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Glosse Feuilleton Zwei Gesellschaften und viele Wahrheiten

06.12.2005 ·  Nachholbedarf in Sachen Stasi: Das Literaturzentrum Neubrandenburg und die Fallada-Forschung / Von Frank Pergande

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Die Zeit des Nationalsozialismus verbrachte Hans Fallada in Mecklenburg. Sein Roman "Kleiner Mann, was nun?" hatte ihn reich gemacht, so daß er sich eine alte Büdnerei in Carwitz nahe Feldberg kaufen und dort die schlimme Zeit überstehen konnte. Er wollte nur "so ein klein bißchen Anständigkeit unter uns kleinen Leuten". Nach dem Krieg bemühten sich die Kommunisten um Fallada. Er durfte im Regierungsviertel in Berlin-Pankow wohnen, doch starb er bereits 1947. Es vergingen dreißig Jahre, bis die DDR den Versuch unternahm, Fallada postum zu vereinnahmen. Der damals in Neubrandenburg lebende Literaturwissenschaftler Tom Crepon war bei Recherchen für eine Fallada-Biographie auf Falladas Nachlaß gestoßen - im Keller einer Braunschweiger Metzgerei. 1978 wurde der Nachlaß von der Akademie der Künste der DDR gekauft und zwei Jahre später nach Feldberg gebracht. Im selben Jahr erschien Crepons Biographie "Leben und Tode des Hans Fallada".

Crepon hatte im SED-Parteiauftrag 1971 das Literaturzentrum Neubrandenburg gegründet und leitete es. Er war Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit unter dem Decknamen "Paul Fiedler". Das Literaturzentrum sollte Autoren lenken und kontrollieren, was im Einzelfall Förderung nicht ausschloß. Zuständig für das Literaturzentrum war die SED-Bezirksleitung. Die ehemalige Fallada-Archivarin Sabine Lange meint mit Blick auf Fallada: "Sicherlich wäre dieser als junger Autor zu Zeiten der DDR zwecks ideologischer Erziehung in die Arbeit eines Literaturzentrums einbezogen worden."

Das Neubrandenburger Literaturzentrum war nicht nur das erste in der DDR. Es ist auch das einzige, das Nachlässe verwaltet - inzwischen nicht nur den von Fallada. Das Literaturzentrum bestand nach dem Ende der DDR fort, ohne daß es in der Leitung Veränderungen gegeben hätte, geschweige einen kritischen Blick auf die Vergangenheit. Seit 1993 wird es von einem Verein getragen. Vor sechs Jahren konnte man ein neues Haus beziehen, das an Stelle des zusammengestürzten ehemaligen Wohnhauses der Schriftstellerin Brigitte Reimann gebaut worden war. 160 000 Euro zahlt die Stadt jedes Jahr für das Literaturzentrum, 40 000 das Land Mecklenburg-Vorpommern. Den CDU-Oberbürgermeister, den früheren Bundesminister Paul Krüger, erfüllt das seit längerem mit Unmut, zumal bekanntgeworden war, wie sehr die Staatssicherheit in die Arbeit des Zentrums eingegriffen hatte. Gemeinsam mit dem Schweriner Bildungsministerium und dem Landesbeauftragten für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit gab Krüger eine Studie über die Geschichte des Literaturzentrums Neubrandenburg in Auftrag. "Es galt, Schaden von der Stadt abzuwenden", sagte er, als die Studie vorgestellt wurde, deren Autorin die Berliner Journalistin Christiane Baumann ist (F.A.Z. vom 6. September).

Seitdem gibt es Streit in der Stadt über Literaturzentrum und Studie, aber auch über DDR, SED und Staatssicherheit. Gestritten wird in einer Weise, wie es anderswo in der Wendezeit geschah - laut, böse, emotionsgeladen. Neubrandenburg hat offenbar etwas nachzuholen. Der Oberbürgermeister nannte das Literaturzentrum ein "Machtzentrum". Ihn erstaune, sagte er, der Widerstand gegen die Studie. Die Atmosphäre erinnere ihn an früher. "Ohne die Hilfe und den Zuspruch aus Schwerin hätte ich mich niemals an das Thema gewagt."

