Auf der Scoville-Skala sind das etwa hunderttausend Umdrehungen, sagt unser Freund Kowski und beißt herzhaft in die Wurst. Wir reden über Schärfe hier, und diejenige, die man messen, also essen kann, wird nach dem amerikanischen Pharmakologen Wilbur L. Scoville (1865 bis 1942) bestimmt. Gewöhnliche Paprika hat bis zu zehn Scoville, Peperoni hundert und die fieseren Jalapeños schon um die fünfhundert. Seit er bei einer Frankfurter Sonderwürstchenbude auf den Geschmack kam, ist Kowski angefixt. Dort klassiert man die Currywurst von der A-Wurst bis zur F-Wurst. Ab „B Plus“ fängt es an, wehzutun, sagt Kowski.
„Burning Injection“
Diese Wurstschärfeskala erinnert etwas an die Ratingagenturen, aber sie stellt deren Maßstab auf den Kopf: Während sonst alle anscheinend nichts mehr fürchten als die Herabstufung, ist bei den Scharfessern das höchste der Gefühle nicht „Triple A“, sondern die Stufe F, die auch mit dem Begriff „Burning Injection“ umschrieben wird. Kowski hat jüngst die D-Wurst geschafft, nicht ohne Schweißausbrüche und Schmerzen, doch nichts kann ihn bremsen. Nun übt er zuhause. Seiner Ketchup-Soßenbasis fügt er tröpfchenweise eine Substanz aus einer Flasche mit Totenkopfemblem zu - eine amerikanische Barbecue-Soße, die angeblich Chili-Extrakt im Scoville-Bereich zwischen sieben und acht Millionen enthält, das reinste Teufelszeug. „Darf nicht in die Hände von Kindern gelangen“ und „Bei Kontakt mit Schleimhäuten Arzt konsultieren“, steht darauf.
„Lähmungserscheinungen und Atemnot“
Als Herbert Grönemeyer vor langer Zeit die Currywurst mit seinem Lied adelte, bemerkte er zwar schon: „Ker, scharf ist die Wurst / Mensch, dat gibt’n Durst“ - dass an den Wurstbuden von heute allerdings Produkte erhältlich sind, deren Verzehr mit „Lähmungserscheinungen und Atemnot“ einhergeht, konnte er damals wohl noch nicht ahnen. Was treibt den Menschen, was treibt Kowski zu dieser Selbstquälerei? Wahrscheinlich hat er irgendwo gelesen, dass Schärfe durch Endorphinausschüttung glücklich, vielleicht sogar scharf macht. Wir selbst würden solches Gift natürlich nie anrühren, aber es ist schön, Kowski zuzuschauen, wenn ihm der Saft im Gesicht steht.
With tears in my eyes
Egon Weissmann (EgonOne)
- 09.09.2012, 20:19 Uhr