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Glosse Vorsicht, Darwin!

21.11.2005 ·  Das vorletzte Jahrhundert ist uns noch ganz nah. Und dem nicht hundertprozentig fortschrittlichen Amerika vielleicht noch etwas näher. Auch Darwins Bedenken und Sorgen haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Von Jordan Mejias
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Das vorletzte Jahrhundert ist uns noch ganz nah. Und dem nicht hundertprozentig fortschrittlichen Amerika vielleicht noch etwas näher. Wie sonst wäre zu erklären, daß die Bedenken und Sorgen, die Darwin plagten, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben? Zurückgekehrt nach fünf Jahren Weltumsegelung auf der Beagle, hatte er schon bald die Mechanismen der Evolution durchschaut. Aber er verschloß die weltsichtverändernden Dokumente in seinem Schreibtisch.

Mehr als ein Jahrzehnt wartete er, bis er seine Mitmenschen über ihre eigene Entwicklung in Kenntnis setzte, und selbst diesen Schock hätte er noch länger hinausgeschoben, wenn nicht ein junger Konkurrent aufgetaucht wäre, der Nachwuchsforscher Alfred Russel Wallace, der sich mit ähnlichen Schlußfolgerungen anschickte, ihm den Entdeckerruhm streitig zu machen.

Darwin hatte mit der Veröffentlichung aus Angst vor den Reaktionen der Kirche gezögert. Ihr versicherte er zwar: „Ich greife Moses nicht an“, kam sich aber bei der Niederschrift seiner Forschungsergebnisse doch vor, als würde er einen Mord gestehen. Im ähnlichen Dilemma finden sich zwischen Pennsylvania und Kansas nun viele Biologielehrer wieder, wenn sie die Menschheitsgeschichte mit Mitteln erklären, die den Kreationisten und ihren gewandteren Gesinnungsgenossen, den Pfiffikussen des „Intelligenten Designs“, nicht behagen.

In Pennsylvania haben vor kurzem die Wähler eine ganze Schulbehörde, die nichts von einer natürlichen Auslese wissen wollte, mit einem Gegenaufgebot bekennender Darwinisten ersetzt. In Kansas jedoch bekam Darwin abermals eine Abfuhr. Auch das ist das Thema der großen Hommage, die das American Museum of Natural History in New York dem Revolutionär ausrichtet. Die Ausstellung bezieht mit ihrer Einstellung Stellung. Wer dort nach Zugeständnissen sucht, wird schwer enttäuscht.

Touristen, die sich auf ihrer Erkundung des amerikanischen Westens neuerdings auswählen können, ob sie die Entstehung eines Canyons nach geologischen Prinzipien oder doch lieber nach der Bibel erklärt haben wollen, wird in der am Wochenende eröffneten Schau keine Auswahl geboten. Die einzige Erklärung, die ihnen vorgesetzt wird, ist die wissenschaftliche, will heißen, der Besucher muß unterscheiden lernen. Eine Theorie, legt sie Wert auf Wissenschaftlichkeit, ist keine wilde Spekulation. Theoretisieren, ohne dafür überprüfbare Belege vorzulegen, kann jeder.

Darum ist das „Intelligente Design“ in all seiner Theoretisierungswut keine Wissenschaft. So steht es nun auch in unverstellt pädagogischer Absicht an den Ausstellungswänden geschrieben. Das klare Wort beruhigt. Aber daß es heutzutage, anderthalb Jahrhunderte nach Darwins Entdeckung, überhaupt noch oder wieder nötig ist und daß ein naturwissenschaftliches Institut seine Energie verschwenden und eine Aufklärungsarbeit leisten muß, die in manchen Schulen des Landes untersagt ist, könnte einen in Amerika um den Schlaf bringen.

Kreationisten gleich welcher Couleur ist also nur zu raten, das nächste halbe Jahr um ein Museum, das keine Ausreden und Maskeraden zuläßt, einen großen Bogen zu machen. Denn wo Darwin draufsteht, ist auch Darwin drin. Entgegen amerikanischen Gepflogenheiten fehlt am Eingang sogar die Warnung: Vorsicht, Darwin! Sicher wird der kreationistische Verbraucherschutz sich bald juristisch regen.

Quelle: F.A.Z., 22.11.2005, Nr. 0 / Seite 33
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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