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Glosse Feuilleton Um Wimmels willen!

11.07.2007 ·  Wie man sich im amerikanischen Verlagshaus Boyds Mills Press einen Museumsbesuch mit Kindern vorstellt, lässt sich immerhin vermuten: Als Elternteil weicht man den Kleinen nicht von der Seite, der Blick ist wachsam, die Armmuskeln sind angespannt.

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Wie man sich im amerikanischen Verlagshaus Boyds Mills Press einen Museumsbesuch mit Kindern vorstellt, lässt sich immerhin vermuten: Als Elternteil weicht man den Kleinen nicht von der Seite, der Blick ist wachsam, die Armmuskeln sind angespannt. Erspäht man auf einem Exponat von weitem einen Streifen nackter Haut, gilt ein schützender Griff der kindlichen Augenpartie, während man das Schritttempo erhöht. Die Hand verharrt, bis die Gefahr passiert und der nächste Raum erreicht ist, der mit den Häschen, dann gibt sie den Blick wieder frei. Das ist zwar anstrengend für alle, dient aber dem kindlichen Seelenfrieden, also einem guten Zweck, und schließlich gibt es ja immer noch abstrakte Kunst. Oder man lässt den Museumsbesuch einfach bleiben. Der Nachteil dieser Verdunkelungsstrategie liegt freilich auf der Hand: Welches Kind würde nicht sofort die verbotenen Bilder als die interessantesten erkennen und unter der elterlichen Pranke hervorzublinzeln versuchen, was das Zeug hält? Deren Äquivalent im Bilderbuch ist der schwarze Balken, der Dinge verdeckt, über die Eltern erröten müssten, und so schlug Rotraut Susanne Berner dem amerikanischen Verleger, der ihre höchst erfolgreichen "Wimmelbücher" nun auch in der Neuen Welt verbreiten wollte, vor, die anstößigen Stellen auf diese Weise zu verbergen. Anstößige Stellen? Je nun, zum Beispiel wird in den vier Büchern, jedes von ihnen bildet eine Jahreszeit in einem kleinen Städtchen ab, ganz ordentlich geraucht. Und dann: Gibt es nicht in einem der Bücher eine Doppelseite, auf der in einer Ecke ein Haus gezeichnet ist, in dem sich wiederum ein Stockwerk befindet, das einen Raum enthält, in dem unter vielen anderen Kunstwerken auch ein Frauenakt hängt, vor dem sich zwei offensichtlich belustigte Kinder drängeln? Und dann diese Skulptur, sieben Millimeter hoch und eindeutig als Mann zu erkennen? Auf einen Balken aber wollte man sich im Verlag nicht einlassen, man dachte offenbar, berichtet Frau Berner, an eine unauffällige Retusche, um die sie sich, berichtet sie weiter, auch gar nicht selbst hätte kümmern müssen. Nur dass sie die goldene Brücke, über die sie der vorauseilend besorgte Verleger da förmlich tragen wollte, nicht akzeptieren mochte - wohl auch, weil sie, wie sie sagt, "in aller Unschuld" glaubt, dass "außer den Fundamentalisten mit ihren Lupen" niemand das Gliedchen des Anstoßes überhaupt bemerken würde. Fürs Erste werden die "Wimmelbücher" also nicht in den Vereinigten Staaten erscheinen, die dortigen Freunde pikanter Literatur müssen sie wohl importieren. Der Aufwand dürfte sich lohnen: Im Sommer-Wimmelbuch geht sogar einer mal aufs Klo. spre

Quelle: F.A.Z., 12.07.2007, Nr. 159 / Seite 33
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