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Glosse Feuilleton Wo ist der Schaden?

 ·  Das Bistum Hildesheim kündigt einer Lehrerin fristlos den Arbeitsvertrag. Sie hat in seinem Auftrag mehr als dreißig Jahre lang an einer Braunschweiger Gesamtschule katholischen Religionsunterricht erteilt.

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Das Bistum Hildesheim kündigt einer Lehrerin fristlos den Arbeitsvertrag. Sie hat in seinem Auftrag mehr als dreißig Jahre lang an einer Braunschweiger Gesamtschule katholischen Religionsunterricht erteilt. Der Vorwurf lautet, dass sie auch noch andere Fächer gab. Auf Bitten eines inzwischen pensionierten Schuldirektors sprang sie unter Umständen des Lehrermangels seit den neunziger Jahren ein: in Gesellschaftslehre und bei Engpässen sogar in evangelischer Religion. Eine Ausbildung dafür besaß sie nicht, die Lehrbefähigung hatte die gelernte Goldschmiedin in kirchlichen Abendkursen erworben, ihre Lehrerlaubnis bezog sich nur auf katholische Religionsstunden. Das Bistum spricht von gestörtem Vertrauen durch Vertragsverletzung. Was es nicht in Rechnung stellt, ist, dass die gute Führung einer Schule in Deutschland ohne Rechtsbrüche praktisch nicht mehr möglich ist. In Hessen hat man durch die "Unterrichtsgarantie plus" legalisiert, was andernorts als Verwechslung von Wach- mit Lehrpersonal bezeichnet würde: die Beaufsichtigung von Schülern durch interessierte Laien. Neulich wurde sogar nachgelegt, die Qualifikation zum Lateinlehrer auf dem Wege einer Fortbildungsmaßnahme ohne Fachstudium zu ermöglichen. Der Unterschied des Braunschweiger Falls: Die Lehrerin war schon fast zwanzig Jahre lang unterrichtserfahren, als sie um den Quereinstieg in andere Materien gebeten wurde. So war es denn auch kein Bericht von Lehrern, Schülern oder Eltern über eine vom Stoff offenbar überforderte Lehrkraft, der den Vorgang auslöste, sondern nur eine amtliche Prüfung von Stundenplänen. Der naheliegende Reflex ist der eines "Wo kämen wir denn da hin, wenn ...?" Die Frage lässt sich beantworten. Wir kämen zu Schulen, die mit ihrer Autonomie in Notlagen Ernst machen könnten. Und wir kämen zu einem Verständnis des Lehrberufs, für das zwanzig Jahre Unterrichtserfahrung im vor Ort geprüften Einzelfall acht Semester Geschichtsstudium samt Fachdidaktik ersetzen können. Der Namenspatron der Gesamtschule ist als Reichstagsabgeordneter übrigens durch den hübschen, wenn auch nicht vollkommen mit dem Römerbrief konformen Satz bekannt geworden: "Meine Herren, ich will Ihnen sagen: Wir pfeifen etwas auf das ganze Gesetz!" Keine ordentliche Schule wird auf dieses "etwas" weit diesseits der Gesetzlosigkeit verzichten wollen. Auf zum Gütetermin also, Bistum Hildesheim, denn gegenüber diesem Vergehen ist Güte wirklich am Platz. kau

Quelle: F.A.Z., 29.05.2007, Nr. 122 / Seite 37
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