http://www.faz.net/-gqz-8juwd

Attentate in den Medien : Bilderverbot

Sein Porträt ging um die Welt: Mohammed Atta, der mutmaßliche Attentäter auf das World Trade Center Bild: dpa

Einige Medien zeigen keine Bilder mehr von Attentätern, um ihnen keine Macht zu geben. Aber gerade damit verleihen sie den Fotos einen gewissen Nimbus.

          Vor seiner Tat verschickte der Massenmörder von Nizza per SMS ein Foto, das er auf dem Fahrersitz des Lkw von sich geschossen hatte: Selbstbewusst blickt er an der Kamera vorbei auf das Handydisplay, den Mittelfinger Richtung Windschutzscheibe gerichtet. Will man das sehen? „Le Monde“ hat sich entschieden, Fotos von Terroristen nicht mehr abzubilden, um nicht dazu beizutragen, „dass Mörder zu Helden werden“. 143.000 Menschen haben eine Petition des Abiturienten Edwyn Letellier an den Vorsitzenden des französischen Fernseh- und Rundfunkrats unterschrieben, die fordert, Namen und Fotos von Terroristen nicht mehr zu verbreiten. Und die für Opferbetreuung zuständige französische Staatssekretärin Juliette Méadel arbeitet an einer Empfehlungsliste, die „die Berufsethik der Journalisten nach den Terroranschlägen neu definieren“ soll.

          Es scheint wie eine Übersprungshandlung: Wenn kein Verlass auf Ordnung im öffentlichen Raum ist, dann bitte wenigstens im Imaginären. „Dein Foto kommt nicht auf unseren Titel“, erklärte die „B.Z.“ dem toten Attentäter von München und zeigte in negativer Ikonographie einen weißen Kasten. Und „Die Zeit“ zieht Täter, Waffen und Tatorte der letzten (ja sehr unterschiedlichen) Gewalttaten groß auf, um sie dann per Weichzeichner unkenntlich zu machen. Na gut, werden potentielle Täter nun denken und enttäuscht die Zeitung zuschlagen, dann lohnt es sich ja nicht. Abgesehen von der Selbstüberschätzung, was die Torhüter-Funktion einer Zeitung betrifft, ist es erstaunlich, welche Macht Bildern zugesprochen wird, fast auf vormoderne Weise – als ließe sich durch den Bilderbann auch der Schrecken einhegen, den sie zeigen. Und das angesichts von Bildern, die sich kaum voneinander unterscheiden. Was zeigt die Tatwaffe? Der Tatort? Das triumphierende Gesicht im Bekennervideo? Zunächst das, was man auf sie projiziert. Wer einem Bild Macht verleihen will, der zeigt, dass er es nicht zeigt – wie Ikonen, die nur zu hohen Feiertagen enthüllt wurden. Wer dagegen die Macht von Bildern brechen will, der muss sie nur lang genug anschauen, einordnen und erklären.

          Die demonstrierte Selbstherrlichkeit des Attentäters von Nizza ist ungeheuerlich, weil sie in der trivialen Form des Selfies auftritt, die ihn menschlich macht. Aber sie ist auch lächerlich. Will man das sehen? Unbedingt – auch um die Zeit der gesteigerten Zuschauerschaft besser zu verstehen, die so ein Bild hervorbringt. Gefährlich ist nur, wenn sich einzelne Bilder oder Begriffe („Terror“ zum Beispiel) verabsolutieren. Um das zu verhindern, braucht es nicht weniger Bilder, sondern mehr.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Wenn Gold krank macht Video-Seite öffnen

          Bergbau : Wenn Gold krank macht

          Rings um Johannesburg gibt es rund 200 Abraumhalden, eine Hinterlassenschaft aus der Zeit des Goldrausches im 19. Jahrhundert. Aus den Halden treten krankmachende Stoffe aus, doch weder Politik noch Wirtschaft fühlen sich zuständig.

          Der Meister und sein Kreis

          Adolf Hölzel : Der Meister und sein Kreis

          So radikal zeitgenössisch die Werke Adolf Hölzels waren, so bedeutend sind sie noch heute. Jetzt sind einige von ihnen in Freiburg gemeinsam mit Arbeiten seiner Schüler zu sehen.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Ein Jahr Trump : „Ich bin begeistert“ – „Lächerlich“

          Seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr spaltet Donald Trump sein Volk. Wir haben zwei Amerikaner, die in Deutschland leben, gefragt, was sie von ihrem Präsidenten halten. Da stoßen Welten aufeinander.

          1:1 bei Hertha BSC : Ohne Aubameyang ist Dortmund zu harmlos

          Der bockige Stürmerstar fehlt der Borussia in Berlin. Dann geht Hertha durch ein Blitztor nach der Pause auch noch in Führung. Der BVB gleicht später aus – und hat dann doppeltes Pech.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.