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Goethe-Medaille : S wie Sobel

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Der französische Theaterregisseur Bernard Sobel Bild: picture-alliance/ dpa

In Weimar hat Bernard Sobel die Goethe-Medaille für besondere Dienste an der deutschen Kultur entgegengenommen. Wie es kommt, dass das Verschwindenlassen bei diesem Regisseur stets so heiter und bis heute mehr Verheißung eines Neuen als Abgesang aufs Gewesene war?

          Das Verschwinden eines kleinen Plural-“s“ im Wort „Allemagnes“, so setzen wir hier einmal voraus, ist nicht ganz so schlimm wie das Verschwinden einer ganzen Generation. Da hatte ein Volk beschlossen, ein anderes Volk zum Verschwinden zu bringen. Ein paar in Frankreich aufwachsende jüdische Emigrantenkinder kommen davon, wie Georges Perec oder Bernard Sobel. Deutschland bricht zusammen und dann entzwei: Und es ist dessen andere Hälfte, der Teil Brechts und Helene Weigels, die dem Davongekommenen das Vertrauen in die Nachkommenden rettet.

          So beschrieb der Regisseur Bernard Sobel unlängst in Weimar, wie es dazu kam, dass er unten im Festsaal die Goethe-Medaille für besondere Dienste an der deutschen Kultur entgegennehmen und auch an den KZ-Ort oben auf dem Hügel denken konnte, wo sein Vater einst vorübergehend inhaftiert war. Das eine trotz des anderen - mit dieser Geheimformel deutscher Kultur ist der Kommunist Sobel auf seine ganz eigene Art fertig geworden. Die politische Teilung hat ihm dabei geholfen. Schnell habe er dann aber dem - berechtigten - Verschwinden der anderen deutschen Republik und bald auch der Sowjetunion zusehen können, sagte er nun auf einer prominenten Nachfeier zur Medaillenverleihung am Pariser Goethe-Institut.

          Früher nannte man das Dialektik, heute nennen wir es einfach: Intelligenz

          Es muss mit dem misslungenen Verschwinden seiner eigenen Existenz in jungen Jahren zusammenhängen, dass das Verschwindenlassen bei diesem Mann stets so heiter und bis heute mehr Verheißung eines Neuen als Abgesang aufs Gewesene war. Wie sonst hätte eine mädchenhafte Sandrine Bonnaire in seiner Inszenierung von Brechts „Gutem Menschen von Sezuan“ die Shen Te damals so unvollkommen hinter dem Shui Ta verschwinden lassen können, dass es wie eine Humanitätsschlaufe aus einer schlecht geschlossenen Schatulle immerfort herausragte? Wie hätten die Bürger in Sobels Inszenierungen von Ostrowski und Babel den Rebellen und Revolutionären stets einen Zacken Zukunft voraushaben können?

          Früher nannte man das Dialektik, heute nennen wir es einfach: Intelligenz. Daran mangelt es Bernard Sobel am allerwenigsten. Er weiß, dass das „s“ des geteilten Deutschland auf ganz andere Weise verschwand als der Buchstabe „e“ in Georges Perecs Roman „La disparition“. Zusätzlich zur Goethe-Medaille hat er dafür nun auch das große S seiner Initiale zurück. „B IS FOR B IS FOR HIM“ übermittelte Bob Wilson in einer Versalien-Grußbotschaft und fuhr fort: „SO SO S IS ALSO FOR HIM“. Das kleine „s“ von „Allemagnes“ darf Bernard Sobel nun wirklich vergessen.

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