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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Glosse Tütenweiber

 ·  An Münchens Theatern lassen sich die Wahnsinnsfrauen auf der Bühne inzwischen sogar eintüten. Haltbarer wird ihr Spiel deshalb trotzdem nicht.

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An zwei Abenden in Münchner Premieren gewesen. Mich gewundert. Über die Frauen dort. Lassen sich eintüten. Immerhin zwei der sehr guten unter den Interessantheitsschauspielerinnen. Im Münchner Residenz Theater, dem Staatsschauspiel, steckt Birgit Minichmayr als Hedda Gabler in der Bluse des Bösen. Eingetütet bis zum Hals, hoch geschlossen, weiß, gesteift. Mit dem hinterhältigen Reptilienblick eines Tiefgefrierkrokodils treibt sie ehemalige Liebhaber in den Alkoholismus, verbrennt deren Genie-Manuskripte am Lagerfeuer mitten im Salon, reißt Frauen an den Haaren, brüllt ihren Ehegatten nieder und geht sich am Ende erschießen, weil sie so gemein und niederträchtig und verzogen und langeweilezerfressen ist. Der Regisseur namens Kušej, Intendant des Hauses, lässt Ibsens komplizierter Übermenschin, die in Nietzsche-Höhen sich versteigt, nur den Ausweg ins Mauseloch des Drecksweibs. In einer großen grauen Gruft. Und die Männer sind sowieso nur Hampelmänner. So hat man sich die Lösung der Frauenfrage irgendwie nicht vorgestellt.

Moshammer-Gummimaske

In den Münchner Kammerspielen, drüben über der Maximilianstraße, dem Stadttheater, das in diesem Jahr sein hundertjähriges Jubiläum feiert, ist Sandra Hüller in einen Satin-Body über dicken Plateau-High-Heels eingetütet. Sie kriecht in einer riesigen Einkaufstüte verborgen auf die Bühne, wo sie auf ein paar Tonnen Eiswürfeln zu grässlicher Live-Dumpfmusik herumrutscht und unaufhörlich im Maschinengewehrtempo plappernd unterwäschig beklagt, dass sie eigentlich sie selbst sein möchte, aber nicht sein darf, weil ihr dauernd die Mode dazwischen komme, die den Frauen einrede, sie sollten eine andere sein, als sie sind, aber gar nicht sein können . . . Dazu stehen ein paar männliche Monaco-Transen in Strumpfhosen, Pelzen und Pumps und Miederhöschen, dann aber auch im Frack herum und nehmen die Frau ins Modeverhör und wollen sie ein- und ausnehmen, dann kommt aber auch noch Rudolf Moshammer makabristisch totenvogelig als weiland Ermordeter ins Spiel (in echter Moshammer-Gummimaske) und greint nach seiner Mami und seinem Hund Daisy.

Wahnsinnsfrauenabenteuerspielplatz

Und wo Elfriede Jelinek in ihrer bitterpossenhaften Textfläche „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ zum Kammerspiele-Jubiläum die Mode- und Theatermeile der Maximilianstraße zum Wahnsinnsabenteuerspielplatz für Wahnsinnsfrauen macht, da entblößt der Regie-Hausherr namens Simons die Hauptfrau zur kabarettistischen Knalltüte. Zwei Münchner Macht-Männer inszenieren Frauenstücke. Und können sie nicht. Die Frauen im Parkett aber kreischen vor Begeisterung. So hat man sich die Lösung der Frauenfrage irgendwie vorgestellt.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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