Prof. Schildhauer, Dr. Hofmann, Dr. Schulz und Prof. Pernice (v.l.) : Bild: Institut für Internet und Gesellschaft

          Viele der industrienahen Lehrstühle zeichnen sich, wenig überraschend, denn auch nicht gerade durch besondere Innovationskraft aus. Die Belohnung durch mehr Sponsorengeld gibt es vor allem für die verlässliche Produktion von in der Wirtschaft reibungslos verwendbaren Absolventen und für das Beackern von möglichst anwendungsnahen Forschungsfeldern. „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’“, war schon immer das Lebensmotto von Hofnarren, PR-Agenten und leider auch oft von Wissenschaftlern. Für große, radikale Ideen, riskante Experimente oder gar interdisziplinäre Grundlagenforschung bleibt zwischen ausufernden Lehrverpflichtungen, Förderantragschreiben und Universitätsbürokratie einfach keine Zeit.

          In der Konsequenz droht, zusammen mit dem sinkenden Niveau von Feldern wie der Informatik, auch die Technikfolgenforschung in Deutschland zu verkümmern. Wenn man erfolgreich und wirkmächtig über das Wechselspiel von Technologie und Gesellschaft nachdenken und forschen will, braucht man unbedingt den direkten Kontakt zur Technik von morgen und übermorgen, die jedoch in Deutschland zunehmend weniger entsteht. Und es bedarf eines klaren Bekenntnisses zur Aufgabe der Universitäten, ernsthafte Wissenschaft zu betreiben und nicht nur Dienstleister, Zulieferer und akademischer Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft zu sein.

          Ruf nach Regulierung des Machtpotentials

          Google kann durch die Analyse der Daten, die wir dieser Firma mit jeder Suchanfrage und jeder E-Mail anvertrauen, mehr über unseren kollektiven Seelenzustand, unsere Ängste, Sehnsüchte und Wünsche wissen als irgendjemand sonst. Der Konzern ist auch einer der weltgrößten Arbeitgeber für Akademiker.

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