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Glosse Feuilleton Vom Elternglück

 ·  Nicht alles spielt sich im Kopf ab, aber doch wohl mehr, als man bis vor Jahreswechsel glauben mochte. Nehmen wir das Kinderzeugen. Mit dem Elterngeld ist hier ja alles anders geworden, wie man aus den glücklichen Gesichtern der Frischentbundenen am Neujahrsmorgen lesen durfte.

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Nicht alles spielt sich im Kopf ab, aber doch wohl mehr, als man bis vor Jahreswechsel glauben mochte. Nehmen wir das Kinderzeugen. Mit dem Elterngeld ist hier ja alles anders geworden, wie man aus den glücklichen Gesichtern der Frischentbundenen am Neujahrsmorgen lesen durfte. Der Spaß ist zurückgekehrt. Und hätten wir wie jüngst drei amerikanische Psychologen der Washington-Universität die Gelegenheit gehabt, nicht nur in die Gesichter, sondern auch in die euphorisierten Gehirne der Jungväter und -mütter blicken zu dürfen - die Bilder aus dem Kernspintomographen hätten uns die Vorfreude auf das Kommende gewaltig versüßen können. So sieht sich die Wissenschaft am liebsten, ein ewiger Quell der Freude. Die Studenten, die sich auf Geheiß der Washingtoner Seelenforscher anschickten, ihren kommenden Geburtstag zu avisieren und denselben unter kernspintomographischer Beobachtung im Geiste zu planen, sollten uns einen tiefen Blick in das Geheimnisvollste der menschlichen Verstandesleistung gewähren: den Blick in die Zukunft. Gesehen haben wir in der zu Neujahr bekanntgewordenen Publikation der amerikanischen Nationalen Wissenschaftsakademie einstweilen leider wenig mehr als ein Feuerwerk der Neuronen, dessen Urheber im Gehirn nicht zu verorten ist und dessen Bedeutungsgehalt im farbigen Rauschen der Bilder untergeht. Wahrscheinlich wäre das junge Elternglück ohnehin schlecht beraten, sich den Torturen des Tomographen zu unterziehen. Denn Elternglück und zumal der Wunsch nach mehr davon, wie es der neue demographische Imperativ verlangt, kann sich als allzu flüchtiger Gefühlsmoment erweisen. Der Japaner weiß das: Zuerst hat man die Kinder auf dem Arm, dann auf dem Schoß und schließlich auf dem Rücken. Nun legt die Wissenschaft, auch dies in einer Publikation der amerikanischen Wissenschaftsakademie, den Finger in die Wunde, genauer: Experten des österreichischen Konrad-Lorenz-Instituts für Verhaltenforschung und der University of Utah, indem sie die "differentiellen Fitness-Kosten der Fortpflanzung bei beiden Geschlechtern" ermittelte. Fazit: Viele Kinder machen krank und verkürzen das Leben sowohl der Mutter als auch - wenn auch weniger signifikant - des Vaters. Bei wie vielen Kindern "die Reproduktion zum Risiko" werde, vermochten die Forscher aus der lückenlosen Bevölkerungsstatistik der Mormonen offenbar nicht exakt zu ermitteln. Irgendwo zwischen acht und vierzehn vermuten wir den Grenzwert. Wichtiger für unsere praktischen Zwecke ist aber ohnehin die Mitteilung der Datenquelle: Sie stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert, einer Zeit also, als weder Kernspintomograph noch Elterngeld zur Hand waren. Wo sollte da das Elternglück herkommen? jom

Quelle: F.A.Z., 02.01.2007, Nr. 1 / Seite 35
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01.01.2007, 17:05 Uhr

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Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 3 3