24.01.2007 · Jetzt schneit es also doch noch. Jetzt ist der Schnee doch noch da. Er ist eindeutig weiß und kalt, bleibt hier etwas länger liegen als dort, einige freuen sich, andere nicht, wieder anderen ist er egal, es ist halt Winter, und da ...
Jetzt schneit es also doch noch. Jetzt ist der Schnee doch noch da. Er ist eindeutig weiß und kalt, bleibt hier etwas länger liegen als dort, einige freuen sich, andere nicht, wieder anderen ist er egal, es ist halt Winter, und da ist es nicht ungewöhnlich, wenn es schneit, was soll man schon groß dazu sagen? Und doch muss man fragen: Wie meint der Schnee das eigentlich? Er kann doch nicht einfach so, als Naturereignis, da herunterkommen, es muss etwas dahinterstecken, eine "Aussage". Es fügt sich gut, vielleicht ist es sogar Absicht, dass "Blumfeld" gerade jetzt, wo der erste Schnee fällt, ihre Auflösung bekanntgeben; jene von Jochen Distelmeyer in jeder Hinsicht geprägte Band, deren nunmehr letzte Platte "Verbotene Früchte" vom vergangenen Frühjahr mit einem Lied anfängt, das "Schnee" heißt. Es geht so: "Noch trägt die Welt ihr weißes Kleid / Die Nacht hat alles zugeschneit / Ich steh' am Fenster da / Und schaue auf den Schnee / Und weiß wie Schnee ein Blatt Papier / Liegt da und fragt: ,Wie geht es Dir?' / Ich mach mir meinen Reim / Und singe, was ich seh'." Die Popkritik sollte man auch mal fragen, wie es ihr eigentlich so geht. Fünfzehn Jahre lang hat sie sich auf "Blumfeld" ihren Reim gemacht; aber sie hat selten geschrieben, was Distelmeyer sang, sondern, was sich da alles hineingeheimnissen ließ. Statt ein schönes Winterlied zu geniessen und sich zu freuen, dass überhaupt jemand komplexe Situationen und Empfindungen in einfache, allgemeinverständliche Worte fassen kann, fragte sie, wie man es neuerdings zu verstehen habe, dass "Blumfeld" auf der ganzen "Früchte"-Platte plötzlich von "Flora und Fauna" sangen (so stand es, als wären "Blumfeld" ein Kapitel im Biologiebuch, in den Kritiken), wo sie doch früher mehr so von links kamen und deswegen keine Kritik ohne das Wort "Diskurs" auskam. Es wäre eine eigene Untersuchung wert, ob sich hinter dergleichen Sinnstiftungsversuchen nicht vor allem ein Unbehagen der Popkritik an ihrem Gegenstand ausdrückt: der auch sonst nur mühsam unterdrückte und hier ganz beiseitegeschobene Verdacht, dass Popmusik am Ende doch nur für die Tanzflächen gemacht wurde. In den dümmlich-kreischenden Nostalgieshows im Fernsehen wird immer so getan, als könne man etwas nur gut finden, wenn die richtige "Haltung" dahintersteckt, und das ist natürlich die Ironie - eines der überschätztesten Dinge überhaupt. Die Popkritik macht es oft genauso und will wissen, ob alles auch ernst gemeint sei. Über so etwas lässt sich natürlich endlos reden. Aber jetzt hat es ein Ende damit. "Blumfeld", die wohl doch wichtigste deutsche Band, machen noch eine Tournee, dann ist Schluss. Aber Jochen Distelmeyer, dieses Naturereignis unter den deutschen Popmusikern, an dem die ganzen Kritiken einfach abprallten, macht hoffentlich weiter. edo.