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Glosse Feuilleton Walsers Fragen

04.11.2005 ·  Zu der von vielen befürchteten, von anderen nicht ohne Vorfreude erwarteten Gerichtsverhandlung zwischen Marcel Reich-Ranicki und Martin Walser wird es allem Anschein nach nicht kommen. Marcel Reich-Ranicki hat in einem Interview ...

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Zu der von vielen befürchteten, von anderen nicht ohne Vorfreude erwarteten Gerichtsverhandlung zwischen Marcel Reich-Ranicki und Martin Walser wird es allem Anschein nach nicht kommen. Marcel Reich-Ranicki hat in einem Interview über Walser gesagt: "Er hat, sinngemäß, geschrieben, daß die Juden, die den Holocaust überlebt haben, allein durch ihre Existenz ihren deutschen Zeitgenossen das Leben schwermachen. Mit anderen Worten: Er verübelt Juden, daß sie überlebt haben. Das ist durchaus kein Antisemitismus, das ist schon Bestialität." Martin Walser forderte daraufhin über einen Anwalt eine Unterlassungserklärung Reich-Ranickis. Jetzt hat der Kritiker dem Schriftsteller geantwortet und sich "ohne Anerkennung einer rechtlichen Verpflichtung" bereit erklärt, die beanstandete Äußerung öffentlich nicht mehr zu wiederholen. Der Sechsundachtzigjährige sagt, er verspüre keinerlei Bedürfnis nach einer weiteren Auseinandersetzung mit einem Autor, dessen Werk er seit fast einem halben Jahrhundert kritisch begleitet habe. Und auch Martin Walser wird sich kaum wünschen, daß ein Gericht klärt, was in den mit Vehemenz geführten Diskussionen um seine Paulskirchenrede von 1998, den Roman "Tod eines Kritikers" oder zuletzt um die Befunde der detailreichen Studie "Auschwitz drängt uns

auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser" des Germanisten Matthias N. Lorenz strittig geblieben ist. Denn strittig geblieben ist bis heute manches. Marcel Reich-Ranicki hat jetzt erklärt, er sei der Auffassung, daß die Entscheidung darüber, ob Walsers Äußerungen und Einstellung als antisemitisch zu verstehen sind, nicht einem Gericht übertragen werden sollte. Walsers umstrittene Paulskirchenrede handelte nicht zuletzt von jenen Fragen der Geschichte, der Moral und des Gewissens, deren Beantwortung der Schriftsteller als nicht delegierbar versteht. Was Walsers Judendarstellungen im Leser bewirken, kann kein Gericht entscheiden, sondern nur der Leser selbst. In diesem Sinne ist es konsequent, daß Walser seine Leser durch seine gezielten Provokationen zumindest indirekt aufgefordert hat, seine literarischen Werke noch einmal in einem anderen Licht zu sehen. Es ist immer wieder Walser selbst, der die Fragen seiner Leser und seiner Kritiker erzwingt. Ihre Antworten indes kann er weder bestimmen noch verbieten. igl

Quelle: F.A.Z., 05.11.2005, Nr. 258 / Seite 37
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