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Glosse Feuilleton Weich gekocht

22.02.2006 ·  Der spanische Avantgarde-Koch Ferran Adria wird an der kommenden documenta teilnehmen, wie deren Leiter Roger M.Buergel vorgestern bekanntgab. Sollten da nicht die Gourmets mit Fahnen auf die Straße stürmen und den Durchbruch für ...

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Der spanische Avantgarde-Koch Ferran Adria wird an der kommenden documenta teilnehmen, wie deren Leiter Roger M.Buergel vorgestern bekanntgab. Sollten da nicht die Gourmets mit Fahnen auf die Straße stürmen und den Durchbruch für eine Kochkunst feiern, die sich nun nicht mehr um die Akzeptanz des Zusatzes "Kunst" sorgen muß und einen der ihren direkt in den Olymp der Moderne entsenden darf? Nein, im Gegenteil, es steht Schlimmes zu befürchten. In Kassel will man im nächsten Jahr laut Buergel "die Grenzen des Erträglichen ausloten" und offeriert deshalb - wir nehmen an: im grenznahen Bereich - Lebensmittelkreationen der etwas anderen Art. Das klingt nicht gut, das klingt nach Oberfläche und nach Intellektuellen-Stammtisch auf der Suche nach plakativen Reizen. Wer je die opulenten Bände des Adria-Werkverzeichnisses ("El Bulli, 1983-2004") in den Händen gehabt hat, wird wissen, daß darin viele schöne Bilder von wirklich bizarren Elaboraten zu finden sind, die in ihrer Mehrzahl keinerlei Ähnlichkeit mehr mit einem normalen Gericht aufweisen, dafür aber als Objekte zahlreiche Parallelen zu bereits existierenden Arbeiten der bildenden Kunst. Diese Bilder sind das optische Protokoll einer kulinarischen L'art-pour-l'art-Forschung und bedürfen zur sachgerechten Entschlüsselung der genauen Kenntnis des Konzepts von Adria und der Kochkunst insgesamt. Wer diese Schöpfungen isoliert als optische Kuriositäten rezipiert, hat nichts verstanden und leistet dem kulinarischen Unverstand weiteren Vorschub. Man darf vielleicht daran erinnern, daß sich die Kunstszene bisher kaum in anderer Weise mit der entwickelten Kochkunst befaßt hat als durch die ebenso falsche wie triviale Gleichsetzung von Tellerdekoration und künstlerischem Akt. Ein Buch wie "Kochen = Kunst" von Melanie Brugger (Zürich 2004) verdeutlicht dies in geradezu beschämender Art und Weise. In Kassel droht eine weitere Boulevardisierung der Kochkunst. Dabei müßte die nächste Stufe ihres Weges darin bestehen, daß man sich endlich des komplexen Geschehens rund um das Essen und seiner Funktionen bewußt wird. Noch wissen wir nicht, was man auf der documenta mit Adria anstellen wird. Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät. Der erste Eindruck ist freilich der, daß man dem Meister raten möchte, noch einmal über eine Absage nachzudenken. J.D.

Quelle: F.A.Z., 23.02.2006, Nr. 46 / Seite 35
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