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Glosse Feuilleton Wolffs Werte

29.06.2007 ·  Nur zehn Prozent der Fläche jener vieldiskutierten Kölner Moschee sollen, nach Auskunft des Bauherrrn, des deutschen Arms der türkischen Religionsbehörde, als Gebetsraum dienen. Über den Rest schweigen am liebsten all jene, die ohnehin ...

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Nur zehn Prozent der Fläche jener vieldiskutierten Kölner Moschee sollen, nach Auskunft des Bauherrrn, des deutschen Arms der türkischen Religionsbehörde, als Gebetsraum dienen. Über den Rest schweigen am liebsten all jene, die ohnehin finden, Religion sei viel mehr als Predigt, Liturgie und Glaube. Die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) macht in diesem Sinne einen Vorschlag. Sie möchte in den Schulen ihres Landes mehr Raum für Fragen nach dem Sinn des Seins und der menschlichen Existenz schaffen. Warum nicht? Eigenartig nur, dass sie solche Fragen genau so für Gegenstände des Biologieunterrichts hält wie mancher Muslim Frauenrechte, Lehrpläne und Strafgesetze für Fragen der Religion. Genauere Angaben, wie viel Prozent der traditionell von Wissenschaft umbauten Fläche nun Diskussionen über die Schöpfungslehre zugeführt werden sollen, macht die Ministerin zwar nicht. Aber dass es um eine Einführung der Bibel in den Biologieunterricht gehen soll, daran lassen ihre Mitteilungen keinen Zweifel. Frau Wolff wiederholt, was sie schon im vergangenen November eine Reihe von Professoren hat brieflich wissen lassen. Zwischen Evolutionstheorie und Schöpfungslehre sehe sie keinen Widerspruch, vielmehr eine "erstaunliche Übereinstimmung". Das ist nicht nur angesichts der biblischen Behauptung, Gott habe die Pflanzen vor der Sonne und die Frau aus dem Mann geschaffen, eine bemerkenswerte Deutung. Es erklärt auch alle Kämpfe, die für die Evolutionstheorie und eine von theologischen Mitspracherechten freie Naturforschung durchgestanden werden mussten, nachträglich zu einem ideengeschichtlichen Irrtum. Der ganze Streit um Darwin war gewissermaßen überflüssig, weil Religion und Wissenschaft ohnehin "in Verbindung" zu bringen seien. Verfechter dieser Art von Harmonie betonen mit Vorliebe, die Wissenschaft sei ja auch nur ein Weltbild unter anderen; im Grunde, soll das heißen, auch nichts anderes als eine Religion. Der rhetorische Trick liegt auf der Hand: Aus der Tatsache offener Fragen wird geschlossen, dass für die Antworten auch Metaphysik oder die Bibel in Betracht kommt. Ergänzt wird dieser Trick durch einen weiteren, dessen sich auch Frau Wolff bedient. Zunächst wird der Erziehungsauftrag der Schule als ein "christlich-humanistischer" behauptet. Danach betont man - und wer würde widersprechen? -, dass die Bibel ein in alle Lebensbereiche ausstrahlendes Buch sein kann. Und schließlich zieht man, unter Weglassung von "humanistisch", die Schlussfolgerung, die Vermittlung christlicher Werte könne also "nicht allein Aufgabe des Religionsunterrichts sein". Frau Wolff hält mithin die Vermittlung christlicher Werte für eine Aufgabe des Biologieunterrichts. Jetzt muss sie ihren Biologielehrern, unter denen vermutlich auch religiös indifferente sind, nur noch mitteilen, wie sie das machen sollen. kau

Quelle: F.A.Z., 30.06.2007, Nr. 149 / Seite 37
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