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Glosse Feuilleton Tibet? Psssst!

10.01.2007 ·  Soll man mit Chinesen über Tibet, Taiwan oder das Tiananmen-Massaker von 1989 sprechen? Eine Broschüre, die das französische Tourismusministerium im Dezember an Reiseveranstalter verteilt hat, rät ab: Im selben Tonfall, mit dem das ...

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Soll man mit Chinesen über Tibet, Taiwan oder das Tiananmen-Massaker von 1989 sprechen? Eine Broschüre, die das französische Tourismusministerium im Dezember an Reiseveranstalter verteilt hat, rät ab: Im selben Tonfall, mit dem das Heft scharfe Saucen für die Gäste aus dem Fernen Osten nahelegt, empfiehlt es, scharfe politische Themen besser zu vermeiden. Mehrere französische Organisationen, von der Liga für Menschen- und Bürgerrechte über Amnesty bis zu "France Tibet", haben jetzt heftig dagegen protestiert, und dies zu Recht: Der staatliche Ratgeber erscheint wie das Symbol einer sich ausweitenden westlichen Politik, die vermeintlich reibungslose Diplomatie und gute Geschäfte mit einer Anpassung an Pekinger Sprachregelungen und Schweigegebote erkaufen will - und dies selbst bei Themen, bei denen das eigene westliche Selbstverständnis auf dem Spiel steht. Bei bestimmten Themen fühlten sich die Chinesen eben gestört, erklärt jetzt ein Sprecher des Maison de la France zur Verteidigung des Heftes - so als handelte es sich um eine spezielle Spezies Mensch, die besonderer Schonung bedürfe. Eine solche Perspektive verkennt die Klarsichtigkeit und den Mut, mit denen in China selbst viele Bürger die staatlichen Tabus unterlaufen - und sie befördert zugleich in der westlichen Öffentlichkeit das Missverständnis, man müsse nur einmal die Probleme deutlich ansprechen, um dieser bedauernswerten Gattung die Augen zu öffnen. Es gibt aber eine Weise, die "Menschenrechtslage" im Munde zu führen, die in ihrer wirkungslosen Stereotypie wie ein Spiegelbild der Selbstzensur wirkt: so, als genüge es, bei allen Gelegenheiten bloß das magische Wort zu nennen. Die chinesische Regierung hat mittlerweile eine ebenso professionelle wie freundliche Art gefunden, eine solche in ihrer Formelhaftigkeit durchschaute Kritik nicht minder formell ins Leere laufen zu lassen. Wie immer kommt es also darauf an, was wann zu wem gesagt wird. Es reicht, anders gesagt, nicht aus, als Europäer mit chinesischen Touristen über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu sprechen. Man muss auch wissen, dass diese Reisenden nicht durchweg ahnungslos oder Regierungsvertreter sind. Unvorsichtig allerdings sind sie gewiss auch nicht. Si.

Quelle: F.A.Z., 11.01.2007, Nr. 9 / Seite 31
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