Je mehr das britische Königshaus an Macht und Ansehen verlor, desto eifriger hat es auf das zurückgegriffen, was mittlerweile unter dem Begriff "Spin" läuft. Schon zu Königin Viktorias Zeiten haben die Imageberater der in ihrem Witwentum schwelgenden Monarchin geraten, das höfische Zeremoniell in frischem Glanz aufleben zu lassen, um die Bevölkerung durch "Pomp and Circumstance" von der Bedeutung der Institution zu überzeugen. Der Historiker David Cannadine hat diese Herrlichkeits-Riten als "Kavalkade der Impotenz" bezeichnet. Während andere Monarchien sich dieser Mittel stets bedient hätten, um ihren Einfluß zu stärken, seien sie in Britannien erst durch die zunehmende Schwäche der Krone zustande gekommen. Das britische Königshaus hat, wie Cannadine in seinem brillanten Essay über die Erfindung der Tradition darlegt, Macht gegen Popularität eingetauscht. Seither wurden immer neue Versuche unternommen, die Relevanz der Monarchie durch Anpassung an das Zeitgefühl anschaulich zu machen. In den sechziger Jahren etwa ließen sich die Windsors beim Grillen filmen, um aller Welt zu zeigen, daß es bei Königs nicht anders zugeht als in jeder anderen Familie auch. Und als Prinzessin Diana ihren gewieften Instinkt für das Volksempfinden und ihr nicht weniger ausgeprägtes Mediengeschick anwandte, um die entfremdete Schwiegerfamilie als herzlose Menschen bloßzustellen, die nicht im Einklang mit der Zeit stünden, setzten sich die Imagemacher wieder ans Werk. Es galt, den Windsors einen lockereren, offeneren, moderneren Anstrich zu geben. Dazu gehört nun auch die Einwilligung der Königin, sich anläßlich ihres achtzigsten Geburtstages im nächsten Jahr von dem populären australischen Entertainer Rolf Harris porträtieren zu lassen, noch dazu vor laufender Kamera. Der joviale Harris preist sich kalauernd an als der "Zauberer von Aus", was sich im Englischen ausspricht wie Oz. Im britischen Fernsehen unterhält er das Publikum schon seit vielen Jahren mit gnadenloser Leutseligkeit. Er singt und macht Karikaturen, wie sie einen von den Staffeln der Straßenkünstler in jeder Touristenmetropole angrinsen. Je nach Bedarf kann er im Stil von Constable oder van Gogh, von Toulouse-Lautrec oder Monet malen. Das Porträt der Königin stellt er sich eher impressionistisch als fotorealistisch vor. Er wolle den "wirklichen Menschen" erfassen, nicht das Staatssymbol, verkündete der überglückliche Harris, der zudem der Hoffnung Ausdruck verlieh, daß er vor lauter Aufregung nicht in Panik geraten werde. Bei vielen hat die Meldung des Porträtmalers eine Mischung aus Hohn und Ratlosigkeit hervorgerufen. Die Königin hat mehr als 120 Künstlern Modell gestanden, von dem ungarischen Gesellschaftsmaler Philip de Laszlo über Annigoni bis hin zu Lucian Freud. Auf die Idee, daß sich ein Pasticheur wie Harris in diese Riege einreihen könnte, wäre niemand gekommen. Wie sehr der vulgäre Geschmack Gefallen findet an Schaueffekten, hat schon Walter Bagehot vor hundertvierzig Jahren in seinen "Reflektionen über die Monarchie" bemerkt. Das haben sich die Spindoktoren in Buckingham Palace offenbar zu Herzen genommen. G.T.