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Glosse Feuilleton Wunschwirklichkeit

22.07.2007 ·  Dicke Bäuche überall. Am Frühstückscafé in Schöneberg gehen während eines einzigen Espresso drei Schwangere vorbei. In Mitte sind Babys in großer Zahl unter eleganten Businessklamotten versteckt. Den Schlachtensee umrunden die Kleinen in pränatalen Fitnessgruppen.

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Dicke Bäuche überall. Am Frühstückscafé in Schöneberg gehen während eines einzigen Espresso drei Schwangere vorbei. In Mitte sind Babys in großer Zahl unter eleganten Businessklamotten versteckt. Den Schlachtensee umrunden die Kleinen in pränatalen Fitnessgruppen. Runde Frauen, wohin man auf Berliner Straßen und Wegen blickt - ist etwa der ersehnte Babyboom da? Seit zehn Jahren geht die Zahl der Geburten in Deutschland kontinuierlich zurück, seit fünfunddreißig Jahren schon gibt es mehr Tote als Neugeborene. Sechshundertzweiundsiebzigtausend Kinder kamen in Deutschland im vergangenen Jahr zur Welt, zehn Jahre zuvor waren es noch siebenhundertsechsundneunzigtausend gewesen und 1968 ganze 1,2 Millionen. Da kommt nicht nur die Sorge um fehlendes Kinderlachen in den Straßen auf. Längst profilieren sich die Hüter der Rentenkassen als Kinderlobbyisten erster Güte, ARD und ZDF widmen ganze Themenwochen der neuen Freude am Kind und knipsen dafür Schunkelabende für Senioren ab. Die Arbeitgeberverbände werben bei ihren Mitgliedern für Betriebskindergärten, und die Bundesregierung nimmt seit Anfang des Jahres potentiellen jungen Eltern die Angst vor dem finanziell-beruflichen Absturz, indem sie Lohnausfälle ausgleicht. Und siehe da, das Vorzeichen der Geburtenstatistik hat sich geändert: Im ersten Quartal 2007 sind mehr Kinder zur Welt gekommen als im Vorjahresquartal, die Bundesfamilienministerin begrüßt die Entwicklung freudig erregt. Die Sofortreaktion aus dem von-der-Leyenschen Pressestab zeigt aber nur, wie groß die Verzweiflung ist. Denn die neuen Zahlen können den optischen Babyboom auf den Straßen Berlins nicht bestätigen: Dort, wo sich Schwangere ballen, ist wie im Fall des Schöneberger Cafés nur die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein Frauenarzt in der Nähe seine Praxis hat. Auch die Wunschträume der Familienpolitiker laufen weiter ins Leere, die Statistiker trennen sauber Wunsch und Wirklichkeit. Denn das gefeierte Plus bei den Geburtenzahlen bleibt innerhalb des banalen statistischen Rauschens: 0,4 Prozent - die Zahl ist so schmal, dass keine Schwangere dahinter passt. Besonders Pfiffige hatten die Erwartung verbreitet, die Partylaune während der Fußballweltmeisterschaft könne neben Gewinnsteigerungen in der Getränkeindustrie auch eine demographische Dividende abwerfen. Das Bild der drögen Jungelternschaft, die künstlich euphorisiert oder noch besser betrunken sein muss, um sich für Kinder zu entscheiden, hat sich nicht bestätigt. Was sonst als eine Megasause kann eine Trendwende einleiten? Sachdienliche Hinweise nimmt jedes Familienministerium entgegen. csl.

Quelle: F.A.Z., 23.07.2007, Nr. 168 / Seite 29
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