„Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter“, glaubt der Kölner, und dass es so weit nicht kommt, dafür sorgen Steinverwitterung, Umweltschäden und saurer Regen derart zuverlässig, dass sie neunzig Fachleute, von Steinmetzen über Bildhauer und Gerüstbauer bis zu Kunsthistorikern, in Lohn und Brot halten. Die aber haben mehr Arbeit, als ihnen recht ist und die „ewige Baustelle“ hergibt. Denn auch der Dom ist zunehmend Ziel von Zerstörungswut, und die tobt sich vor allem an der Westfassade aus: Vor dem Hauptportal aufgestellte Gottesdienstschilder, so berichtet die Dombaumeisterin, würden genutzt, um an die kleinen Figuren auf den Konsolen und die Fialen im oberen Mauerbereich zu gelangen, die abgerissen, zertrümmert und nach Hause getragen werden – und das obwohl mit dem Bruchstein niemand etwas anfangen kann.
Nicht Touristen und durchreisende Souvenirjäger, so vermutet die oberste Hüterin des Weltkulturerbes, seien die Täter, vielmehr spreche, „weil die Schäden eher in den Morgenstunden entstehen“, viel für Einheimische. Deren Vandalismus hat, wenn nicht Tradition, so doch ein aktenkundiges Vorbild: 1794 wurden, so berichtet Anton Engelbert D’Hame in seiner ersten großen, 1821 erschienenen „Historischen Beschreibung“ der Hohen Domkirche zu Cöln, Kunstschätze aus dem Gotteshaus auf den Neumarkt verbracht und in einem republikanischen Freudenfeuer verbrannt – doch nicht etwa, so wundert sich D’Hame, von den französischen Besatzungstruppen, sondern von den revolutionär entflammten Kölnern selbst.
Der Dom hinter Gitter
Heute aber, darauf verweisen die zahlreichen Glassplitter von Bierflaschen an den Abbruchstellen, sind kölschbeladene Zechkumpane auf dem Heimweg nach Dellbrück oder Longerich unsere Nachahmer der Taliban. Auch von den neuen Überwachungskameras im umgebauten Eingangsbereich des Südturms lassen sie sich nicht abschrecken, und so wird in Köln einmal mehr die Frage diskutiert, wie das Wahrzeichen besser geschützt werden kann. Auch die Debatte um die ungeliebte Domplatte bekommt dabei neue Nahrung: Wie sie die Kirche in den Mittelpunkt rückt, stellt sie diese auch der totalen Verfügbarkeit anheim, vor der der Dom, solange er auf dem Hügel stand und Treppen den Zugang „erschwerten“, sicherer war. Doch das Stück volksnahe Architektur zurückzubauen würde eine städtebauliche Großoperation erfordern, und so kann die Polizei nur ankündigen, mehr Patrouillen gehen zu lassen. Die Dombaumeisterin aber denkt auch über einen Zaun nach, wie er das Südportal schon seit Jahren abschirmt: Der Dom hinter Gitter, das müsste die Kölner ins Herz treffen.