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Glosse Feuilleton United 93

07.05.2006 ·  Das Kino war Vorbild - diese Einsicht gehörte zu den ersten Gewißheiten nach den Anschlägen des 11. September 2001. Nur das Kino kann uns zeigen, was wirklich geschah - diese Überzeugung steht hinter der Spielfilmrekonstruktion der ...

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Das Kino war Vorbild - diese Einsicht gehörte zu den ersten Gewißheiten nach den Anschlägen des 11. September 2001. Nur das Kino kann uns zeigen, was wirklich geschah - diese Überzeugung steht hinter der Spielfilmrekonstruktion der Ereignisse in dem vierten entführten Flugzeug, "United 93", dem einzigen, das sein Ziel verfehlte. Der Film läuft seit gut einer Woche in den amerikanischen Kinos, und trotz allen Unkens zuvor gehen die Amerikaner hin, um ihn zu sehen und sich einer ähnlichen Erfahrung wie der Emotion auszusetzen, die sie vor gut viereinhalb Jahren vor dem Fernseher zum Heulen brachte und in Wut, Aufregung und Trauer versetzte. Daß die Bilder, die sie heute sehen, gestellt und nur eine Annäherung an die Ereignisse sind, wissen sie natürlich auch. Dennoch wird dieser Flug, auf dem die Passagiere gegen ihre Entführer rebellierten und der mit dem Absturz der Maschine in einem Feld in Pennsylvania endete, offenbar erst wirklich in seiner fiktiven Form. Und die ist überaus kunstvoll. "United 93" nagelt die Zuschauer auf die Sesselkante, weil der Film bestimmte Strategien verfolgt, die der Wirklichkeit nicht zur Verfügung stehen, und weil der Regisseur etwa die Hälfte der Filmzeit den Ereignissen in den verschiedenen Kontrolltürmen und Armeestützpunkten widmet. Denn auch in einem entführten Flugzeug geschieht nicht genug, um über die Länge eines Spielfilms die Spannung zu halten, die der Regisseur auch mit Hilfe seiner Schauplatzwechsel an die Grenze zur Unerträglichkeit steigert - und das, obwohl wir wissen, was geschehen wird. Die Erschütterung des Publikums ist echt. Aber Emotionen im Kino sind kalkulierbar und beweisen zunächst nicht mehr, als daß ein Regisseur sein Handwerk versteht. Jetzt hat Daniel Henninger im "Wall Street Journal" den Film als Gegengift zum Urteil im Moussaoui-Prozeß empfohlen. Er geht sogar so weit zu vermuten, daß die Geschworenen, hätten sie "United 93" vor ihrer Urteilsfindung gesehen (was ihnen nicht gestattet war), die Todesstrafe statt lebenslanger Haft verhängt hätten. Wenn das Kino als Vorbild terroristischer Aktionen taugt, das scheint die Logik hinter dieser Vermutung zu sein, dann auch als Beweis in dem Prozeß, der einem Terroristen gemacht wird. "United 93" bringe wieder an die Oberfläche, so schreibt Henninger, was mit der Zeit verblaßt sei, nämlich die Verachtung der Entführer für ihre Opfer. Und deren Unschuld. Und die Einigkeit Amerikas in seinem Kampf gegen den Terror, die im Streit über den Präsidenten zerbröckelt sei. Gefühle an die Macht, scheint er zu rufen, und uns bleibt nur die Hoffnung, daß er nicht gehört wird. lue.

Quelle: F.A.Z., 08.05.2006, Nr. 106 / Seite 37
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