Neubrandenburg hat tatsächlich etwas nachzuholen, und das hat mit der Geschichte der Stadt zu tun. Das gemütliche Neubrandenburg war in der DDR zu einer Bezirksstadt aufgebläht worden, wovon noch heute die vielen Plattenbaugebiete zeugen. Die Macht der Staatssicherheit war hier im Wortsinn unübersehbar: hoch oben auf dem Lindenberg. Dabei gab es im Agrarbezirk Neubrandenburg nicht einmal eine Künstlerszene, die politisch hätte schwierig werden können. Kunst wurde vielmehr angesiedelt. Auch Brigitte Reimann kam auf diese Weise Ende der Sechziger in die Stadt. Wen man jedoch nicht haben wollte, der bekam auch keine Umzugsgenehmigung - wie etwa der Schweriner Autor Peter Tille.

Weil es so dürftig war im Bezirk Neubrandenburg, sollte wenigstens Fallada etwas Glanz bringen. 1983, zum neunzigsten Geburtstag, vereinnahmte die DDR Fallada auf ihre Weise: Der Nachlaß lag bereits in Feldberg; in Carwitz - das Anwesen war 1965 von Falladas erster Frau an den SED-parteieigenen Kinderbuchverlag verkauft worden - gab es inzwischen ein Museum. Die Urne des Schriftstellers wurde von Berlin nach Carwitz gebracht. Und eine zweite Biographie erschien, von Werner Liersch unter dem Titel "Fallada. Sein großes kleines Leben". Der einflußreiche Crepon schwärzte Liersch bei der Staatssicherheit an: Der beschäftige sich mit Fallada nur, um in den Westen reisen zu können. Die Zerwürfnisse von damals brachen nach dem Ende der DDR wieder auf. Deshalb auch gibt es heute zwei Fallada-Gesellschaften - eine, die enge Kontakte zum Literaturzentrum hält, und das international ausgerichtete Berliner Fallada-Forum mit Liersch. Das Klima ist vergiftet: Der junge Leiter des Fallada-Museums in Carwitz hat sich jüngst sogar geweigert, ein neues Fallada-Buch von Liersch in den Museumsshop aufzunehmen.

Crepon hat an alledem keinen Anteil mehr. Er geriet Mitte der achtziger Jahre selbst in den Blick der Staatssicherheit und ging in die Bundesrepublik. Er lebt in Schleswig-Holstein. Seine Nachfolgerin in Neubrandenburg wurde 1985 Heide Hampel, die seit 1972 im Literaturzentrum arbeitete. Sie blieb Leiterin bis vor wenigen Tagen. Als bekannt wurde, daß auch sie als IM geführt wurde unter den Decknamen "Helga Haag" und "Jenny Brauer", trat sie zurück. Auch eine von ihr unterschriebene Quittung der Staatssicherheit gibt es: 1989 erhielt sie hundert DM als Dankeschön für eine Veranstaltung, um sich von dem Westgeld Westliteratur kaufen zu können.

Frau Hampel hat gleich zweimal Sabine Lange als Archivarin des Fallada-Archivs entlassen. Frau Lange war 1983 in das Archiv gekommen. 1988 wurde sie vom Dienst suspendiert, weil sie nicht bereit war, der Staatssicherheit über die westlichen Nutzer des Archivs zu berichten. Es ging um einen Studenten aus der Bundesrepublik, der in Amerika studiert hatte und nun in Feldberg für seine Doktorarbeit recherchierte. Der Vorgang ist - ein seltenes Glück - unter dem Titel "Historiker" in den Akten vollständig erhalten. Darin zeigt sich, wie der auffällige Student von IM regelrecht umzingelt war.

