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Glosse X für U

 ·  Theater, Museen, Gefängnisse - nichts möchte mehr sein, was es ist. Künstler, Politiker, Eltern - niemand möchte mehr tun, was er kann. Jeder wird Opfer seiner eigenen Reklame.

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Nichts möchte mehr sein, was es ist, niemand möchte mehr tun, was er kann. Theater möchten keine Theater mehr sein, sondern „Orte des Diskurses“, weshalb sie fast so viele Podien über Migration, Gentechnik oder Kapitalismus anbieten wie Aufführungen. Auch Museen finden es fade, nur ein Museum zu sein, organisieren darum dieselben Podien und wären überdies am liebsten eine Ausstellungshalle, um zu zeigen, was sie gar nicht haben. Künstler wiederum behaupten von sich, sie seien Forscher oder intervenierten „politisch“, auch wenn die Regierung davon nie etwas erfährt. Die Forscher ihrerseits drängen zur „Gesellschaftsberatung“, während viele Politiker, deren Schubladen für die entsprechenden Beratungstexte schon geöffnet sind, am liebsten in Talk-Shows herumsitzen oder sich jedenfalls vor Kameras aufhalten, was darauf schließen lässt, dass sie am liebsten Schauspieler wären, Diskursschauspieler sozusagen.

Statt Bibliothekar: Informationsprovider

Von den Schulen wird weniger erwartet, dass sie unterrichten, was sie unterrichten können, sondern dass sie „Aufstiegschancen“ gewähren. Die Hochschulen wiederum sollen neben der Gleichstellung und dem Aufstieg auch noch den Standort sichern. Wer Bibliothekare darauf anspricht, dass sie für Bücher und Zeitschriften zuständig sind, muss mit der Empörung derer rechnen, die sich längst als etwas Besseres, nämlich als Informationsprovider oder Medienkompetenzmanager verstehen. In Kindergärten wird neben Medienkompetenz auch Teamfähigkeit eingeübt, als wären es Managerschulen. Auch Musikunterricht soll kein Musikunterricht mehr sein, sondern irgendetwas für das Gehirn. Erziehung heißt für viele Eltern Vorbereitung auf globale Konkurrenz, also Frühchinesisch.

Statt Handwerker: Genie

Kirchen sind „Stätten der Begegnung“ (siehe Theater) und Gerichte Stätten der Moderation. Hat das alles mit den Gefängnissen angefangen, die einst das Gegenteil von dem zu sein beschlossen, was sie ihrer Wirkung nach sind, und sich der „Resozialisierung“ verschrieben? Oder waren es Michelangelo und Galilei, als sie den Fürsten einredeten, sie seien keine Handwerker und Techniker, die Wände dekorierten und Wurfbahnen berechneten, sondern Genies und Philosophen, weshalb es ein bisschen teurer werde? Womöglich ist es also die Reklame, die uns das allgemeine Anderssein eingebrockt hat. Zuerst will sie nämlich immer nur die Ahnungslosen beeindrucken, bald aber reißt die Rhetorik den Redner mit, und er beginnt das U selbst zu glauben, als das er sein X den anderen weismachen wollte.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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