Was niemand messen, beziffern oder berechnen kann, bleibt bloße Meinung. Die ist selbst in China frei, nämlich für die Regierung. Im lustigen Propagandablättchen „China Daily“ lässt sie die Ansicht verbreiten, das Ausland solle endlich damit aufhören, den gigantischen Flächenstaat, den sie beherrscht, als gesetzlose Wüste zu verbellen, nur weil nirgends sonst auf der Welt der Anteil lizenzlos kopierter Software am Gesamtprogrammierwesen vergleichbar hoch liege.
Weniger Kopierer in China
Da man mit Zahlen so ziemlich alles stützen kann, was einem einfällt, wird im selben Atemzug gemeldet, die chinesische Piraterierate betrage nurmehr achtunddreißig Prozent, ein klarer Fortschritt gegenüber fünfundvierzig im Jahr 2009 und haarsträubenden zweiundneunzig Prozent vor zehn Jahren. Die global operierende Interessenvertretungsorganisation Business Software Alliance, der unter anderem Apple, Microsoft und die deutsche SAP angehören, hat demgegenüber bekräftigt, die Volksrepublik sei nach wie vor der sicherste Hort für Elstern und Seeräuber aller Fileformate.
Frauen an die Tastatur
Sie fordert einen schnelleren Fortschritt zu noch niedrigeren Kopierraten - damit die bald so unbedeutend sind wie, beispielsweise, eine andere statistische Größe, nämlich der ebenfalls Ende Mai ermittelte Anteil von Frauen unter denjenigen Menschen, die es in der informationstechnischen Produktivkraftumwälzung zu eigenen Firmen gebracht haben. Eine aktuelle Untersuchung des Bureau of Labor Statistics der Vereinigten Staaten von Amerika zeigt, dass Frauen zwar siebenundvierzig Prozent der qualifizierten amerikanischen Erwerbstätigenpopulation ausmachen, aber nur achtundzwanzig Prozent der entscheidungsbefugten Positionen in der Computerbranche innehaben.
Wer hat die größere Lobby?
Selbst administrative Eingriffe wie das Women-Owned Small Business Program und vergleichbare Quotenregelungen für die Vergabe staatlicher Aufträge in diesem Sektor helfen nur bedingt weiter: Oft findet man nicht genug Bewerberinnen, um die quotierten Ausschreibungskritierien zu erfüllen. Ganz vergleichbar sind der Regulierungsrückstand in China und die geschlechtersortierte Ausgrenzungswirklichkeit in der IT-Sphäre allerdings nicht: Beim einen Problem geht es um entgangene Profite, die man beziffern, messen und berechnen kann, beim andern um die verpasste Humanisierung der Arbeitswelt. Einen weltweit operierenden, schlagkräftigen Lobbyverband gibt’s immer nur für das eine.