Man lachte zwar in Feldberg über den etwas weltfremden Mann, der nicht in eine der angenehmen Gästewohnungen über dem Archiv einziehen durfte, sondern auf einem Zeltplatz unterkommen mußte. Man unterstellte ihm aber auch Spionage. Frau Lange freundete sich mit ihm an und blieb mit ihm in Verbindung. So war auch sie ein Fall für die Sicherheit geworden. Sie wurde entlassen und überraschend dann doch wieder eingestellt. Als sie sich 1999 weigerte, bei einer Veranstaltung des Literaturzentrums ihre Gedichte zu lesen, weil neben ihr etwa das ehemalige ZK-Mitglied Helmut Sakowski sitzen würde, wurde ihr fristlos gekündigt.

Frau Lange hat inzwischen vom Schweriner Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit den Auftrag erhalten, die Fallada-Forschung in der DDR zu untersuchen. Die Akte "Historiker" war dabei für sie ein besonderer Fund: Sie stieß auf ihre eigene Geschichte. Gefunden hat sie aber auch, wie Anna Ditzen, Falladas erste Frau, durch das Literaturzentrum und den Schriftstellerverband bespitzelt wurde, besonders dann, wenn Besuch aus dem Westen kam. Etwa als Anfang der siebziger Jahr ein deutsch-holländisches Filmteam in Carwitz "Ich weiß am Haus am Wasser" drehte.

Falladas Nachlaß gehört dem Land Mecklenburg-Vorpommern und wird vom Literaturzentrum treuhänderisch verwaltet. 1999 wurden die Kisten aus Feldberg abtransportiert - nicht etwa nach Carwitz, wo neben dem Museum inzwischen auch das "Fallada-Archiv" entstand, sondern nach Neubrandenburg. Falladas Nachlaß liegt nun neben dem von Brigitte Reimann, aber auch von Hermann Henselmann, dem DDR-Staatsarchitekten, dem DDR-Lustspielautor Rudi Strahl, dem Schriftsteller-IM Joachim Wohlgemuth oder dem "Vorlaß" des ehemaligen ZK-Mitglieds Sakowski. Trägerverein und Literaturzentrum haben sich wie in einer Wagenburg gegen ihre Kritiker gestellt. Sie sprechen von einer "zielgerichteten politisch motivierten Kampagne" und verteidigen ihr Haus: "Das Literaturzentrum bot für professionelle und Nachwuchsautoren großzügige Fördermöglichkeiten an, ihre Inanspruchnahme lag allein in der Entscheidung der Autoren. Selbstverständlich waren diese Angebote an den kulturpolitischen Grundsätzen der DDR orientiert." Dem Oberbürgermeister wird vorgeworfen, er habe die Aufarbeitung der Geschichte des Literaturzentrums durch das Zentrum selbst behindert, weil er dafür keine Gelder bewilligte.

Immerhin wühlen sich derzeit drei Mitglieder des Vereins durch die Akten. Im nächsten Jahr wollen sie ihren Bericht vorlegen. Einen Zwischenbericht gab es schon. Öffentlich, in einem vollen Saal, wo das Publikum nicht nur den Oberbürgermeister angriff, sondern auch die Autorin der Studie, Christiane Baumann, und alle Kritiker des Literaturzentrums. "Mein Herz hängt an der DDR" - solche und ähnliche Sätze waren dort zu hören. Zwei Tage später hatte der Oberbürgermeister eingeladen, um im Rathaus öffentlich über die Zukunft des Literaturzentrums nachzudenken Auf dem Podium saß der wohl prominenteste Autor, der von der Neubrandenburger Staatssicherheit im Literaturzentrum beobachtet worden war: Uwe Saeger. Er sagte, die Baumann-Studie enthalte viele Wahrheiten, aber nicht die ganze Wahrheit. Frau Baumann arbeitet derweil weiter an einer Geschichte des Literaturzentrums. Im Frühjahr soll ihr Buch erscheinen.

Quelle: F.A.Z., 07.12.2005, Nr. 285 / Seite 44
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