Im Lande des Belcantos kennt man Netrebko nicht. Dieser teure Name, den von München bis Wien die Opernaficionados derzeit genußvoll im Schlaf buchstabieren, muß in der Rossini-Stadt Pesaro zunächst einmal schriftlich gegeben werden. Doch dann bedauert die Signora, als sie wiederauftaucht von ihren Recherchen in den unergründlichen Beständen des Musikaliengeschäftes Badelli, wortschwallartig: Leider, leider seien von dieser seltenen Oper Gioacchino Rossinis zur Zeit keine Noten lieferbar, geschweige denn eine Aufnahme. Ma una cantante? Diese Netrebko sei sogar eine Berühmtheit? Jetzt muß die Signora doch über uns lachen, sie schüttelt entschieden das Köpfchen. Eine famose Sängerin kann Anna Netrebko auf gar keinen Fall sein, das müßte sie wissen, schließlich arbeitet sie schon länger hier in der Via Almerigi, kaum eine Gehminute entfernt von Rossinis Geburtshaus in der Altstadt von Pesaro, wo soeben das sechsundzwanzigste Rossini Opera Festival begonnen hat und sich seit Jahrzehnten die großen Belcanto-Sänger ein Stelldichein gaben und immer noch geben: von der Tebaldi über die Horne bis Katja Ricciarelli, Cecilia Gasdia, Patricia Ciofio und nicht zu vergessen: Juan Diego Florez. Wolle man nicht lieber eine CD mit Florez kaufen? Oder am besten gleich mit Cecilia Bartoli? Bartoli-Alben hat man hier stapelweise vorrätig. Nicht weniger kategorisch, nur weniger leutselig gibt sich der Optikermeister zwei Straßen weiter, der so drohend seine Augen heraushängen kann wie nur je der teuflische Coppelius bei Offenbach: Auch er besteht darauf, uns am Ende gescheiterter Verkaufsverhandlungen ein Bartoli-Album mit auf den Weg geben zu wollen. Sein Brillengeschäft A. Rossi, seit 1880 in Pesaro auf dem Corso XI Settembre zu finden, wird alleweil zur Festspielzeit umgerüstet in einen Plattenladen und ein Schaufenster komplett mit Produkten des Labels Deutsche Grammophon möbliert: Es dirigieren Karajan und Abbado, es singen Horne, Florez und natürlich: Bartoli, Bartoli, Bartoli. Netrebko? Nie gehört. Dabei hat Salzburgs gefeierter "Traviata"-Star doch bereits vor Jahren in Petersburg die Rosina im "Barbiere" gesungen, sie war auch schon in Milano zu hören als Gilda, in Florenz als Susanna und hat sogar erklärte Belcantopartien wie die der "Lucia" oder "Norina" im Schallplattenstudio gestreift. Daß der weltweit ins Gigantische gewachsene Ruhm Anna Netrebkos dennoch vor der Alpengrenze dergestalt ins Stolpern kommen konnte, hat nicht nur lokalpatriotische Gründe. Pesaro, das idyllische Adria-Nest, ist immerhin zur Zeit unbestritten die musikalische Hauptstadt Italiens. Und da werden die Rollenfächer grundsätzlich anders gewertet. Für das Ausloten lyrischer Abgründe erntet ein Sopran in Stiefelland gewiß Anerkennung, doch noch keinen fanatismo. Der bricht hier erst aus beim champagnerlockeren Aufgischten glitzernder Spitzentöne und beim Sprudeln endloser Perlenkaskaden aus den allergeläufigsten Gurgeln. eeb