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Glosse Feuilleton Win-Win

 ·  Jetzt, wo selbst der Fahrradhändler von einer "Win-Win-Situation" spricht, müssen wir uns diese Wortschöpfung, die mit Macht aus der soziologischen Literatur in die Umgangssprache drängt, etwas eingehender ansehen.

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Jetzt, wo selbst der Fahrradhändler von einer "Win-Win-Situation" spricht, müssen wir uns diese Wortschöpfung, die mit Macht aus der soziologischen Literatur in die Umgangssprache drängt, etwas eingehender ansehen. Ich wollte von dem Fahrradhändler wissen, was er mir empfehlen würde: ein Rad zu kaufen, bei dem die Vordergabel mit gummibewehrter Federung ausgestattet ist, oder ein solches, bei dem die Gabel ungefedert ist, nichts als starres Metall. Über das Für und Wider setzte mich der Fahrradhändler wie folgt ins Bild: Die Federgabel federe natürlich, bedeute also für den Körper ganz eindeutig eine Wohltat, zumal auf längere Sicht. Die Federgabel mache aber andererseits das Fahrrad auch schwerer, und die Gabel müsse überdies alle zwei bis drei Jahre wegen Federverschleißes ersetzt werden, was nicht unerheblich sei, zumal auf längere Sicht. Sollte ich also würfeln? Ich suchte das Gefühl der Ausweglosigkeit, das mich bleiern beschlich, augenblicklich mit einem matten "So hat eben alles seinen Preis" zu verdecken. Der Fahrradhändler aber strahlte und sagte, ich befände mich in einer Win-Win-Situation. Womit er wahrscheinlich nur sagen wollte, es sei doch gehüpft wie gesprungen, Jacke wie Hose, wofür ich mich entscheiden würde: So oder so, mit federnder Gabel oder mit starrer, könne ich nur gewinnen. Und doch war ich in dem Moment sehr froh, dass der Fahrradhändler nicht von gehüpft wie gesprungen sprach, nicht Jacke wie Hose sagte, sondern Win-Win. Aller Defätismus, der dem Endlichen anhaftet, sobald es ans Entscheiden geht, schien wie weggeblasen. Ich wusste mit einem Mal in einer ganz umfassenden Weise, dass ich im Leben nur gewinnen kann. Immer und überall: Win-Win! Der Mann mit der Federgabel hat mir die Augen geöffnet - dafür, dass die Welt voller Doppelsiege ist, dafür, dass ein Denken in Verlustposten etwas entsetzlich Phantasieloses, alteuropäisch Konventionelles hat. Nicht hier ein Gewinner und dort ein Verlierer, sondern Win-Win überall! Alles hängt davon ab, nur Lösungen zuzulassen, bei denen sich alle Beteiligten als Sieger sehen, statt sich grummelnd in Kompromisse zu fügen. Genau das meint die Win-Win-Strategie ja auch in ihrer ursprünglichen, der Verhandlungsführung dienenden Harvard-Fassung. Was von der Harvard-Fassung im Fahrradladen übrigbleibt, ist freilich etwas viel Größeres als das Klein-Klein irgendeiner politischen oder ökonomischen Verhandlungsführung. Es ist eine alle Stöße des Daseins wundersam abfedernde Überzeugung, die da aus dem Mund des Fahrradhändlers spricht, wenn er durch alle Gabeln hindurch mir zu verstehen gibt: Es soll Ihr Schaden nicht sein, auf dieser Erde zu leben. Und dennoch: Als ich mich für die gefederte Gabel entschieden habe, der langen Sicht auf meinen Körper wegen, werde ich ein beunruhigendes Gefühl nicht los, so sehr ich auch - Win-Win - in die Pedalen trete. Es ist das Gefühl, das Ganze hier könnte nicht ohne Verlust abgehen. gey

Quelle: F.A.Z., 18.08.2007, Nr. 191 / Seite 31
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