07.03.2006 · Nackte Zahlen sehen nie gut aus. Deshalb werden sie, bevor man sie der Öffentlichkeit zeigt, immer ein bißchen kostümiert und frisiert - eine bewährte Sitte, die erst dann nichts mehr nützt, wenn es keine Haare mehr gibt, die sich so oder so scheiteln ließen.
Nackte Zahlen sehen nie gut aus. Deshalb werden sie, bevor man sie der Öffentlichkeit zeigt, immer ein bißchen kostümiert und frisiert - eine bewährte Sitte, die erst dann nichts mehr nützt, wenn es keine Haare mehr gibt, die sich so oder so scheiteln ließen. Nachdem die Beratung über den Wirtschaftsplan 2006 der Berliner Opernstiftung vertagt wurde, weil es „formale“ Unklarheiten gab (so nannte es Operndirektor Michael Schindhelm) oder auch ein nicht abzuwendendes „Finanzproblem“ (so nannte es die Grünenpolitikerin Alice Ströver), wurde Anfang März flugs eine Meldung formuliert mit den allerhübschesten Zahlen darin.
Schließlich: Bund wie Stadt sind bannig stolz auf diese „modernisierte Institution“ (so sieht es Kultursenator Thomas Flierl), die sie als durchgreifende Sparmaßnahme gemeinsam geschaffen haben. Berlins Opernstiftung sei, so Schindhelm, drauf und dran, für 2005 quasi rückwirkend einen „Jahresüberschuß“ zu erwirtschaften. Sie habe auch viel mehr Besucher. Trotzdem ist die Tendenz zur Glatze zumindest halbseitig nicht mehr zu kaschieren: Die Auslastungszahlen der Komischen Oper sind auf 56,3 Prozent gesunken, und besagter „Überschuß“ verdankt sich vor allem dem planmäßigen Personalabbau - eine Maßnahme, die nicht einfach wiederholt werden kann.
Die Deutsche Oper entschuldigte sich für ihr schlechtes Abschneiden (nur noch sechzig Prozent Auslastung) peinlicherweise mit den Tagen Zeitgenössischer Musik - als hätten andere Häuser keine Ur- und Erstaufführungen im Plan oder als wäre es nicht gerade Sinn einer öffentlich geförderten Kulturinstitution, auch Zukunftsträchtiges zu ermöglichen. Die einzige unfrisierte Erfolgsnachricht kam aus der bestens geführten Staatsoper Unter den Linden, die sich auf 84 Prozent steigerte. Dort droht, davon wissen fein angezogene Zahlen geflissentlich nichts, demnächst die Schließung: Teile der Bühnenmaschinerie sind nicht mehr funktionsfähig, eine auf hundertzwanzig Millionen Euro geschätzte Grundsanierung steht an.
GMD Daniel Barenboim, der alte Fuchs, warf einen Stein ins Wasser und kündigte an: Zwei Drittel seines Preisgeldes als Siemens-Musikpreisträger wolle er persönlich stiften für die Sanierung seines Hauses. Daraufhin erwachte Kulturstaatsminister Bernd Neumann aus gerechtem Schlaf und führte im Interview plötzlich „geschichtliche Gründe“ und „nationale Bedeutung“ ins Feld dafür, daß die Stadt Berlin diese Opernsanierungssache „allein nicht schultern“ müsse. Nun hat gestern mittag der Berliner Senat dem Zuschußvertrag für die Opernstiftung zugestimmt. Und so lautet die nackteste aller Zahlen: Die 112 Millionen für die drei Häuser unter einem Dach werden weiter gekürzt auf 98 Millionen Euro bis 2009. Wenn die Lindenoper bis dahin eingestürzt ist, hat sich wieder ein Problem von selbst erledigt.