29.10.2009 · Eine Lübecker Ausstellung über Golo Mann bringt für jeden etwas: übersichtliche Informationen für zufällige Besucher, faszinierende Aktenvorgänge für Liebhaber. Und eine spätbürgerliche Seelengeschichte für alle.
Von Patrick BahnersEr steht natürlich auch hier im Raum, der große Mann, wie Bismarck in jeder Staatskanzlei seines Zeitalters. Gerade hier: Im Buddenbrookhaus, dem Großelternhaus von Thomas Mann, ist eine Ausstellung über Golo Mann zu sehen, den vor hundert Jahren geborenen und 1994 verstorbenen zweiten Sohn des Schriftstellers. Karl Jaspers, der als Doktorvater Golo Manns sozusagen kraft Amtes eine Autoritätsalternative zum leiblichen Vater darstellte, nahm sich die Freiheit, in seinem Kondolenzbrief zum Tode Thomas Manns eine kleine Philosophie dieses Vater-Sohn-Verhältnisses zu skizzieren, eine Variante der Dialektik von Herr und Knecht. Golo Mann habe mit dem Vater auch „eine große geistige Objektivität“ verloren, an der er sich wahrscheinlich ständig orientiert habe. Er habe gespürt, versicherte Jaspers, wie sehr Golo Mann den Vater geliebt habe „und wie es für Sie zugleich notwendig war, sich innerlich selbst zu behaupten“.
Richtet sich Selbstbehauptung denn nicht immer nach außen? Die Innerlichkeit ohne jeden Schutz der Macht (einer eigenen bürgerlichen Stellung) nimmt sich in dieser Diagnose des Philosophen und Psychiaters Jaspers wie ein Belagerungszustand aus. Golo Mann übernahm in seinem Dankesbrief diese Perspektive und brachte seine Lage auf einen Begriff, der das Vokabular der Psychoanalyse variierte. „Seinen Goethe lässt er einmal seine Schwester sein ,weibliches Neben-Ich' nennen; ich war etwas wie sein Unter-Ich, und eine Basis für ein vertrauliches, entspanntes Verhältnis konnte das, bei seiner gewaltigen und meiner um so vieles geringeren Persönlichkeit, nicht abgeben. Nun das er nicht mehr ist, liegt das natürlich anders.“ Oder doch nicht?
Faszinierende Aktenvorgänge
Wie konnte Selbstbehauptung gelingen, wo Selbsterkenntnis Selbsterniedrigung war und die Emanzipation vom Vater von der Identifikation mit Figuren der väterlichen Bücher ihren Ausgang nahm? Indem man Dritten gegenüber als natürlich bezeichnete, was weiter ungeheure Anstrengung kosten musste - so ging es allenfalls. Ins Tagebuch hatte Golo Mann am 30. Oktober 1931 geschrieben: „Meine Dissertation kann das theoretische Grundbuch des Hauses Mann werden.“ Zwei Wochen vorher hatte der Tagebuchschreiber „Übereinstimmung in philosophischen Grundfragen mit denen des Alten“ festgestellt. Die Doktorarbeit behandelte den „Begriff des Einzelnen, des Ich und des Individuellen bei Hegel“. Nach dem Abschluss des Verfahrens bedankte sich Golo Mann bei Jaspers für dessen Nachsicht mit der „manchmal leichtsinnigen und ungründlichen, manchmal unfruchtbaren und introvertierten Spekulation, in der ich mich bewegte“.
Die Tagebuchblätter sind in Lübeck nicht im Original zu sehen, sondern als Abschriften zu lesen. In schmucklose Archivregale hat man die Quellen zum Leben des großen Historikers gepackt - zum Zeichen dafür, dass es bürgerliche Sekurität jenseits des Materiellen für ihn nie gab. Anders als im echten Archiv stellt sich wie von selbst Übersicht her. Die Didaktik der von Tilmann Lahme, dem Biographen Golo Manns, konzipierten Ausstellung ist klug: Das touristische Publikum des Buddenbrookhauses erhält eine Einführung, der Liebhaber darf Schubladen herausziehen mit Texten, die Kontexte herstellen. Leser von Lahmes Biographie finden Dokumente vor, die dort nur in Auszügen zitiert werden, neben zahlreichen Briefen etwa die Münchner Schulzeugnisse, aber auch faszinierende Aktenvorgänge, die im Buch nicht erwähnt sind - wie den mehrseitigen Brief, in dem sich Edmund Stoiber als CSU-Generalsekretär windungsreich für seinen von Golo Mann gerügten Satz rechtfertigte, die Nationalsozialisten seien in erster Linie Sozialisten gewesen.
Das tragische Thema Golo Manns
Die Ausstellung ermutigt den Besucher, sich auf Leitmotivsuche zu begeben. „Liebe und Hass“: Mit diesem doppelten Beweggrund erklärte Golo Mann 1954 den Lesern seines Buches „Vom Geist Amerikas“, warum er diese „Einführung in amerikanisches Denken und Handeln im zwanzigsten Jahrhundert“ geschrieben hatte. Diese Umkehrung des taciteischen „sine ira et studio“ ist für sich genommen bemerkenswert genug. Heute zöge die Formulierung unweigerlich die Anklage des Antiamerikanismus auf sich. Undenkbar scheint, dass es eine Gerechtigkeit des Hasses geben könnte; ein Historiker wie Lord Acton, dem Golo Mann 1950 einen Essay widmete, wird als pathologischer Fall abgelegt. Aber nun nehme man zwei familiengeschichtliche Dokumente hinzu. An den Verleger Ernst Klett schrieb Golo Mann 1986 über seine Schwester Monika, die zu ihm ins Haus des Vaters ziehen wollte: „Ich hasse sie geradezu, und Sie wissen, wie wenig Hass mir liegt und wie friedlich, zu sehr, ich gesinnt bin.“ Und über Erika, die älteste Schwester, heißt es 1969 im Tagebuch, „auch sie“ sei „liebesbedürftig“. Auch sie - ein Mensch.
Die Trennung der öffentlichen und der privaten Moral gilt als bürgerliche Grundregel, auf deren Beachtung auch Tote einen Anspruch haben. Daran wird sich die Mann-Biographik halten. Aber wer die Urkunden von privatem Leid und öffentlichem Engagement nebeneinanderliegen sieht, dem kann die Frage in den Sinn kommen, wie, um die einschlägige Metapher Thomas Manns aufzunehmen, die Verfassungsprobleme des Familienlebens mit den Staats- und Gesellschaftsaktionen zusammenhingen, die der Gegenstand der Historiker sind. Über die große Hasserin unter seinen Geschwistern notierte Golo Mann am 27. Oktober 1931: „Erika erwartet (und möchte fast) den Bürgerkrieg.“ Und er setzte in Klammern hinzu: „Er wird auch kommen.“
In einem beeindruckenden Brief an den Onkel Heinrich vom 8. August 1939 reflektierte Golo Mann darüber, warum er nach dem Eintritt dieser Erwartung, den er ins Jahr 1932, nicht 1933 datierte, nicht die Waffen für die Republik ergriffen hatte. „Welch beschämende Lektion geben uns die Spanier! Aber ich war damals dreiundzwanzig Jahre alt und ohne politischen Konnex; und wenn die großen Organisationen im Juli 32 die Bürgerkriegserklärung angenommen hätten, so würde ich meinen Anschluss wohl gefunden haben.“ Selbstbehauptung im Konditionalis ist das tragische Thema von Golo Mann.